Pariser Debüt Appartement von Anne-Sophie Pailleret

Gerade Linien, runde Formen, und Schwarz-Weiß trifft Blau und Gold: Als Interior-Designerin Anne-Sophie Pailleret ein Altbau-Appartement in Paris umgestaltete, setzte sie auf subtile Kontraste, sinnliche Materialien und den Geist des Art déco. So entstand ein Zuhause für eine junge Familie, das repräsentativ und alltagstauglich zugleich ist. Eigentlich kaum zu glauben, dass dies ihr erstes eigenes Projekt war.

Die Innenarchitektin Anne-Sophie Pailleret aus Paris liebt Art déco. „Es ist ein so eleganter Stil, der im Überflüssigen das Notwendige sieht“, schwärmt sie. Wann immer es möglich ist, lässt sie einen Hauch davon in ihre Arbeit einfließen. Als ein aufstrebendes Paar der Pariser Gesellschaft sie beauftragte, ein großbürgerliches, gut 200 Quadratmeter großes Appartement an der Rue du Faubourg Saint-Honoré unweit des Place Charles-de-Gaulle umzugestalten, sah sie vor ihrem geistigen Auge sogleich Großes entstehen. Glanz und Großzügigkeit des vergangenen Jahrhunderts sollten sich hier mit modernem Wohnkomfort verbinden. Alltagstauglich und repräsentativ zugleich wünschten sich auch die Bauherren die Räume, die sie mit ihren beiden kleinen Söhnen bewohnten. Sie legten die Planung ganz in Anne-Sophie Paillerets Hände und gaben ihr Carte blanche – freie Hand und Blankovollmacht.

Es war auch ihr Debüt als selbstständige Interior-Designerin – und ein Türöffner für weitere Privataufträge, wie sich zeigen sollte. Nach dem Studium der Innenarchitektur an der renommierten École Boulle hatte sie zehn Jahre Events für die Luxusindustrie inszeniert und danach an der Seite des bekannten französischen Gestalters Jean-Louis Deniot gearbeitet, bevor sie ihr Studio gründete und selbst Räume dekorierte. An der Rue du Faubourg Saint-Honoré übernahm sie zum ersten Mal die Leitung eines kompletten Projekts. Zunächst teilte sie die Räume neu auf, öffnete den Eingangsbereich und vereinte diesen mit dem Wohnzimmer. Im hinteren Teil der Wohnung schuf sie aus den einstigen Wirtschafts- und Bedienstetenräumen zwei Kinderzimmer sowie ein zweites Bad. „Der alte Grundriss war gut“, erklärt Anne-Sophie Pailleret. „Ich habe vor allem kosmetische Eingriffe vorgenommen, die aber mein Konzept verdeutlichen, das heißt, dass die Wohnung ihre Spannung erhält durch den Kontrast zwischen runden und rechteckigen Formen.

Einerseits betonte sie die vorhandenen Ecken, Linien und Winkel mit einem schwarzen Rahmen der unterhalb der Decke im gesamten Wohnbereich verläuft, Türen und Fenster umfasst und sich sogar in Wandbildern wiederfindet. „Das hat etwas Grafisches und Strukturierendes.“ Andererseits wählte sie ausschließlich Möbel, Leuchten, Accessoires und Textilien mit runden Formen und Mustern aus. Selbst die Wand, die sie zwischen Küche und Salon setzen ließ, ist abgerundet. Sie bricht den grafischen Rahmen, lässt den Raum weich und fließend erscheinen. „Allerdings hat sie auch das Budget strapaziert. Die Kücheneinbauten sind Spezialanfertigungen, wie die Sitzbank im Essbereich“, sagt die Designerin.

Auch bei der Farbgebung setzte sie auf Kontraste. Die schwarzweiße Wandgestaltung zieht sich als Thema durch die Zimmer. Ergänzt wird sie durch Akzente in Mattgold: Die Brennstelle des offenen Kamins ist so gefasst und einzelne Felder auf den Türen der Schrankeinbauten sowie die Heizkörperverkleidung, die Anne-Sophie Pailleret als grafische Farbflächen in einer Art Mondrian-Stil gestaltete. Für die Möbel und Accessoires im Wohnbereich wählte sie die „Farben eines Pfaus“, wie sie erklärt. Die samtige, petrolfarbene Couch, die dunkelblauen Sessel, die Tischchen und Kissen in Azur entfalten, kombiniert mit dem metallig schimmernden Teppich, eine ähnliche Wirkung wie das geschlagene Rad des eleganten Vogels: Sie ziehen Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich. Ihre Schwäche fürs Art déco hat die Designerin im Gäste-WC geradezu hemmungslos ausgelebt: Der kleine Raum ist komplett mit einer silbrig changierenden Stofftapete mit stilisiertem Blattdessin verkleidet. Sie lacht, weil so viel Glanz an dieser Stelle natürlich nicht wirklich ernst gemeint ist.

Fünf Monate dauerte die Umgestaltung der Wohnung. Für die Planerin war es harte Arbeit, für die vierköpfige Familie ein Fest. Und das kam so: Weil die Familie bereits in der Wohnung lebte, wurde zunächst der Salon renoviert. „Ich ließ alles abhängen, erlaubte kein einziges Guckloch, um einen Blick auf die Baustelle zu werfen“, erzählt Anne-Sophie Pailleret. Zuvor hatte sie sich mit den Auftraggebern abgestimmt, ihnen Moodboards, Möbelkataloge, Stoffmuster gezeigt. Während die Handwerker das Parkett aufarbeiteten, die Wände strichen, Schreiner- und Elektroarbeiten ausführten, ging die Expertin einkaufen. „Suchen und finden ist für einen Dekorateur mit Abstand die wichtigste Aufgabe“, meint sie. Ihr Jagdrevier ist der Pariser Antiquitätenmarkt „Paul Bert Serpette“, einer der größten der Welt, und auch in den Galerien im Viertel Saint-Germain-des-Prés wird sie fündig: Schrankgriffe aus Bronze, ein Daybed von Finn Juhl, Messingdosen, ein rundes Wandregal von Joe Colombo von 1965. „Solche Vintage-Stücke machen eine Wohnung einzigartig.“ Was sie nicht kaufen konnte, entwarf sie selbst, wie den Stuhl im Eingang, das Sofa mit dem petrolfarbenen Samtbezug, Tisch und Bank am Essplatz.

Erst als auch die letzte Blumenvase an ihrem Platz stand, ließ sie die Familie eintreten. „Es war wie Weihnachten, ein Staunen und Raunen“, erinnert sie sich. Und so ging es weiter, Woche für Woche, Raum für Raum. Die Familie ließ sie entspannt gewähren. Einzige Bedingung: Sie wollte von allen Problemen ferngehalten werden. Am meisten Begeisterung erntete sie in den Kinderzimmern. „Die Bauarbeiten waren ein großer Spaß für die zwei Jungs.“ Sie durften sich aus einer Vorauswahl ihre Betten, Tapeten und Schreibpulte selbst aussuchen, doch alles zusammengestellt hat dann die Inneneinrichterin – bis hin zur Bettwäsche.

Ganz besonders stolz ist sie auf die ausgesuchten Accessoires. „Sie setzen Akzente, bestimmen den Charakter einer Wohnung“, ist sie sich sicher. Auch deshalb legt sie Wert noch auf die kleinste Kleinigkeit. In der Küche etwa zieren helle Griffe aus Knochen und Ebenholz die Blenden, ein Eigenentwurf. „Der Luxus kommt mit den Details“, sagt sie lächelnd – und das ist ganz im Geist des Art déco.

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Autor:
Kerstin Rose
Fotograf:
Christian Schaulin