Modernes Märchen Romantische Villa am See

Die nostalgische Idylle trügt: Das neobarocke Schlösschen, das Jeanne und Gerhard Andlinger aus New York sich als Pied-à-terre am Attersee in Österreich kauften, ist aus den 1970er-Jahren. Die Einrichtung vertrauten sie dem Designer Robert Couturier an. Er neutralisierte den Zuckerbäckerstil mit modernen Klassikern.

Wie eine Postkarte aus dem Salzkammergut wirkt das neobarocke Schlösschen mit dem geschwungenen Dach, den Türmchen und den schlanken Säulen, wenn es am Ende einer Allee in seinem Habsburger Gelb aufleuchtet. Hinter einem der hohen Fenster stellt man sich einen Salon voller Antiquitäten vor und vielleicht eine wohlfrisierte Dame, die gedankenverloren auf das Ufer des Attersees schaut, an dem sie schon ihre Kindheit verbrachte. Tatsächlich aber ist die Villa das Pied-à-terre eines Ehepaars aus den USA, das sich die 14 Räume in wenigen Wochen von seinem bevorzugten Innenarchitekten, Robert Couturier aus New York, einrichten ließ. Die große Eile war geboten, weil der österreichische Finanzier und Mäzen Gerhard Andlinger und seine amerikanische Frau Jeanne rechtzeitig zu den Salzburger Festspielen anreisen und ein bis ins letzte Detail ausgestattetes Sommerdomizil vorfinden wollten. „Wir verbringen hier zwei Monate, die von allen Verwirrungen und Ablenkungen des Alltags unangetastet sein sollen“, erklärt die Hausherrin aus dem Mittleren Westen, die sich vom eisigen Blau des Alpensees ebenso verführen ließ wie vor einem Jahrhundert Klimt, Mahler und Freud.

Die Villa zu Füßen des Höllengebirges ist nur eines von einem guten Dutzend Häusern, die Couturier in den letzten 20 Jahren für die Andlingers in Aspen, Southampton, an der Upper East Side Manhattans und anderen glamourösen Orten ausgestattet hat. Ein einziges Mal wählte der Geschäftsmann nach einer Geschmacksunstimmigkeit einen anderen Dekorateur, nur um dann reumütig zu dem stilsicheren Franzosen zurückzukehren. „Ich weiß viel besser als er selbst, was er will“, sagt Robert Couturier mit einem weisen Lächeln.

Kein Wunder also, dass Herr Andlinger diesem Experten für verborgene Wünsche auch dann blind vertraute, als dieser ihm für die Villa am Attersee ein besonders radikales Einrichtungskonzept unterbreitete: Statt wie bei früheren Projekten Kronleuchter aus italienischen Palästen zu importieren und Paris nach Louis-XIV.-Stühlen zu durchkämmen, plädierte Couturier diesmal für Möbel der klassischen Moderne. Und so verstoßen nun Mies van der Rohe, Verner Panton, Le Corbusier mit ihren bis heute produzierten Entwürfen ebenso wie die jüngeren Vertreter der Avantgarde mit aller Macht gegen den biedermeierlichen Hausfrieden, den man hinter der massiven Holztür erwartet. „Das ist immer mein liebster Moment“, sagt Jeanne Andlinger lächelnd. „Wenn ich auf den Gesichtern meiner Gäste zuerst Erstaunen und dann Erleichterung registriere. Sie atmen auf, weil es nicht die förmliche Umgebung ist, die sie erwartet haben.“

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Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Bärbel Miebach