Zurück zum Ursprung Phasen der Sanierung

Die Kapelle selbst hatte der letzte Mieter noch als Schlafzimmer genutzt, die Wände, auch hier einst kunstvoll bemalt, waren tapeziert, die Dielen mit Teppich überklebt, die Altarnische zugemauert. Bereits 1936, nachdem die Villa in den Besitz eines Werftdirektors übergegangen war, hatte es erste, behutsame Umbauten gegeben, in den 70er-Jahren dann rabiatere (das Treppenhaus wurde in Räume aufgesplittert). Weitgehend ruiniert aber wurde das Innere durch die Vorbesitzerin Anfang der 90er-Jahre, die es ohne Genehmigung in zehn Wohneinheiten umbauen ließ. Sie machte „aus schönen, großen Räumen lauter kleine Kabuffs“, sagt Ingrid Spengler. Den geforderten Rückbau konnte die Dame nicht bezahlen und musste verkaufen. So wurden Ingrid Spengler, die im Obergeschoss 1980 ihre erste Hamburger Wohnung hatte, und Manfred Wiescholek die neuen Besitzer. Sechs Monate dauerte der erste Um- und Rückbau: Er bestand vor allem darin, Wände, Tapeten und Teppiche herauszureißen, Dielen abzuschleifen, alte Wandfarben, -gemälde, Fliesen freizulegen und, wo möglich, zu retten. Die Kapelle wurde zur etwa 45 Quadratmeter großen Wohnküche, dazu legte das Paar den alten Eingang im Erdgeschoss wieder frei, den es in einem gotischen Torbogen entdeckte. Aus der Küche im Untergeschoss wurde das neue Bad, aus dem Wohn- das Schlafzimmer. Etwas später kam noch das Zimmer neben der Kapelle dazu – der alte Durchgang wurde freigelegt. Der Raum gehörte erst den beiden inzwischen erwachsenen Töchtern, heute dient er als Arbeitszimmer: insgesamt eine Wohnfläche von 175 Quadratmetern.

Phase zwei der Sanierung dauert bis heute an. Die Wohnung wirkt wie ein Organismus, der wächst und sich verändert. Die Besitzer lassen ihr und sich dabei Zeit. Viel Zeit. „Wir haben beschlossen, dass uns hier das Perfekte eher stört“, sagt Manfred Wiescholek. Was nicht heißt, dass sie sich wenig Gedanken machen. Im Gegenteil. „In einem Anfall“, wie sie sagen, rissen sie zum Beispiel vor drei Jahren das Gästebad heraus, das noch im Stil der 70er dunkelblau gefliest war. Er zeichnete, wie das neue WC aussehen könnte, ihr gefiel es nicht, sie zeichnete, ihm gefiel es nicht. Sie rissen auch noch den Boden heraus, entdeckten alte Fliesen, die erhalten werden konnten, man einigte sich auf Corian als Material für den Waschtischblock. Nach weiteren Monaten herrschte Konsens über Altweiß als Farbton. Eine hauchdünne Corianschicht, nur durch eine Rinne von den Fliesen abgetrennt, wurde zur Duschwanne. Im vergangenen Sommer war das Gästebad fertig. „Das neue wirkt wie eine zweite Hülle, die man in den alten Raum gestellt hat“, sagt Ingrid Spengler. Und im Grunde gilt das für alle Räume. „Unser Zuhause soll wie eine Collage sein“, sagt sie.

Die Möbel sind Teil dieser Collage, lauter Fund- oder Erbstücke. Der große Spiegel mit dem Prachtrahmen, der in der Küche an der Wand lehnt, stammt aus einem Grandhotel im Bell-eÉpoque-Stil in Baden-Baden, in dem Ingrid Spengler aufgewachsen ist. Ihr Vater, ein Banker, hatte in dem Hotel seine Dienstwohnung. Die Biedermeier- Sessel vermachte ihr eine alte Dame, die Leuchten sind exquisites Gegenwartsdesign, die Regale Klassiker, die Küchengeräte haben Profiqualität. „Das ganze Ambiente, der Raum, die Farben, das Licht, die Möbel darin: Es muss nicht clean sein, nicht einmal ,schön‘. Es muss stimmig sein“, betont Ingrid Spengler, das heißt in ihrem Fall: ein wenig ungewöhnlich. „Wir propagieren ja auch in unseren Entwürfen das Besondere, etwa durch hohe Lufträume, die auch mal über anderthalb Geschosse gehen und den Räumen etwas Großzügiges geben.“ So großzügig, wie sie es unter ihrem Wohnküchengewölbe haben

Seite 2 : Phasen der Sanierung
Schlagworte:
Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Manfred Wiescholek