Im Haus von Nicolò Rubelli Die Sammelleidenschaft des Nicolò Rubelli

Er kann sich nicht sattsehen an seiner Stadt: Seit 30 Jahren sammelt Nicolò Favaretto Rubelli historische Karten von Venedig. In seinem Haus im Viertel Dorsoduro füllen sie die Wände und bilden das Passepartout für ein Interieur aus Antiquitäten, Erbstücken - und Textilien aus dem traditionsreichen Unternehmen seiner Familie.

Die Restaurierung dauerte zwei Jahre. „Es war ein Albtraum“, sagt er fröhlich, „aber sehr interessant.“ Wohl auch, weil er zunächst Bauingenieurswesen studierte, bevor er nach dem Abschluss 1993 ins Unternehmen einstieg. Er ließ eine Heizung und neue Fenster einbauen, den Eingangsbereich mit klassischen, hochwasserresistenten rot-weißen Steinplatten fliesen. Er rekonstruierte den schmalen Aufgang zu den Wohnräumen im ersten Stock aus dem für Venedig typischen schneeweißen Kalkstein, und weil im ersten Stock die Deckenbalken, die über die gesamte Breite des Hauses liefen, an den Enden verrottet waren, ließ er sie kürzen und nur noch im Salon verwenden. Die Fußbodenheizung verschwand unter rotem Terrazzoboden, das marode Dach wurde komplett abgenommen und etwas spitzer wieder aufgesetzt, um dem Raum darunter mehr Höhe zu geben und ein Schlafzimmer mit Bad einbauen zu können – ein Zugewinn an Alltagstauglichkeit, den die Denkmalbehörde genehmigte.

Unerbittlich blieb sie dagegen bei der Wand zwischen Salon und Bibliothek. Diese war mit Backsteinen aus dem 11. Jahrhundert gemauert worden und durfte nicht eingerissen werden. „So habe ich immerhin mehr Platz für die Karten“, sagt der Hausherr mit gespielter Resignation. Sie füllen die Wände in Salon und Bibliothek vom Boden bis zu Decke, und weil eigentlich alle das Gleiche zeigen, schätzt Nicolò Rubelli gerade die kleinen Differenzen in der Darstellung, die die Entwicklung der Stadt deutlich machen, und die unterschiedliche Wahrnehmung der Künstler: „Das ist ein Blatt eines Deutschen, um 1600 gezeichnet, natürlich ohne San Salute, die wurde erst 30 Jahre später gebaut.“ – „Schauen Sie, da hat jemand alle Kirchtürme festgehalten, nummeriert und benannt – aber einer sieht aus wie der andere.“ – „Und hier, die Gondel im Vordergrund – ganz schön in die Breite gegangen.“ An einigen schätzt er die Präzision, an anderen das Gegenteil, er freut sich über besonders rare Stücke, und natürlich weiß er, dass es für die Blätter besser wäre, er lagerte sie in Mappen, statt sie in betont schlichten weißen Wechselrahmen dem Tageslicht auszusetzen.

Aber er will solche Dinge nicht konservieren, er will sie um sich haben – genau wie die eigenen Produkte. Ob Polsterbezüge, Kissen, Vorhänge, Wandbespannungen: Alles stammt aus den Kollektionen der Rubelli-Gruppe, zu der seit 2001 auch die französische Marke Dominique Kieffer, seit 2004 Donghia aus den USA gehören und die eine exklusive Kooperation mit Armani Casa pflegt. So entsteht mit den antiken Erb- und Fundstücken auf eher kleinem Raum (Salon, Bibliothek, Gästezimmer, Küche im ersten Stock, Schlafraum und Bad unterm Dach) eine kultivierte, persönliche, aber ganz und gar nicht museale Atmosphäre. Museum ist Venedig selbst schon genug. „Ich muss zehn Minuten gehen, um einen Apfel zu kaufen“, sagt Nicolò Rubelli. Der Bäcker, der Metzger, die kleinen Bars – alles schließt oder weicht Souvenirläden. Andererseits: Der Blick auf den Kanal vor dem Wohnzimmerfenster und die Kuppel von San Salute, den barocken Prachtbau am Eingang des Canale Grande, die er vom Bett aus sieht – welcher Luxus! „Es ist so schön, hier zu leben. Man muss nur manchmal verreisen, sonst wird die Stadt zu einem Käfig.“

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