Des Sammlers Glück Wohnung von Jaime Beriestain

Wer glücklich sein will, sollte sich mit Dingen umgeben, die Freude bereiten, findet der Innenarchitekt Jaime Beriestain. Er selbst zog von Chile nach Barcelona, wo er den Bauten Antoni Gaudìs nahe ist und in seiner Wohnung zeitgenössische Kunst und Design der Nachkriegsmoderne zu einem fröhlich-eleganten Mix vereint.

Mit dem Glück sei es im Grunde ziemlich einfach. „Man muss Orte schaffen, an denen es gedeihen kann“, sagt Jaime Beriestain (sprich: Be-ri-eh-sta-ihn). Er redet schnell, mit einem Lachen in der Stimme, denn er ist, wie fast immer, in Eile und guter Laune. In seinem Studio für Innenarchitektur beschäftigt er 25 Mitarbeiter, er betreibt einen Concept Store mit Restaurant und entwirft Accessoires. In einer Stunde muss er zum Flughafen, es geht zu einer Auktion. Es sei seine Aufgabe als Innenarchitekt und Designer, erklärt er weiter, Glücksgeneratoren zu bauen, Räume und Objekte, die positiv auf alle Sinne wirkten. „Meine eigene Wohnung ist ein Beispiel dafür. Morgens schlage ich die Augen auf und sehe nur Dinge, die mir Freude bereiten, Möbel, Kunstwerke, Teppiche und Blumensträuße, die auch noch herrlich duften. Ich ziehe die Vorhänge auf, und der Stoff fühlt sich gut an. Wie könnte ein Tag besser beginnen? Und dazu lebe ich in Barcelona, der schönsten Stadt der Welt auf dem schönsten Kontinent!“ Überschwang und Emotionen sind Jaime Beriestains Markenzeichen. Die Eleganz seiner Interiors hält sich nicht vornehm zurück, sondern zeigt stets ihre expressive, leidenschaftliche Seite. Seine eigene hat er viele Jahre als verräterisches Indiz für Individualität unterdrücken müssen.

Er ist 1969 in Santiago de Chile geboren und dort auch aufgewachsen. Von 1973 bis 1990 herrscht Augusto Pinochet über das Land. Während des Architektur- und Innenarchitekturstudiums gilt die staatlich verordnete Unfreiheit. Jaime Beriestain entzieht sich ihr so oft wie möglich durch Austauschsemester in Übersee. Mit 18 Jahren kommt er zum ersten Mal nach Barcelona – und danach immer wieder: „Aus Liebe zur Architektur, zum gotischen Viertel, zu Antoni Gaudìs Modernisme und zu den Menschen, ihrer Kreativität und Freiheit.“ Er lernt Künstler kennen und beginnt zu sammeln. „Die ersten Arbeiten habe ich gegen meine Möbelentwürfe getauscht“, sagt er. Viele Freundschaften halten bis heute, und die Amerikanerin Kate Shepherd, der Argentinier Fernando Prats, der Finne Ola Kolehmainen und der Japaner Yoshi Sislay sind inzwischen internationale Größen. An Wertsteigerungen habe er nie gedacht, sagt Jamie Beriestain: „Ich sammle, was mir gefällt. Fast alle Werke handeln von Raum und Architektur. Denn das sind die Themen, die mich in der Kunst am meisten interessieren.“

Im Jahr 2000 erhält er als Design-Student den Auftrag zum Innenausbau des Hilton Hotels in Barcelona und damit verbunden ein unbegrenztes Arbeitsvisum. Von Anfang an hat er in seinem Lieblingsviertel Eixample gewohnt, zwischen Szenebars und Bauwerken des katalanischen Modernismus. Nur einen Spaziergang entfernt von seinem „Tempel“, wie Beriestain scherzhaft sagt, der Sagrada Família, liegt das 130 Quadratmeter große Apartment, in dem er seit vier Jahren lebt. Es nimmt das Erdgeschoss eines vergleichsweise unspektakulären achtgeschossigen Häuserblocks ein. „Ein Doorman, den ich gut kenne, hat mir den Tipp gegeben, dass etwas frei sei. Die Wohnung erwies sich als dunkle Höhle mit winzigen Kammern. Aber sie hatte drei Meter hohe Decken und war keine 20 Gehminuten von meinem Studio entfernt“, erzählt er. Sechs Monate hat der Umbau gedauert, und „bis auf zwei Fenster ist alles verändert“. Wo es möglich war, ließ Jaime Beriestain die Wände entfernen, sodass ein einziger, lichter Raum entstand, in dem Wohn- und Arbeitsbereich, Essplatz, Küche und Schlafbereich fließend ineinander übergehen, nur das Bad ist ein eigener Raum und hat eine Tür. Mit weißen Putzwänden und poliertem Estrich erscheint das Apartment nun wie ein großzügiges helles Loft. Das Interior ist seit dem Einzug unverändert. „Es gibt genügend Abwechslung in meinem Berufsleben. In meiner Wohnung habe ich die Zeit in einem perfekten Moment angehalten, das gibt mir Ruhe“, sagt Jaime Beriestain. Lediglich die Kunstwerke tauscht er hin und wieder aus: „Nach Lust und Laune.“ Auswahl ist genügend vorhanden. Den größten Teil seiner Sammlung bewahrt er in einem Lager auf.

Fotografien und Gemälde führen einen originellen Dialog mit Möbeln und Accessoires aus der Ära des Twists, Pops und der Disco, darunter Entwürfe namhafter Designer wie Hans Wegner, Poul Kjærholm und Louis Baillon. Sessel, die aussehen, als wären sie aus Straßenkreuzern mit Heckflossen ausgebaut, und Stühle mit chromblitzenden Gestellen legen sich in Kurven. Leuchten recken selbstbewusst dicke Bäuche und bekennen sich unverhohlen zu Starallüren. Am Essplatz heitert eine Gruppe Schalen und Vasen, die an gefrorene Eiszapfen erinnern, Sir Norman Fosters nüchternen Glastisch „Nomos“ auf. Über ihm schwebt eine schwarze Sonne mit Strahlen aus Messing, eine Leuchtskulptur aus den 1960ern. „Als Kind der 1970er habe ich natürlich ein Faible für Kitsch“, sagt Jaime Beriestain dazu und lacht. Auf Auktionen, Messen und in Antiquitätenläden in aller Welt spürt er Fundstücke auf, einige verjüngt er. Polster bekommen Bezüge in kräftigem Uni. Der einst gläserne Couchtisch hat nun eine weiße Marmorplatte, und statt auf Chromstelzen stehen einige Sessel neuerdings auf hölzernen Füßen. „Alles sieht sehr zeitgenössisch aus, obwohl ich fast nichts aus dem 21. Jahrhundert besitze.“ Zu den Ausnahmen zählen Teppiche im Sixties-Look der britischen Manufaktur The Rug Company und Kugelleuchten von Tom Dixon, dem Cyber-Psychedeliker, der Hippie-Romantik und Hightech zusammenführt.

Das neueste Projekt von Jaime Beriestain ist ein Concept Store, der heißt wie er selbst und aussieht wie seine um das Vierfache vergrößerte, mit Accessoires etwas überdekorierte Wohnung. Nur zehn Gehminuten von seinem Zuhause entfernt hat er den Laden mit angeschlossenem Restaurant vor zwei Jahren eröffnet, und er ist seither Kult in Barcelona. Neben aufgearbeiteten Möbeln, Paella und Tapas, gibt es hier Designobjekte, die der Interiorexperte selbst entwirft: Teppiche, Vogelhäuser oder Blumenkübel. Auch von ihm entwickelte Duftkerzen und Salatsoßen sind im Sortiment. Und bald sollen noch Compilations mit House-Musik dazukommen, die der Hobby-DJ selbst mixt: eben alles, was glücklich macht.


 

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Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Manolo Yllera/Photofoyer