Stille Sommer auf Long Island Long Island: Ein Holzhaus der einfachen Art

Zum Arbeiten braucht der New Yorker Maler Ross Bleckner Ruhe, Leere, Konzentration. Er findet sie in den Hamptons, wo er die Hälfte des Jahres in einem Holzhaus mit betont reduziertem Interior lebt. Kaum zu glauben, dass in diesen Räumen einst eine operettenhafte Opulenz herrschte. Der Vorbesitzer nämlich war eine der schillerndsten Gestalten der New Yorker Society – der Schriftsteller Truman Capote.

Ein gerahmtes Foto von Truman Capote lehnt an der kahlen, weißen Wand des kargen Wohnzimmers. Es zeigt den Autor inmitten seiner Bücher, Tiffanylampen und leicht verblichenen Samtfauteuils, und es ist der einzige Hinweis auf den ehemaligen Besitzer dieses schlichten Holzhauses. Capote ließ es sich 1962, kurz bevor er mit dem Reportageroman „Kaltblütig“ den Höhepunkt seines Ruhms erreichte, in Sagaponack auf Long Island zwischen Dünen und Kartoffelfeldern nach eigenem Entwurf bauen. Alle anderen Spuren des Schriftstellers – der marineblaue Fußboden, das Leopardenfell, die Petit-Point-Kissen – sind heute ausgelöscht. Vor gut 20 Jahren kaufte der New Yorker Maler Ross Bleckner, 64, das Häuschen als Sommersitz, renovierte und erweiterte es und baute auf dem zwei Hektar großen Grundstück Atelierhaus und Pool. Capotes Opulenz ersetzte er durch einen rigorosen Minimalismus – selbst die geschwungene Wendeltreppe zum ersten Stock musste einer rechtwinkligen Stiege weichen. Und erklärte Capote einst in einem Designmagazin: „Ich liebe das Sammeln. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich all diese Dinge brauche“, so hatte Bleckner schon als 20-Jähriger sein gut ausgestattetes Apartment in Manhattan auf das allernotwendigste Mobiliar reduziert. „Ich bin kein Konsument und suche dauernd nach weiteren Objekten, auf die ich verzichten kann“, sagt der Maler.

Maler Ross Bleckner

Ross Bleckner vor einem seiner Gemälde

So ist auch sein Refugium in den Hamptons geprägt von einem geradezu mönchischen Drang zum Materialverzicht, der in der Küche sogar den Inhalt des Kühlschranks bestimmt: nichts als Wasserflaschen. „Ich bin nicht sehr häuslich“, Bleckner zuckt mit den Achseln. Gekocht habe er noch nie in seinem Leben, das Essen wird telefonisch bestellt. Die wenigen, aber eleganten Möbel verdankt er seinem Freund Eric Freeman, Maler wie er, mit dem er Haus und Leben teilt. Freeman stattete die Räume mit Entwürfen von Poul Kjaerholm, Isamu Noguchi oder vom New Yorker Edeltischler Tyler Hays aus, ein Tagesbett aus Weißeiche entwarf er selbst. Neben diesem lehnt eines seiner monochromen Bilder, dessen tiefes Blau den Blick einsaugt, als öffne die Leinwand den Himmel. Licht und Raum sind die einzigen Größen, mit denen beide Künstler verschwenderisch umgehen: Um Truman Capotes kleinen vertikalen Kasten haben sie mehrere Zimmer mit hohen Fenstern gruppiert, durch die der ganze Sommer fließt.

So wenig Platz Ross Bleckner Capotes lebhaftem Geist in seinem asketischen Haus gewährt, so sehr will er die Präsenz verstorbener Freunde und Verwandten in seinem Atelier spüren. „Meine Arbeit handelt von der Erinnerung“, sagt er über die

großformatigen Leinwände, auf denen kosmische Irrlichter leuchten und schwe- bende Lüster ins Dunkel verschwinden wie Straßenlaternen bei einer Nachtfahrt. Wo Blumen unscharf aus der Finsternis auftauchen wie Nachbilder hinter den Li- dern und Kolibris aus dem schwarzen Hintergrund schwärmen wie Motten ans Licht. Als Kind wünschte sich Bleckner, Nachrufe für die „New York Times“ zu schreiben, und noch immer liest er sie täglich mit nie versiegender Neugier auf jedes vollendete Leben. Als Zeuge der Aidsepidemie in den 80er-Jahren wollte er den Toten lieber Bilder als Nekrologe widmen, und auch heute noch malt er verschlüsselte Epitaphe. Er gehörte in den 90ern zu den Mitbegründern von Acria, einer Organisation zur Förderung der Aidsforschung, und begann zu dieser Zeit, auch unsere biologischen Systeme im Detail zu studieren. In den Zellen, Neuronen und Gefäßen fand er eine verborgene Welt unablässigen Entstehens und Vergehens, die er weiterhin in malerischen Momentaufnahmen mit großer Zärtlichkeit für alles Flüchtige und Fragile festhält. Denn, so glaubt Bleckner, Kunst braucht zugleich Sentimentalität und Unbarmherzigkeit.

Bei aller Melancholie seiner Werke ist Bleckners Arbeitsstil diszipliniert und klar strukturiert. Jeden Morgen um zehn geht er zu seinem Atelier am anderen Ende des Grundstücks. In seinen Bildern blühen Dahlien, Pfingstrosen und Klatschmohn, sein Garten ist jedoch nichts als eine weite grüne Fläche mit ein paar Bäumen. Aber das Studio – stattlich wie früher die Scheunen der Umgebung – ist von einem hüfthohen Wall von Goldrute umringt, durch den die Landschaftsarchitektin Edwina von Gal eine leicht geschwungene Schneise geschlagen hat. Die heilige Zeit in dem wohlorganisierten Raum, in dem Bleckner immer an mehreren Bildern zugleich arbeitet, nennt er seine Liturgie: „,Geh jeden Tag ins Atelier‘, hat Brâncu ̧si gesagt, ,dort gibt es immer etwas zu tun, und sei es nur, dass man fegt‘ – daran halte ich mich“, erklärt er. Wie an das Motto seines Freundes Chuck Close: „Inspiration ist für Amateure.“ Nach sechs stillen, ununterbrochenen Stunden schwimmt er im Atlantik, mit dem auch jeder Tag beginnt: In seinem Schlafzimmer im ersten Stock gibt es nur den Blick aufs Meer, das Bett und ein Foto der Mutter, die 2008 starb.

Den luxuriösen Frieden, den Ross Bleckner an diesem Rückzugsort genießt, dürfen eigentlich nur seine vier geliebten Rauhaardackel stören. „Meine kleinen Deutschen“, sagt er lächelnd und hält sie für einen guten Grund, an die Wiedergeburt zu glauben. „Ich sehe Personen in ihnen.“ Winston ist der einzige Hund, der ihn im Herbst in die Stadt begleitet, die anderen überwintern mit Eric Freeman in dem ausgestorbenen Sommerparadies. „Es fällt mir jedes Mal schwer, mein Studio zusammenzupacken und nach Manhattan zurückzuziehen“, meint der Maler. „Das geschieht nämlich immer dann, wenn die Mühe im Atelier endlich Früchte trägt.“ Andererseits weiß er, dass sich ohnehin „mit der Erwartung des nahenden Sommerendes alles intensiviert“. Schließlich ist Ross Bleckner ein Virtuose des Abschieds.

 

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Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Noah Kalina