Beatrix im Wunderland Liebesbriefe

Beatrix im Wunderland: In dem neogotischen Atelierhaus Hôtel des Artistes in New York dürfen bis heute nur Kreative wohnen. So wie die deutsche Künstlerin Beatrix Ost und ihr Mann Ludwig Kuttner: Sie ergänzten die originale Ausstattung mit einem exzentrischen Mix aus Kunst und Design – und schufen Räume wie im Märchen.

Eine ganze Galerie von Bildern liegender Frauengestalten weisen die gebürtige Stuttgarterin Beatrix Ost als Malerin aus. Auf der Fensterbank sind einige ihrer Kerzenmultiples versammelt – Frauen- und Männerköpfe, maskiert mit Gesichtern von Hunden und Katzen. Der überdimensionale Bleistift ist ein Geschenk ihres Mannes, des Unternehmers und Philanthropen Ludwig Kuttner aus München, von wo beide 1977 nach New York kamen. Er ließ für das Objekt einen drei Meter hohen, schmalen Baumstamm ausgraben und anspitzen – als Ermutigung zum Schreiben. Denn als Beatrix Ost vor rund zehn Jahren die Liebesbriefe ihrer Eltern entdeckte – und diese damit von einer ihr bisher unbekannten Seite kennenlernte –, baute sie um diesen Fund herum einen Roman. Der große Talisman tat seine Wirkung, und Ost feierte den Erfolg ihres Buches „Als wär’s ein Teil von mir“, indem sie eine handgeschriebene Manuskriptseite in Tibet in einen Teppich verwandeln ließ. „Eines Tages kam eine Mail aus Lhasa“, erinnert sie sich. „Die Weber schlugen vor, die roten Linien des Papiers wegzulassen, weil sie das Design zu unruhig machten – sie hatten recht. Ich war beeindruckt.“

Seit fünf Jahren lebt das glamouröse Paar in der Maisonettewohnung an der Westseite des Central Parks. Zuvor hatte es im Atelierhaus nebenan mit seinem sogenannten O/K-Apartment schon einen gewissen Ruhm erlangt: Amorphe Gebilde aus orangefarbenem Fiberglas – eine Kreation des Architektenteams Sulan Kolatan und Bill Mac Donald – schienen aus den Wänden zu quellen und formten eine kontinuierlich fließende Wohnlandschaft inmitten der altmodischen Räumlichkeiten. Der Hausverwalter, der schon vor Beatrix Osts raumgreifenden Hüten und ihren modischen Kreationen (etwa einem Mantel mit einer kompletten Alligatorhaut auf dem Rücken) erstarrte, war von diesem Eingriff schockiert. In der neuen Wohnung „haben wir die Poesie des alten Interieurs intakt gelassen“, erklärt die Künstlerin und zeigt auf die filigranen Fenstereinfassungen – „wie aus Spitze“ –, das Geländer der Empore und die Deckenbalken, die alle unter einer dicken Schicht beiger Farbe verborgen waren – „es sah aus wie ein altes Klassenzimmer“. Das eher bescheidene Format mancher Zimmer konterte sie mit kühnen Gesten wie den nahezu deckenhohen Gemälden und Fotos im Esszimmer und dem wandfüllenden Schwarz-Weiß-Mosaik eines Frauenaktes mit Turban nach Ingres’ berühmtem Gemälde „Das türkische Bad“ über der Wanne. „Ich mag es, wenn die Proportionen nicht stimmen. Ein großes Bild verleiht einem kleinen Raum Bedeutung und holt ihn aus seiner Kleinheit heraus“, findet Beatrix Ost.

Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Sigrid Rothe