Wer wohnt denn da? Ein Haus mit Geschichte

In diesem Haus ist die Zeit stehen geblieben, und es könnte einst Marlene Dietrich gehört haben. So vermutet unsere Kolumnistin Meike Winnemuth und ist auf dem richtigen Weg. Doch dann geht sie leider ganz in die Irre.

Beim Anschauen der Fotos, die mir die Redaktion zum Raten schickt, stelle ich mir oft den Soundtrack zu den Bildern vor. Was ist zu hören in den Räumen? Vielleicht Musik aus einem Küchenradio? Das Klappern von Töpfen? Hundegebell oder Kinderlachen? Von draußen Grillenzirpen, Wind in den Bäumen? Oder das Rauschen von Verkehr, fernes Tatütata? Die Fotos sind selten stumm, schauen Sie einfach mal genau hin.

In diesem Fall aber höre ich: nichts. Völlige Stille. Vielleicht gerade mal das Ticken einer Uhr. (Denn die Uhren in diesem Haus würden ticken, hier ist nichts Digitales – halt, einen kleinen Flachbildschirm entdecke ich doch.) Ich stelle mir das Haus allein in der Natur vor, ohne direkte Nachbarn, vielleicht in den Bergen, aber nicht sehr weit oben. Ein altes Haus natürlich: Kachelofen, Holztäfelung. Die Einrichtung ebenfalls betagt, die hat schon immer hier gestanden. Ein alter Tisch, alte Stühle – und zwar wirklich alt und gut gepflegt, nicht künstlich auf alt gemacht. Dazu Sessel aus den Zwanziger- oder Dreißigerjahren, die vielleicht einmal in einer Großstadtwohnung gestanden haben und irgendwann hierher mitgenommen wurden. Die Bücher im Regal: alt. Die Lampen, die nachträgliche Elektrifizierung: alt. Hier ist seit Jahrzehnten nichts mehr verändert worden, es ist gut so, wie es ist, findet der Bewohner.

Auf einem Tischchen liegen zerfledderte Ausgaben einer Zeitschrift, die ich, wie ich beschämt gestehen muss, erst googeln musste: UHU, ein Magazin der Weimarer Republik, erschienen zwischen 1924 und 1934, das ich auf der Stelle lesen möchte. Dort schrieben Schriftsteller wie Walter Benjamin, Bert Brecht und Heinrich Mann, gelegentlich auch mal Gastautoren wie Albert Einstein. Der UHU druckte Fotos von László Moholy-Nagy und Erich Salomon außerdem Zeichnungen von George Grosz und Olaf Gulbransson. Man möchte sich auf der Stelle in einen der Sessel fallen lassen, um ein bis zwei Wochenenden nur mit diesen Zeitschriften zu verbringen und einem Notizblock für all die Aha-Erlebnisse, die man dabei haben würde.

Keine Frage also: Wir befinden uns in einem deutschsprachigen, gebildeten Haus, das in vieler Hinsicht wirkt wie ein gern angenommenes Erbe. Vielleicht hat es schon den Eltern oder Großeltern des derzeitigen Besitzers gehört, er ist jedenfalls immer gern hergekommen. Heute nicht mehr so oft. Ist es ein Wochenendhaus, ein Ferienhaus für die Sommerfrische? Es scheint ein Rückzugsort zu sein, eine zweite Heimat, ein Ort, an den man flieht, wenn man mal wieder Stille hören will. Wo? Die Gmundner Keramik deutet auf Österreich, es muss aber nicht sein. Das alte Grüngeflammte mag man auch woanders.

Lange habe ich das auffälligste Stück hier angeschaut, das Schwarz-Weiß-Bild über dem Essplatz. Eine Filmszene? Ist das da rechts Marlene Dietrich? Ich dachte kurz: Wohnt hier Maximilian Schell, der ja mal eine Dokumentation über die Dietrich gemacht hat? Aber vielleicht ist sie es auch gar nicht. Aber so jemand wie er könnte es sein, ein Sohn von Schriftstellern oder Künstlern oder Professoren oder Schauspielern, selbst ein wenig aus der Zeit gefallen und deshalb hier so sehr am richtigen Ort, einem Ort der Stille.

Seite 1 : Ein Haus mit Geschichte
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Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Thomas Elmenhorst