Schmuck Der alte, neue Weg

Glanz und Gloria: Das Meissen auf der Messe Baselworld 2011 eine Schmucklinie präsentierte, galt als Sensation. Dabei hat Sachsens Porzellan-Manufaktur auch darin eine über 230 Jahre alte Tradition.

Verantwortlich für den frischen Wind aus Meissen ist Christian Kurtzke, 42 Jahre alt, promovierter Elektrotechniker, Philosoph und ehemals Boston-Consulting-Manager. Zwischendurch erreicht der Wind, den der „Herr Doktor“ seit seiner Ernennung zum Vorsitzenden der Geschäftsführung vor drei Jahren entfacht, auch mal Orkanstärke. Wenn er zum Beispiel auf seinem Weg, den Staatsbetrieb in einen globalen Luxuskonzern umzubauen, um ihn zu neuer Rentabilität zu führen, erst einmal Unmengen von Porzellan zerschlägt. Das „weiße Gold“, auf das man hier so stolz ist, mit Kaolin aus eigenen Gruben, Feldspat und Quarz in patentierter, geheimer Mixtur, so wie sie Alchimist Johann Friedrich Böttger und der Naturforscher Walther von Tschirnhaus Anfang des 18. Jahrhunderts als erste Formel für europäisches Porzellan erfunden haben. Drei Jahrhunderte später lässt Meissens neuer Herrscher altes Geschirr zerschlagen, das sich seit Jahren unverkäuflich in den Regalen stapelt und als totes Kapital auch noch hohe Steuerkosten verursachte. Aber damit nicht genug: Christian Kurtzke baut eine Home- und Lifestyle-Kollektion auf, will eine „Villa Meissen“ in Mailand ausstatten, lässt schöne Architekturfliesen kreieren, ruft den „artCampus“ ins Leben, um mit zeitgenössischen Künstlern (demnächst mit Frank Stella) zu arbeiten, und er forciert die Schmucklinie „Meissen Joaillerie“ mit limitierten Stücken, die jetzt schon als Verkaufserfolg gelten.

Alles nicht neu, nicht fremd, betont der Geschäftsführer: „Wir haben ein Brennprotokoll gefunden, das besagt, dass bereits 1767 die ersten 31 ,Charms‘ aus Porzellan gebrannt wurden: verschiedene Symbole, die als Anhänger an Halsketten und Armbändern getragen wurden.“ Mehr noch: Der echte Anfang der Porzellan-Manufaktur Meissen liege ohnehin in der Schmuckherstellung. Als Johann Friedrich Böttger das Jaspis-Porzellan (Jaspis = Quarz) oder Böttgersteinzeug erfand, wurde gleich der Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger hinzugezogen, um es zu polieren, mit Gold und Edelsteinen zu versehen und die ersten Preziosendaraus herzustellen. „Mit dem Schatz der Vergangenheit wollen wir die Zukunft meistern“, erklärt der passionierte Chef, der die Marke Meissen gern in einem Atemzug mit Frankreichs Luxushaus Hermès genannt wüsste.

Autor:
Barbara Kraus