Wer wohnt denn da? - Kolumne von Meike Winnemuth Er wohnt hier

Entwaffnend schön findet unsere Kolumnistin dieses Haus mit seiner Mischung aus grob und fein. Wäre nur die Toilette nicht eingerichtet wie eine behagliche Bibliothek. Lesen auf dem Klo ist eine Unsitte – und typisch männlich, behauptet sie. Und vermutet hier einen angelsächsischen Gentleman im gesetzten Alter.

Der Belgier Dominique Desimpel, Händler von kostbaren Fliesen, lebt allein in diesem Haus nahe Brügge.

Ich hätte schwören können, dass das ganze Haus aus einer einzigen Ära stammt … Es war ursprünglich ein Eckhaus aus dem 19. Jahrhundert, das ich vor zehn Jahren mit dem Architekten Stéphane Boens ausgebaut habe. Bereits mit 14 wusste ich genau, wie das Haus aussehen sollte, in dem ich leben wollte.

Wow! Sehr frühreif. Nur in dieser Hinsicht. Mit 14 habe ich einen französischen Film namens „Le Taxi Mauve“ gesehen, mit Charlotte Rampling und Fred Astaire. Darin gab es ein Haus, das mich derart beeindruckt hat, dass ich sofort wusste: Das ist es. Ich sah das Haus, ich fühlte es, da war eine zutiefst emotionale Verbindung.

Was war das für ein Haus? Es war geheimnisvoll, ungewöhnlich, persönlich. Ich glaube, es war das Haus eines Schriftstellers. Ich selbst kann überhaupt nicht schreiben und habe deshalb den höchsten Respekt vor Autoren. Was mich so beeindruckt hat, war das Gefühl, dass man die Seele des Besitzers darin erkennen konnte. Mich haben noch nie Häuser interessiert, die dem Zeitgeschmack entsprechen. Die haben meist kein Herz. Ich habe nichts gegen Minimalismus, aber es ist oft nur eine Pose, die mit der Identität der Bewohner nichts zu tun hat. Das Entscheidende ist: Ist es der authentische Ausdruck des Bewohners? Diese Individualität geht immer mehr verloren. Hotels in Bolivien sehen inzwischen genauso aus wie die in Hongkong oder Kapstadt. Alles ist uniformiert. Also langweilig.

Haben Leute Angst vor ihrem eigenen Geschmack? Absolut. Und davor, dass er nicht anerkannt wird. Ist doch egal, ob es guter oder schlechter Geschmack ist, es ist nur ein Geschmack. Wenn man zum Beispiel die Logen der Concierges in Paris anschaut, entdeckt man oft eine ganze Welt in zwei Zimmerchen, tausendmal interessanter als diese lächerliche Mittelmäßigkeit, die Standard zu sein scheint.

Und man braucht Zeit, ein Haus wachsen zu lassen. Natürlich. Ich lebe mit einer Sammlung von Dingen, die mich berührt haben. Die darf man nicht suchen, die kommen schon irgendwann des Weges, wenn man für sie bereit ist.

Die Dinge finden einen? Genau! Ebenso wie Menschen. Wenn man sich treffen soll, wird man sich treffen, davon bin ich überzeugt. Man muss sich nicht so anstrengen.

Verändert sich das Haus noch? Aber ja. Die Sachen wechseln ihren Platz, manches packe ich auch für einige Zeit weg. Ich verkaufe nie etwas, aber ich muss nicht immer alles sehen.

Ich muss noch nach ein paar Details fragen, die mir gefielen. Das ist zum Beispiel die Wandbemalung im Gästezimmer. Sie ist inspiriert von einem Vermeer und der Bloomsbury-Ära, die ich liebe. Vor allem von Charleston, dem Haus von Vanessa Bell und Duncan Grant in der Nähe von Dover. Ein Künstler aus Brügge hat die Wand bemalt.

Der blaue Raum …? … das ist genau die Farbe von Jan van Eycks „Mann mit blauem Turban“. Eine typisch flämische Farbe aus dem Spätmittelalter. Man sieht sie oft im Museum hier in Brügge.

Die Kondom-Lampe … … eine Lampe aus einer Moschee, 18. Jahrhundert. Ich habe sie vor 20 Jahren in Fes gekauft.

Und natürlich, Verzeihung, die Bücher auf der Toilette. Typisch männlich. Ich liebe es, auf der Toilette zu lesen! Ist das typisch männlich?

Und wie.

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Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Christoph Theurer