Konzeptkünstler Der Naturwissenschaftler

Der große amerikanische Konzeptkünstler Richard Artschwager baut Objekte, die sich als Möbel tarnen. Kein Wunder, dass man in seinem Haus nie so recht weiß, wo die Kunst aufhört und das Wohnen beginnt.

„Jeder Augenblick zählt, sagte ich mir von da an. Ich war bereit, Kunst nur für mich selbst zu schaffen“, erklärt er. Sein Blick blieb der eines Naturwissenschaftlers, doch nun richtete er ihn auf alltägliche Dinge und machte sie zum Gegenstand seines Taktierens zwischen Illusion und Wirklichkeit. Professionell mag der Erfinder des Kunstmöbels am liebsten zwischen zwei Stühlen sitzen, privat bevorzugt er seinen Stammplatz auf der Küchenbank neben einem Stapel aus Kochbüchern, Kunstmagazinen und Einkaufstüten. „Vor 20 Jahren kam er zum Essen, setzte sich und ging nie wieder weg“, erinnert sich Ann Artschwager. Die Küche mit dem riesigen alten Gasherd war einer der Gründe, weshalb sie die Kirche 1983 kaufte. Im Winter helfen die vielen blauen Flammen, den hohen Raum zu wärmen, im Sommer bleibt das schummrige Haus angenehm kühl.

Richard Artschwager kehrt in sein Atelier zurück, er wird bis zum späten Abend dort bleiben, Ann kämpft auf 450 Quadratmetern weiter um Ordnung, was an ihrer Liebe zu Nippes und an ihrem Arbeitspensum als Geschäftsführerin des Unternehmens Artschwager scheitert. Der rote Langhaarkater Georgie folgt einem Sonnenbalken durch das Wohnzimmer, streckt sich auf einem der Sessel aus, rekelt sich dann in einer Lichtpfütze unter dem Flügel, bis er den letzten Sonnenflecken auf einer Artschwager-Skulptur findet: eine Kiste, wie man sie eigentlich für den Transport von Kunstwerken verwendet. Diese hier ist leer. Den Inhalt denkt der Betrachter hinein.  

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Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Noah Kalina