Altes Internatsgebäude Die Einrichtung von Künstlerin Laurie Simmons

Mit dieser Erfahrung wusste Laurie Simmons sogleich, dass sie für ihr eigenes Zuhause ein optisches Bindeglied zwischen den Räumen brauchte, „wie in einem Hotel“. Sie wählte verschiedene Schwarz-Weiß-Muster, die sich jetzt von den Kissen über die Polster der Bänke unter den Fenstern bis zum Schachbrett der Marmorböden in der Küche, den Bädern und der Terrasse erstrecken.

Den Rest seiner hoheitsvollen Fremdheit verlor das Haus, als die Erinnerungsstücke aus Laurie Simmons’ Kindheit einzogen: Eine Vitrine beherbergt ihre geliebte, ein halbes Jahrhundert alte Brownie-Rollfilmkamera von Kodak und ein paar Gipsmodelle aus der Zahnarztpraxis ihres Vaters. Den frühen Werken ihrer Töchter Lena, 27, und Grace, 21, ist ein eigener Raum geweiht (Lena Dunham ist als Autorin, Regisseurin und Star der TV-Serie „Girls“ inzwischen bekannter als ihre Eltern). Carroll Dunham hat sich mehrere Räume unter dem Dach zu eigen gemacht: Überall warten Tische mit ordentlich aufgereihten Farbtuben und gespitzten Buntstiften auf ihn. „Die Räume rufen mich zur Arbeit“, sagt Dunham, ein Mann mit spitzen Gesichtszügen und der drahtigen Magerkeit eines Rockstars. Lässt seine Inspiration nach, zieht er sich in das Bad im Dachstuhl zurück und bemalt dort die Wände mit spontanen Versionen seiner ausgeklügelten Art Brut – grob gezeichnete Frauenakte und auch fast bis zur Unkenntlichkeit vereinfachte Bäume, mit denen er die Spannung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit erkundet.

Das Haus hat auch Laurie Simmons auf ihre Weise in den Dienst der Kunst gestellt. Zunächst hatte sie bloß die vage Idee, es als Kulisse für ihre Fotos zu benutzen und so zu seiner Finanzierung beizutragen, „so wie Christo mit Zeichnungen Geld für seine Projekte auftreibt“. Als sie in Tokio eine besonders lebensnahe Sexpuppe entdeckte, wurde aus der Idee ein konkretes Projekt: Sie fotografierte das schöne Silikonmädchen in verschiedenen Kostümen und mit wechselndem Make-up in den lichtdurchfluteten Räumen – als ultimatives Puppenhaus erhielt ihr extravaganter Landsitz damit seine Rechtfertigung.

Der Bau lässt ihr keine Ruhe – noch immer fordern die Räume Aufmerksamkeit, verlangen nach Veränderung. „Ich suche immer nach dem idealen Standort für eine Lampe, einen Stuhl.“ Die ersten Anschaffungen – zwei teure Sessel mit irisierendem Samtbezug – erwiesen sich längst als Fehlkäufe. „Man vergisst, welche große Wirkung die Farben der Umgebung draußen auf das Interieur haben“, sagt Laurie Simmons. „Irgendwann habe ich verstanden, dass ich immer nur von außen in das Haus hineingeschaut habe“ – wie in ein Puppenhaus. Inzwischen aber steht im langen, leeren Flur der ersten Etage ein Sessel am Fenster, vor dem sich die Landschaft bis zum Horizont ausbreitet.

Seite 2 : Die Einrichtung von Künstlerin Laurie Simmons
Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Karin Kohlberg