Konzeptkünstler Richard Artschwager

Der große amerikanische Konzeptkünstler Richard Artschwager baut Objekte, die sich als Möbel tarnen. Kein Wunder, dass man in seinem Haus nie so recht weiß, wo die Kunst aufhört und das Wohnen beginnt.

Groß, mager und ungebeugt betritt er die Küche durch den Hintereingang. Er hat den Vormittag in seinem Atelier nur ein paar Kilometer entfernt verbracht und trägt eine farbbefleckte Hose und Turnschuhe, gemustert mit konzentrischen Kreisen. Seine Arme und Beine seien zu lang, um in die gute Gesellschaft zu passen, hat er einmal gesagt, und insgesamt umgibt ihn das Flair eines exzentrischen Ranchers aus New Mexico. Dort verbrachte er seine Jugend, und die gemessene Freundlichkeit und Bescheidenheit eines Mannes aus dem Südwesten strahlt er auch noch nach einem halben Jahrhundert in den frostigen Gefilden der New Yorker Kunstwelt aus. Doch über dieser Seelenlandschaft aus Liebenswürdigkeit zucken Blitze von beißendem Witz, scharfer Vernunft und tiefer Skepsis. Gern führt Artschwager, Sohn eines Preußen und einer russisch-jüdischen Mutter, sein gutes Deutsch vor.

„Eine leckere Sprache“, findet er. „Sie hat den Geschmack, Englisch hat das Vokabular.“ Er besitzt beide und fügt sie über Anns hervorragender Shrimpssuppe zu langen, eloquenten Sätzen. Es passt zu diesem überzeugten Sonderling, dass er als „Atheist der dritten Generation“ in einer Kirche wohnt. Er hat nicht nur seinen Frieden mit der Religion geschlossen, sie hat ihn sogar inspiriert: 1960 baute Artschwager, der sich das Schreinerhandwerk selbst beigebracht hat, im Auftrag der katholischen Kirche Schiffsaltäre. Diese Objekte und die besondere Aura, die sie umgibt, brachten ihn auf die Idee, als Möbel verkleidete Kunstwerke herzustellen: einfache Boxen aus Resopalplatten, die den Umriss von Stühlen, Tischen oder auch Klavieren haben. Darauf malt er ihre Lehnen, Polster, Beine, als seien die Objekte nicht dreidimensional, sondern flach wie Bilder. Es ist ein Spiel mit Abstraktion und Gegenständlichkeit, Kunst und Handwerk, Alltäglichem und Auratischem, es irritiert die Wahrnehmung und fordert den Kopf.

Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Noah Kalina