Eine Wohnung in Hamburg Konzentration, bitte!

Er hat einen Blick für schöne Dinge – und kann sich schlecht von ihnen trennen. Trotzdem wirkt Wolfram Neugebauers Hamburger Wohnung klar, ruhig und fast leer. Kein Wunder. Der Mann ist Stylist und hat gelernt, dass Ordnung entsteht, wenn man Gruppen bildet: nach Themen, Farben, Materialien.

Ich sammle, sammle, sammle“, sagt Wolfram Neugebauer irgendwann seufzend, während er durch seine Wohnung in Hamburg-Winterhude führt. Seit mehr als dreißig Jahren häuft er Möbel, Kunst, Elefanten und alles mögliche andere an, und jedes Stück hat seine eigene kleine Geschichte. Die bleiche afrikanische Holzmaske etwa, die da über der Arbeitsplatte in der natürlich selbst entworfenen, mit voller Absicht oberschranklosen Küche hängt? Eine Erinnerung an seinen 50. Geburtstag, den er in Paris mit Freunden gefeiert hat. Die Maske fand er auf dem Flohmarkt direkt vor der Haustür. Die Körperstudien im antiken Stil direkt daneben? „Die habe ich vor vielen Jahren bei einem Trödler in San Gimignano in der Toskana gekauft.“ Und diese wunderschöne Frau auf dem Foto, die wie ein Filmstar aus den 1930er-Jahren aussieht? „Das ist meine Mutter.“

Offener Wohnraum
Wer nun aber denkt, das 120 Quadratmeter große Appartement, in dem er mit seinem Lebensgefährten wohnt, sei bis zum Bersten vollgestellt mit solchen Schätzen, der wird sich nur wundern können. Die Räume – mit 2,30 Meter Deckenhöhe nicht besonders hoch – wirken elegant und großzügig, der Wohnraum ist offen zu Küche und Flur („damit man immer miteinander plaudern kann“), die Dinge sind klar arrangiert. Wolfram Neugebauer ist eben nicht nur ein Sammler, er ist Stylist und ein Einrichtungsprofi. „Wenn man wie ich eine Lehre als Dekorateur gemacht hat, dann hat man eins gelernt: Gruppen zu bilden. Farbgruppen, Themengruppen – das steckt heute einfach in mir drin“, sagt er. Und bei ihm kommt dazu noch das Talent, sich alle Dinge sofort im Raum vorstellen zu können. „Eine Gottesgabe“ nennt er das grinsend. Aber auch die, gibt er zu, wurde natürlich geschult. Von dem Modemacher Wolfgang Joop etwa, für den er sehr lange gearbeitet hat: „Er hat mir noch einmal eine ganz andere Sichtweise darauf vermittelt, wie man Sachen kombiniert.“

Seit 15 Jahren ist Wolfram Neugebauer selbstständig, und seit sechs Jahren wohnt er im Vorderhaus eines Kontorgebäudes aus der Wende zum 20. Jahrhundert – mit der Arbeit im Blick: Im Hinterhof, in einem Gewerbebau mit alter Seilwinde an der Fassade, liegt im Erdgeschoss sein Concept Store „Die Remise“. Dort entwirft er Dekorationen für Events, entwickelt Konzepte für Schaufenster, Fotoshootings und Ausstellungen. Die Wohnung vorne aber soll ein Ruhepol sein. Und gerade weil er beruflich so viel mit Farbe zu tun hat, will Wolfram Neugebauer in seiner privaten Umgebung keine haben. Die Wände sind meist weiß, vereinzelt auch grau, beim Mobiliar und den Bildern dominieren Schwarz, verschiedene Grautöne, dazu das Braun unterschiedlicher Holzarten. Die Töne „erden“ die Räume, dimmen sie sozusagen herunter – und betten die stilistische Unruhe ein, die Wolfram Neugebauer mit seinem Eklektizismus bewusst zelebriert.

Elefanten-Ecke
Es macht einfach Sinn, wenn man die Dinge konzentriert“, sagt der Stylist. Im Wohn- und Esszimmer etwa findet sich an einer sonst leeren, grau gestrichenen Wand eine lockere Gruppe von acht schwarz-weißen Holzstichen, darunter stehen zwei schwarz bezogene Art-déco-Sessel, und schräg gegenüber ist auf einem Palisander-Sideboard aus den 50ern ein Ensemble der sogenannten Piesche-Vasen aus der einstigen DDR platziert, alle aus Keramik, mit den typischen Ritzdekoren in der dunklen Glasur. Und am anderen Ende des langen Raums findet sich, sorgsam arrangiert auf einer Kommode, ein Dutzend jener kleinen bis winzigen Elefanten, die Neugebauer sammelt und auch zu besonderen Anlässen immer wieder verschenkt, seit er den ersten Dickhäuter von seinem Großvater bekam.

Der Mix der Epochen ist zufällig. Die Klammer bilden Farben, Materialien – und die Geschichten. Der „Egg Chair“ von Arne Jacobsen etwa war ein Abschiedsgeschenk von Wolfgang Joop, auch die Wandlampe von Serge Mouille mit den drei Krakenarmen sah Neugebauer zuerst bei seinem alten Chef („Es gibt so wenig gute Leuchten, und Joop hat die von Mouille in allen Formen“). Außerdem gibt es zwei Bilder des Modedesigners, einen Holzschnitt („einen Egon-Schiele-Verschnitt“) und ein Aquarell („der Entwurf für eine Modenschau“). Und aus Wolfram Neugebauers Zeit als Dekorateur-Lehrling, in der seine Liebe zu den Möbeln geweckt wurde, stammen die Biedermeierkommoden und -stühle und vor allem der reich verzierte Sekretär von 1820 im Wohnzimmer. „Den habe ich in einer Scheune gefunden und in vielen Arbeitsstunden restauriert, von dem würde ich mich nie trennen.“ Auch seine Kinder, Zwillinge, Junge, Mädchen, zehn Jahre alt, die aus einer früheren Beziehung stammen, lieben dieses Möbel. Denn hinter den Schubladen sind überall Geheimfächer verborgen, in denen die beiden ihre Ersparnisse verstecken.

Ganz ohne Geheimnisse muss man im Badezimmer sein. Es ist durch zwei Türen begehbar, doch den Eltern- und Kinderbereich trennt nur eine halbhohe Wand mit Lamellen darüber, die zwar drehbar sind, aber nie ganz schließen. Wolfram Neugebauer hatte die Konstruktion im Fenster eines Ladens der italienischen Luxusledermarke Bottega Veneta gesehen und vom Tischler nachbauen lassen. Er liebe es, wenn seine Kinder sich im „kleinen“ Bad die Zähne putzten oder in der Badewanne säßen, während er sich nebenan für den Tag fertig mache – und er sich mit ihnen von Bad zu Bad unterhalten könne. Wie lange die Kinder das aber noch so gut fänden – Neugebauer grinst: „Das wird man sehen.“

Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach