Architektur-Skulptur zum Wohnen Das Reet-Dach

Statt Walmdach, Gauben und Idylle eine Kuppel aus Glas und Schilf bis zum Boden: Das Reethaus, das ein Nürnberger Unternehmer an die Ostseeküste stellte, macht aus einer traditionellen Bauweise eine Architektur-Skulptur zum Wohnen.

„Auch die Reet-Verkleidung war ganz schön knifflig“, sagt Richard Seibt und knipst die sternenförmig angeordnete Beleuchtung im Glasdach an. Der Bauausschuss von Ahrenshoop war sich sicher gewesen: Eine derart kurvige Form kann man nicht decken! Doch ein Reet-Spezialist vom Darß sah die Aufgabe als Herausforderung – immerhin hatte er gerade die Villa von Julio Iglesias in Florida gedeckt. Weil der Hausherr von der Veranda aus „im Sitzen aufs Wasser schauen wollte“, der Bau aber nicht höher als der Dachfirst des Nachbarn sein durfte, wurde die übliche Verteilung der Räume umgekehrt: Die drei Schlafräume und Bäder kamen nach unten, Wohnbereich und Küche auf die obere Ebene, zu der zwei Treppen links und rechts an den geschwungenen Wänden entlang wie zu einer Galerie hinaufführen.

Im unteren Geschoss ist das Kleid aus Reet nur durch einzelne Fenster durchbrochen, der Wohnteil dagegen öffnet sich mit dem Dach, dessen Verglasung sich zur einen Seite breitflächig über die Hauswand fortsetzt, zu Himmel und Strand. Derart lichtdurchflutet, erscheint der Raum noch größer, als er mit seinen gut 100 Quadratmetern ohnehin schon ist. „Diese freie Fläche unter dem Glasdach verlangt nach sparsamer Möblierung, und so kauften wir als Erstes zwei Eames-Lounge-Chairs und einen ovalen Tisch“, erklärt der Hausherr. „Meine Frau interessiert sich seit Langem für solche Klassiker, Entwürfe von Breuer, Citterio oder den Eames’ waren schon früh Teil unserer Einrichtung.“ Als Beleuchtung dienen Achille Castiglionis Bogenleuchten. „Nur sie haben den gewünschten Radius, und Hängen ist unter dem Glasdach nicht möglich.“

Der Architekt Roland Nörpel konnte es kaum glauben, als das Haus nach nur zwei Monaten und bald darauf fix und fertig eingerichtet in den Dünen stand. „Es ist unglaublich, wenn man bedenkt, wie lange wir uns gequält haben“, sagt er und lacht: „Das Gefühl bei der Übergabe war so, wie seine schwangere Frau in den Kreißsaal zu fahren!“

Autor:
Camilla Péus
Fotograf:
Steffen Jänicke