Das Schloss seiner Kindheit Altes Schloss in neuem Glanz

Hell und heiter wünschte sich der mailänder Designverleger Paolo Moroni den alten Landsitz seiner Familie nahe Piacenza. Sein Büropartner William Sawaya gab den Räumen ihre Großzügigkeit zurück - und nahm ihnen etwas von ihrer traurigen Geschichte.

Der Vater hatte das Kind auf die Schultern gehoben, damit es über die Mauer sehen konnte: auf den Park voller Zedern und Mandelbäume und auf das imposant alte Gemäuer mit dem mächtigen Backsteinturm. „Eines Tages wird dieses Haus mir gehören“, sagte sich der Kleine. Der Junge war Paolo Moroni, er ist heute Anfang 60 und erfolgreicher Designunternehmer in Mailand. Das Haus steht auf einem der Hügel im Piacentino, der Weingegend der Provinz Piacenza. Seine Ursprünge gehen ins 15. Jahrhundert zurück, die meisten An- und Umbauten stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, es gehört zu jenen Landsitzen, in denen hier lange Zeit Adelige und Unternehmer aus Genua und Bergamo die Sommermonate verbrachten. Auch Paolo Moronis Familie besaß in dieser Gegend Grundstücke und Häuser, er verbrachte hier oft die großen Ferien – und kannte das Haus hinter der Mauer also schon von klein auf.

Paolo Moroni

Schloßbesitzer Paolo Moroni

Aber er wusste nicht, dass es einst seinem Onkel gehört hatte. Dieser musste das Anwesen, da er jüdischer Abstammung war, 1944 in aller Schnelle verkaufen, um der Enteignung durch die Nazis zuvorzukommen und nach Brasilien zu fliehen. Den Preis hatte er damals die Käuferin bestimmen lassen, so eilig war die Angelegenheit. Die neue Besitzerin, inzwischen eine alte Dame, hielt es genauso, als sie ausgerechnet Paolo Moroni und seine beiden Brüder als Käufer ansprach. „Erst beim Notar wurde uns klar, warum“, erinnert sich Paolo Moroni. „Also fragten wir unsere Mutter aus. Sie hatte uns die ganze Geschichte und das Leid ersparen wollen, das damit verbunden war. Ihr Lebensmotto lautete: Niemals zurückblicken.“ Paolo Moroni ist ein wunderbarer Erzähler, er packt einen mit dieser Episode, aber er fasst sich zugleich kurz dabei. Sie soll seine Erinnerung nicht zu sehr belasten. Für das Haus wünschte er sich auf jeden Fall eine heitere Atmosphäre. Er und seine Brüder nutzen es als Refugium, von den rund 2000 Quadratmetern Fläche bewohnt er 400 auf zwei Etagen samt Turm. Mit Umbau und Renovierung beauftragte er seinen langjährigen Geschäftspartner William Sawaya, mit dem er in Mailand Sawaya & Moroni führt, eine international renommierte Marke für Avantgarde-Design. „Ich bat ihn, in den Räumen nur helle Farben zu verwenden“, erklärt Paolo Moroni, und William Sawaya brachte erst Struktur, dann Licht ins Haus. Er ließ nachträglich eingezogene Wände entfernen, gab den Räumen ihre ursprüngliche Großzügigkeit zurück und passte sie einer zeitgemäßen Nutzung an: der weitläufige Salon mit Zugang zum Park, die Küche im Turm, im ersten Stock über dem Wohnraum das Schlafzimmer des Hausherrn mit Bad und Ankleide, zwei weitere Schlafzimmer im Turm und ganz oben die Dachterrasse, von der der Blick weit über die sanfte Hügellandschaft geht. Die Holzdecken wurden weiß gestrichen, auf den Böden im Erdgeschoss helle Kalksteinplatten verlegt, im ersten Stock Parkett, weißer Marmor im Bad. Der Clou ist die Küche, die man erst auf den zweiten Blick als solche erkennt: Stauraum, Arbeitsflächen und alle Geräte verschwinden komplett hinter blassgrünen Schranktüren, während ein großer runder Tisch das Zentrum des Raums einnimmt, der Prototyp eines Entwurfs von William Sawaya. Die Lösung ist verblüffend in einem Landhaus, in dem man sich eher eine offene Wohnküche vorstellt. „Ich liebe Kochen, aber ich möchte nicht in der Küche leben“, sagt der Hausherr. „Küchen, die wie eine Ausstellung wirken, zum Vorzeigen sind, mag ich einfach nicht. Und ich sehe auch keinen Sinn darin, dass man beim Essen auf Pfannen und Herd blickt. Wir befinden uns hier in einem Speisezimmer.“ Und das hat mit seiner Rundumtäfelung, dem blassen Grün und dem Tisch in der Mitte etwas elegant Alpenländisches an sich – eine Anspielung auf Paolo Moronis Großmutter, eine Österreicherin.

Das Gemäuer passt sich dem modernen Lebensstil an, ohne seine Persönlichkeit zu verlieren. Die Wanne im großen Bad gehörte zum Haus, sie wurde restauriert, die Füße wurden versilbert. Im Salon verschwanden Fernseher, Musikanlage, Geschirr und Alltagskleinkram hinter deckenhohen Wandtäfelungen aus geweißtem Walnussholz. Der Raum wirkt so klarer, heller, großzügiger – und fast wie ein Gartenzimmer. Die Paneele im Erdgeschoss und die strengen Blockstreifentapeten in den Schlafzimmern dienen als selbstbewusste Passepartouts für das Mobiliar. Die Einrichtung nämlich besteht vor allem aus Stücken der markanten Sawaya-&-Moroni-Kollektionen, viele sind Prototypen aus allen Phasen der Firmengeschichte. Paolo Moroni und William Sawaya gründeten 1978 ein Büro für Architektur und Innenarchitektur, 1984 kam eine Firma für Designmöbel dazu. Bis heute sind beide getrennte Bereiche der Firma, in der William Sawaya für die Innenarchitekturprojekte, Paolo Moroni für den Designverlag zuständig ist. „Nicht immer sind wir uns einig“, meint Paolo Moroni. „Doch wenn es einem gelingt, den anderen zu überzeugen, sind wir sicher, dass die Idee stimmt.“ Ein Großteil der Möbelkollektionen gestaltet William Sawaya, außerdem werden Entwürfe weltbekannter Architekten verlegt: von Michael Graves etwa oder Zaha Hadid, von Charles Jencks, Daniel Libeskind und Jean Nouvel, von Dominique Perrault und Kazuo Shinohara. „Ich arbeite fast lieber mit Architekten als mit Designern zusammen“, sagt Paolo Moroni. „Und ich schätze starke Charaktere, die in der Lage sind, wirklich neue Formen zu erfinden.“

Die expressiven Möbel harmonieren in seinem Sommersitz ganz selbstverständlich mit der historischen Hülle. Zusammen mit einigen alten Stücken, die schon immer im Haus waren, mit antiken Kelims, chinesischen Vasen und anderen Fundstücken aus aller Welt spiegeln sie auch die Biografie des weit gereisten, vielsprachigen Hausherrn wider, der in England studierte, viele Jahre im Nahen Osten lebte – und in diesem Haus auch eine Brücke zurück in seine Kindheit schlägt. Paolo Moroni lächelt und sagt mit leisem Bedauern: „Ich bin eigentlich viel zu selten hier.“

 

Schlagworte:
Autor:
Cecilia Fabiani
Fotograf:
Santi Caleca