Weit wie das Meer Modernes Landhaus in der Bretagne

Treffpunkt Bretagne: Im Geburtstort ihres Vaters entwarf Architektin Tania Urvois ein modernes Landhaus, das die Landschaft mit Transparenz feiert. Es ist heimatverbunden und weitläufig zugleich - ideal für eine Familie, die auf der ganzen Welt verstreut lebt, aber den Sommer hier stets gemeinsam verbringt.

Muss man sich Sorgen machen? Der gläserne Pavillon wirkt so leicht, als könne der nächste Atlantiksturm ihn einfach wegblasen. Er steht auf einem Sockelgeschoss aus Schiefer an der Steilküste nahe dem kleinen Ort Douarnenez in der Bretagne, gut 20 Meter weiter unten schlagen Wellen lärmend an die Felswände. Vom Wasser aus ist das Glashaus kaum zu sehen. Es trägt Camouflage: Die Landschaft mit den hohen Pinien spiegelt sich in den Fassaden. Erst wenn die Glasschiebetüren geöffnet werden, am Abend drinnen die Lichter angehen, sind Einblicke möglich: Salon, Esszimmer und Küche, ein halbrundes großes Sofa, ein langer Holztisch, ein offener Kamin als Raumteiler, eine weiße Küche, ein paar Kunstwerke. „Meine Mutter ist eine Puristin. Sie findet, dass zu viel Dekoration vom Ausblick ablenken würde“, sagt die Architektin Tania Urvois, 39. Sie entwarf das Haus für ihre Eltern, Louis und Kersti Urvois. Anfangs zögerte sie: „Viele meiner Studienkollegen hatten schlechte Erfahrungen mit Projekten für nahe Verwandte gemacht.“ Aber die Eltern insistierten und gaben ihrer Tochter alle gestalterischen Freiheiten – und Zeit.

„Mein erster Entwurf war vor zehn Jahren ein 80 Quadratmeter kleines Glashaus für zwei Personen. Ein lang gestreckter, lichter Kubus mit einem Schlafzimmer“, erinnert sie sich. Aber ihre Eltern protestierten. Der Stil gefiel ihnen, aber es sollte unbedingt Platz für alle vier erwachsenen Kinder geben. Und für zukünftige Enkelkinder. „Insbesondere meine Mutter ermutigte mich, immer weiter zu experimentieren. Der gefühlte zwanzigste Plan war der richtige.“ Tania Urvois lacht. So wuchs während der vierjährigen Planung die Wohnfläche auf 476 Quadratmeter und zwei Etagen an. Allein den dominanten Glaspavillon verdoppelte die Architektin auf 160 Quadratmeter – und suchte mehr als ein Jahr nach einer Firma, die ihren Entwurf für die Glasfassaden ganz ohne Pfeiler und Säulen realisieren konnte.Und natürlich können Wind und Wetter der Stahlkonstruktion des Pavillons nichts anhaben. Die unverkleideten, industriell anmutenden Deckenträger sind durch gekreuzte, horizontale Verstrebungen miteinander verbunden, welche bei Sturm dafür sorgen, dass das Haus, überspitzt gesagt, nicht wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Darunter entstand ein Kubus aus Schieferstein, eingebettet in den Hang, erstaunlich unaufdringlich und erst auf den zweiten Blick sichtbar. „Oben Glas, unten Stein: perfekte Gegensätze, wie ich sie grundsätzlich mag. Und die Naturmaterialien fügen sich harmonisch in die Landschaft ein, ohne massig zu wirken.“

Dass das Haus Verwandtschaft hat mit der amerikanischen Moderne, auf Mies van der Rohe, Philip Johnson und Pierre Koenig anspielt, ist natürlich kein Zufall. Tania Urvois studierte in Harvard und arbeitete nach dem Master-Studium bei einem Bauunternehmen in Los Angeles, bei dem sie für die Restaurierung einiger „Case Study Houses“ verantwortlich war. Auch ihre Mutter, gebürtige Mexikanerin und selbst Architektin, hat eine Affinität zu den Bauikonen der Epoche. Ihr Vater schließlich arbeitete viele Jahre im berühmten Verwaltungsgebäude des Putzmittelherstellers S.C. Johnson in Wisconsin, das Baumeisterlegende Frank Lloyd Wright entworfen hatte – das prägt den Geschmack.

Louis Urvois wurde in Douarnenez geboren, studierte in Harvard und machte als Manager weltweit Karriere. Er war Präsident für den internationalen Markt beim Kosmetikriesen Estée Lauder in New York und bei der Luxusledermarke Loewe in Madrid. Die Kinder wuchsen in den USA und in Spanien auf, die Sommer aber verbrachte die Familie immer hier, am äußersten westlichen Zipfel der rauen Bretagne. Sie wohnten zunächst in dem Geburtshaus von Louis Urvois, einem alten Fischerhaus. Großvater und Urgroßvater fuhren noch zum Sardinenfang aufs Meer, die Fische wurden im Keller eigenhändig verarbeitet. Der Vater war dem Meer nur als Segler verbunden, dies aber mit großer Leidenschaft. Und bei aller Weltläufigkeit gilt auch für ihn das Sprichwort „ein Bretone ist immer zuerst Bretone – und dann ein bisschen Franzose“. Die Identifikation mit dieser Region, der Familie und Freunden ist hoch – und der Stolz, Bretone zu sein, enorm.

Als Mitte der 1990er-Jahre ein mehrstöckiges Wohngebäude vor das Fischerhaus gepflanzt wurde und den Blick aufs Meer verstellte, wollten Tanias Eltern neu bauen. Sie suchten nach einem geeigneten Grundstück. Weil Bauland rar ist in Douarnenez – das einstige Fischerdorf hat sich zu einem beliebten Ferienort mit Jachthafen und Thalasso-Angeboten gewandelt – dauerte es mehrere Jahre, bis sie fündig wurden. Und weitere, bis ein unscheinbares Bestandsgebäude abgerissen war. Für den Neubau, da war sich die Familie von vornherein einig, „war ein Haus in traditioneller bretonischer Bauweise absolut ausgeschlossen – Spitzgiebel, kleine Fenster, weißer Putz. Das wollten wir nicht!“. So erzählt Tania Urvois. Stattdessen feiert ihr Entwurf konsequent die Landschaft und den Blick – und das nicht nur mit der Glasbox für den Wohnbereich. Auch im massiv anmutenden Sockelgeschoss öffnen sich alle fünf Schlafzimmer mit Fensterfronten zum Wasser. „Das war die Bedingung meiner Eltern“, erklärt die Architektin. Außerdem wünschten sie eine Terrasse rund ums Haus und möglichst viel Naturlicht in den Räumen. Das Interieur gestaltete Tanias Schwester Claudia, eine Designerin, mit hellem Holz und wenig Farbe. Es lehnt sich an den regionalen Einrichtungsstil an – und interpretiert ihn zugleich so radikal minimalistisch, wie ihre Mutter es schätzt.

Seit das Haus 2010 fertiggestellt wurde, trifft sich die ganze Familie sommers hier – die Eltern kommen aus Spanien oder London (sie haben in beiden Städten Wohnsitze), Claudia aus Schanghai, die Brüder Louis Jr. und Yves aus den USA und die Architektin selbst hat es nicht weit. Nach beruflichen Stationen in Spanien, den USA und in Nantes entschied sie sich während der Bauphase, in der Gegend zu bleiben. Im nahen Brest eröffnete sie 2009 ihr Architekturbüro und hat heute vier Mitarbeiter. Ihr Vater kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr segeln. „Aber er ist überglücklich, wenn er von der Terrasse die alljährliche Regatta in der Drachenklasse beobachten kann“, sagt Tania Urvois. „Ihm zuliebe wurde direkt vor dem Haus eine Wendeboje platziert.“

 

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Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Christoph Theurer