Wohnreportage Frischer Wind in der Fabrik

Warum in die Ferne schweifen? In einem Dorf in Apulien, der Region ihrer Kindheit, fand die Architektin Carola Fumarola aus Bologna ihr Refugium für den Sommer. Aus einer verlassenen Fabrik mitten im Ort machte sie eine Oase der Ruhe, der Offenheit und des Lichts – und bewahrte dabei zugleich den Charakter des alten Gemäuers.

Hin und wieder kommt eine der sehr alten Damen vorbei, die hier einst gearbeitet haben. „Es ist immer rührend zu sehen, wie sie die Verwandlung des Gebäudes beeindruckt“, sagt Carola Fumarola. „Ich glaube, sie sind mit dem Ergebnis sehr glücklich.“ Als die Architektin aus Bologna nach einem Sommerhaus suchte, fand sie es nicht, wie sie vermutet hatte, in weiter Ferne. Sondern dort, wo sie aufgewachsen ist – in Apulien. Die Architektin und ihr Mann, wie sie aus Süditalien stammend, entdeckten ihr Stück vom Himmel ganz unten am Absatz des italienischen Stiefels, eine Stunde entfernt von der Stadt Lecce: ein verlassenes, 1600 Quadratmeter großes Fabrikgebäude, das seine besten Tage lange hinter sich hatte. Hier wurde früher Wein gekeltert, dann Olivenöl gepresst und schließlich Tabak verarbeitet, bis der Zweite Weltkrieg auch dieser Produktion ein Ende setzte.

Zunächst aber hatte Carola Fumarola Bedenken gegenüber Haus und Lage: Die stolzen, dicken Wände aus dem weichen, für die Gegend typischen Lecce-Kalkstein waren ganz mit Schimmel überzogen, eine Folge der hohen Luftfeuchtigkeit und schlechten Belüftung. Zudem befindet sich die Anlage mitten in Spongano, einem 4000-Einwohner-Ort, und so fragte sich die Architektin: Ein Rückzugsort, der ausgerechnet mittendrin liegt – will ich das wirklich? Heute ist von den Zweifeln nichts geblieben. „Es hat große Vorteile, so zentral zu wohnen; die Sicherheit, die Nähe zu Geschäften, Bars, Restaurants. Und wenn wir den Haupteingang schließen und uns in unseren Garten zurückziehen, fühlen wir uns wie auf dem Lande.“

Das Hauptgebäude der Anlage, das jetzt als Wohnhaus dient, ist ein breiter Turm mit zwei hohen Etagen. In der flirrenden Hitze des Tages verströmt sein festungsartiges Eingangstor aus Metall etwas Mysteriöses. Ein Eindruck, der sich noch verstärkt, sobald man den Kopf durch die schmale Tür steckt, die in das Tor eingelassen ist, und die Eingangshalle betritt. Der hohe Raum mit Kalksteingewölbe und weiß gekalkten Wänden ist hell, angenehm kühl und sparsam möbliert, und durch ein weit geöffnetes Holztor fällt der Blick in den Innenhof, das eigentliche Herzstück des Hauses. Er entstand da, wo sich ursprünglich zwei hintereinanderliegende kleine Hallenbauten an den Turm anschlossen. „Zu viel überdachter Raum und zu wenig Platz für Garten und Pool“, befand die Architektin und ließ von dem hinteren der beiden Bauten nichts als die zwei Seitenwände stehen.

Zwischen diesen liegt nun, von der Straße nicht einsehbar, die Terrasse, die sich mit dem Pool verzahnt und in das Grün des umfriedeten Gartens übergeht. Der vordere Raum wiederum wurde zur Loggia und öffnet sich mit zwei weiten Bögen zur Terrasse. Er dient als großzügiges, stets von einer leichten Brise durchwehtes Freiluft-Wohn- und Esszimmer - der beliebteste Raum im Haus. Bei der Renovierung und dem Umbau wollte Carola Fumarola das Wesen des Gebäudes bewahren, seine ländliche Vergangenheit, die in den 4,6 Meter hohen Decken, den Gewölben und Wänden aus Kalksteinblöcken und zahlreichen Details deutlich wird. „Die Räume sprachen für sich“, sagt sie. Zugleich nutzte sie jede Gelegenheit, allen Zimmern durch subtile bauliche Eingriffe mehr Helligkeit zu verschaffen.

Neben dem Pool sind so zum Beispiel große begehbare Glasscheiben in die Terrasse eingelassen – Oberlichter für die darunterliegenden Räume, die früher als Zisterne dienten. Die Öffnungen waren die Bodenluken, durch die man die Trauben hinunterwarf. Jetzt fällt von hier Tageslicht in ein unterirdisches Wohnzimmer, eine Galerie und ein Studio, alle hell, gut belüftet und selbst dann noch mit einem erfrischenden Raumklima, wenn es draußen über 35 Grad heiß ist.

Die Schlafzimmer und Bäder befinden sich im Obergeschoss des breiten Fabrikturms. Er wurde zur Gartenseite hin geöffnet und teilweise entkernt, sodass eine Art Patio entstand, durch den zusätzliches Tageslicht in die angrenzenden Räume fällt. Ein Effekt, der sich durch vertikale Schlitze in den Wänden noch verstärkt. Die Böden wurden mit einer Heizung versehen und mit Beton ausgegossen, die originalen dicken Kalksteinplatten fanden im Garten Wiederverwendung. Überhaupt versuchte die Hausherrin, möglichst viel der ursprünglichen Materialien zu retten. Die Kalksteinmauern wurden gereinigt, die Wände weiß gekalkt, die Gitter vor den Fenstern, typisch für die Bauweise in der Gegend, wieder eingesetzt, und wo neue hermussten, wurden sie so behandelt, dass sie wie die alten aussehen. Das Holztor, ein Fundstück aus Indien, wurde gereinigt und verstärkt und mit einem breiten Rahmen aus Glas in den Durchgang zur Loggia eingepasst. Gegen den rustikalen, fast rohen Charme der Räume setzte Carola Fumarola wenige Designobjekte, moderne Skulpturen und exotische Trouvaillen von vielen Reisen. Hinzu kommen betont reduzierte zeitgenössische Möbel, die in dieser Umgebung umso leichter und lässiger wirken.

Trotzdem spielen sie nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt stehen das Licht, die Wärme, der Blick – und der Garten. Zitronenbäume, Feigenkakteen und Bougainvilleen wachsen hier, der Pool wird von Rasen gerahmt, und zwei hohe Palmen ragen, weithin sichtbar, über die dicken Mauern. Das Sonnendeck auf dem Dach der Loggia wird von unzähligen Pflanzkübeln mit Granatapfelbäumchen gerahmt – und bietet die perfekte Kulisse für den abendlichen Drink. „Hier zu stehen und über die Stadt zu schauen“, schwärmt Carola Fumarola, „das ist einfach herrlich.“ Und weil der Ort so einladend ist, machen auch die Schwalben auf ihrem Weg nach Afrika gern Rast: trinken am Pool etwas Wasser, sitzen ein wenig auf den hohen Vorhangstangen der Loggia – und ziehen dann erst wieder weiter.

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Autor:
Martina Hunglinger, Volker Corsten
Fotograf:
Mads Mogensen