Das Wunder von Belleville Architekt Antonio Torres: Pariser Wohnung mit Stauraum

Neuer Grundriss, Einbauten mit viel Stauraum – Architekt Antonio Torres schuf mehr Platz in einer beengten Pariser Wohnung. Der Clou: Auch der niedrige Dachboden darüber ist jetzt bewohnbar, weil er die Zwischendecke absenkte.

DIE LAGE Mitten im Multikulti-Viertel Das Quartier von Belleville im Nordosten von Paris erstreckt sich über vier Arrondissements und ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts eines der typischen Einwandererviertel in der Metropole. Maghrebiner, Schwarzafrikaner und Chinesen sor gen mit ihren Handwerksbetrieben, Restaurants und Geschäften für multikulturelles Flair. Seit den 1980er-Jahren zogen Künstler hierher, heute sind es auch junge Familien. Die Gentrifizierung nimmt ihren Lauf, wie etwa in einer Seitenstraße der Rue de Belleville. Dort steht zwischen zwei schicken Neubauten ein schmales fünfstöckiges Wohnhaus von 1900 mit schmuckloser Fassade, das Schaufenster der Reinigung im Erdgeschoss erinnert an die 1970er-Jahre. Die Wohnung im obersten Stockwerk hatte eine junge Familie erworben und sich hier mehr schlecht als recht eingerichtet.

DAS PROBLEM Zu wenig Platz, und der schlecht genutzt Die Bewohner – Vater, Mutter, und zwei Töchter von fünf und drei Jahren – lebten auf 70 Quadratmeter Wohnfläche und in einem spartanischen Raum unterm Dach, der mit einer Firsthöhe von 1,70 Metern nur leicht gebückt zu benutzen war und durch zwei kleine Dachfenster kaum Tageslicht bekam. Die untere Etage war mit vier kleinen Zimmern, Küche und Bad arg verwinkelt, zudem befand sich die Wendeltreppe nach oben in einem der beiden Kinderzimmer, das zugleich als Durchgang zum zweiten diente: Alles war zu eng, und es fehlte an Stauraum. Als das Paar dann ein drittes Kind plante, nahm es Kontakt mit dem Pariser Architekten Antonio Torres auf. Er war ihnen von einer Freundin empfohlen worden, weil er sein Talent für clevere, funktionale Umbauten auf kleinstem Raum bereits mehrfach bewiesen hatte und sein Büro gleich um die Ecke lag. „Als ich das Appartement zum ersten Mal betrat, sah ich gleich, worin das Problem lag“, erinnert sich der Architekt. „Es gab einfach zu wenig Stauraum, Kinderspielzeug, Bücher und Kleidungsstücke lagen herum. Manches musste in Kartons gelagert werden. Der obere Raum ähnelte mehr einem Abstellraum als einem Schlafzimmer, neben dem Bett trocknete Wäsche auf der Leine.“

DER WUNSCH Stauraum und Struktur Eine größere Wohnung wäre unbezahlbar gewesen. In Belleville schlägt jeder Quadratmeter mit 5000 bis 8000 Euro zu Buche, unrenoviert. Ein Umbau versprach günstiger zu werden. Die Bauherren wünschten sich ein viertes Schlafzimmer, ein zweites Bad und einen großzügigen Koch- und Essbereich. Die Treppe sollte verlegt werden, jedes Kinderzimmer direkt zugänglich sein und der Raum unterm Dach besser genutzt werden. Und sie brauchten Stauraum! „Die Besitzer hatten ein Budget von 40000 Euro“, erklärt der Architekt. „Mein Entwurf respektierte ihre Vorstellungen. Aber er ging zugleich weit über das hinaus, was sie sich an Baumaßnahmen und an Kosten vorgestellt hatten. Aber das Konzept begeisterte sie. Also stockten sie ihre Finanzierung auf.“

DIE IDEE Tieferlegen „Bei der ersten Besichtigung hatte ich den Kopf aus einem der kleinen Dachfenster gesteckt und war vom Blick auf die Dächer von Paris fasziniert“, sagt Antonio Torres. „Mir wurde klar, welches Potenzial in diesem unterschätzten Bodenraum steckte. Man musste ihn unbedingt auf Stehhöhe bringen und den Blick nach draußen vergrößern.“ Eine Erhöhung des Dachstuhls wäre zu kostspielig gewesen und vom Bauamt nicht erlaubt worden. Also ließ der Architekt die Deckenhöhe der gesamten Wohnung von 2,60 auf 2,26 Meter senken und gewann so unterm Dach 34 Zentimeter hinzu – die Firsthöhe beträgt jetzt 2,04 Meter. Weil auf beiden Giebelseiten alte Kaminabzüge entfernt und damit fünf Quadratmeter Fläche gewonnen wurden, war insgesamt Platz für ein Elternschlafzimmer mit Bad, zwei Schlafräume für die beiden Töchter und ein drittes Kinderzimmer. Da es keine Genehmigung für eine Terrasse gab, ersann Antonio Torres ein 3,60 mal 2,40 Meter großes Dachfenster aus drei übereinanderliegenden Glaselementen, die elektrisch ineinander und nach oben gefahren werden. So wird das ganze Elternschlafzimmer zum Dachgarten, den Blick in den Himmel hat man vom Bett aus immer. Weitere Dachfenster belichten die übrigen Räume und sorgen an heißen Tagen für angenehmen Luftzug.

DAS UNTERE GESCHOSS Maximale Offenheit Das Untergeschoss wurde bis auf eine tragende Wand zwischen Kinderzimmern und Salon entkernt und erhielt eine neue Aufteilung. Salon, Essplatz und Küche bilden einen offenen Bereich. Das Bad wurde verkleinert, der gewonnene Platz den Kinderzimmern zugeschlagen, die jetzt ein großer Raum sind, der durch Schiebetüren aber mittig getrennt werden kann, und je einen eigenen Eingang haben. Unten wird gespielt, oben geschlafen: Von den Zimmern führt an der fensterlosen Giebelwand zum Nachbargebäude je eine Treppe (mit maßgebautem Kleiderschrank darunter) zu den Schlafpodesten unterm Dach. Schiebetüren sorgen auch hier dafür, dass beide Bereiche voneinander getrennt werden können.

DIE ZENTRALE TREPPE Skulptur mit Mehrfachnutzen Als Raumteiler zwischen Küche und Essplatz einerseits und Wohnraum und Eingang andererseits baute der Architekt eine weitere Treppe ein, die zum Schlafzimmer der Eltern führt. Die ersten Stufen sind in den Küchenblock integriert, die weiteren scheinen darüber zu schweben, sind aber an einer Seite an einer raumhohen offenen Holzkonstruktion fixiert, die auch als Regal fungiert und somit wieder Stauraum schafft: insgesamt eine lichte Skulptur. „Als ich Kollegen von meinem Plan erzählte, gleich drei Treppen in ein relativ kleines Appartement zu bauen, erklärten sie mich für verrückt“, sagt Antonio Torres und lacht. „Aber es funktioniert, weil die Treppen Aufgang und Stauraum zugleich sind und Kinderund Elternbereich unabhängig voneinander erreichbar sind.“

DER STAURAUM Extratiefe Schubladen Überall, wo es möglich ist, besonders unter den nicht begehbaren Dachschrägen, wurden bis zu 1,60 Meter tiefe Schubladen auf Teleskoprollen aus Stahl eingebaut. Sie können bis zu 100 Kilogramm tragen. Und die Wäsche muss nicht mehr unterm Dach trocknen, denn der Architekt integrierte einen eigens entworfenen Auszug mit Leinen in den Küchenblock. Nun kann die Familie die ersehnte Ordnung halten. Zumindest, so weit Kinder das zulassen. Das dritte ist unterwegs.

DER ARCHITEKT Antonio Torres wurde 1960 in Tucumán, Argentinien, geboren und studierte Architektur an der Universität von Buenos Aires. Nach dem Diplom 1987 arbeitete er frei, dann von 1990 bis 1995 im Büro Ralph Baenzinger in Zürich, wo er zugleich an der ETH Zürich einen Masterstudiengang in Architektur abschloss. Ab 1996 arbeitete er in Paris für Büros wie Groupe-6, Georges Marois oder Brigit de Kosmi und gründete im Sommer 2010 sein eigenes Studio. Sein Schwerpunkt sind Privatwohnungen in Paris. Er ist vor allem Experte für die Optimierung und Flexibilisierung von Flächen zwischen 40 und 100 Quadratmetern.

DIE KONSTRUKTION Umbau einer 70-Quadratmeter-Wohnung nebst dem darüberliegenden Dachboden in einem Pariser Altbau. Um die Deckenhöhen – in der Wohnung 2,60 m, unterm Dach 1,70 m – anzugleichen, wurde die ganze Zwischendecke um 34 Zentimeter abgesenkt. Der Dachboden konnte so komplett ausgebaut werden, und 30 Quadratmeter wurden hinzugewonnen. Die Wohnung selbst wurde bis auf eine tragende Wand entkernt, ein Stahlträger über die ganze Breite von sieben Metern eingezogen. Einbau von drei Treppen, Böden aus Eichenparkett, Einbauten aus massiver Eiche, die Schränke unter den Schrägen haben bis zu 1,60 Meter tiefe Schubladen auf Stahlrollen. Umbauzeit: Januar bis April 2012. Kosten: 150000 Euro.

Autor:
Eva Müller-May