Wer wohnt denn da? Ein fast perfektes Haus

Allmählich wird unsere Kolumnistin ein bisschen mäkelig. Diese Räume fänd’ sie perfekt, tauchte nicht auch hier ein allgegenwärtiger Stuhlklassiker auf. Aber immerhin – die Überraschung, die das Interior bereithält, kann sie goutieren. Nur ihre Lösung könnte präziser sein. Aber wir wollen nicht mäkeln.

"Fiberglas Melancholie“ hieß ein schöner, trauriger Text, den vor ein paar Monaten Johanna Adorján im Feuilleton der FAS schrieb. Darin ging es um die Wohnungen auf der Webseite „Freunde von Freunden“ und speziell um den Eames-Plastikstuhl, der sich in nahezu allen dieser angestrengt unangestrengt präsentierten Umgebungen findet, gern mit Schaffell drüber. Ich habe mich im Rahmen dieser A&W-Serie, seit Ausgabe 1/2010, auch schon oft über die Allgegenwärtigkeit dieser Eames-Stühle mokiert, die in den letzten Jahrzehnten eine so erstaunliche Karriere gemacht haben: von dem demokratischen Design-dings für jedermann, als das sie mal ent- worfen worden waren, über den Midcentury-Klassiker für Hipster & Sammler zum abermals demokratischen Design- dings dank Reproduktion, mit folgerichtiger Verachtung durch die Hipster & Sammler, die nur noch die original Glasfaser-Version gelten ließen. Bis Herman Miller beschloss, auch diese Glasfaser-Version zu reproduzieren, was Hipster & Sammler in die rabenschwarze Verzweiflung stürzte. Jetzt aber kein böses Wort mehr über die Eames-Stühle. Die können schließlich nichts dafür, von wem sie aus welchen Gründen gekauft werden: weil man sie schön findet, weil sie bequem sind, weil die jetzt alle haben.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich dabei ertappt habe, dass ich bei diesen Fotos dachte „Wenn nur der doofe Eames-Schaukelstuhl mit Schaffell nicht wäre, dann ...“ Dann was? Wäre das Haus perfekt? Ist es auch so. Also, Klappe Winnemuth, dein Ennui ist doch auch nur eine snobistische Attitüde!

Also, was haben wir hier? Es sieht aus wie das Ferienhaus einer mindestens vier-, vielleicht aber auch noch mehrköpfigeren Familie, ein altes Haus, irgendwo auf dem Land, im Westfälischen vielleicht, der Raumhöhe nach eine ehemalige Scheune. „Mit Gottes Hülff ist es erbauet“, wie einem Zierbalken im Entree zu entnehmen ist, und mit der Hülff eines beherzten Architekten auf den neuesten, wenn auch angenehmerweise nicht neumodischen Stand gebracht. Schmale Holzpaneele in allen Räumen, mal weiß, mal dunkel gestrichen, dazu Holzböden und Holzdecken, eine schlichte Bank im Herrgottswinkel, die Schlafkojen für die Kinder nach bäuerlichem Vorbild, eine alte Werkbank am Eingang, die unlackierten Heizkörper – das alles ist überaus klug und zurückhaltend ausgesucht.

Und dann: bäm! – die Sofalegende DS-600 von de Sede im Wohnzimmer, dieses knuffige Seventies-Kultmöbel, das in jedem anderen Ambiente wie die Einladung zu einer Cocktailparty wirken würde, dessen Segmente hier aber verblüffend gut mit der Holzverschalung harmonieren. Der Pierre-Paulin-Sessel im Schlafzimmer, die Noguchi-Grafik, die walisischen Wolldecken von Donna Wilson: Hier wohnen Großstadtmenschen, die hier und da ein Fähnchen des guten Geschmacks hissen, aber auch wissen, wann man es einfach mal lassen kann. So beiläufig und so gekonnt ist das alles (die Hängung der Bilder, die kleinen blauen Akzente in jedem Raum!), dass ich glaube: Ein Stylist war am Werk, ein Profi, der auch in Ferienlaune nicht anders kann, als Profi zu sein. Wenn nur nicht der Eames-Schaukelstuhl ... ach, ich bin ja schon still.

 

Seite 1 : Ein fast perfektes Haus
Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Nina Struve