Labics ist AW Architekt des Jahres 2026
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Das römische Büro „Labics" ist AW Architekt des Jahres 2026

Sie gehören zu den spannendsten ArchitektInnen Italiens und sind dennoch ein Geheimtipp: Maria Claudia Clemente und Francesco Isidori – Labics – denken Architektur als offene Struktur, die stetig weiterentwickelt wird. 
Text Kira Sophie Kawohl
Datum12.06.2026

Ihre Muster basieren auf mathematischer Ratio und einer unverstellten Offenheit, die sie auch persönlich ausstrahlen. Wir trafen die AW ArchitektInnen des Jahres 2026 in Rom, wo sie derzeit Baugeschichte weiterstricken

Ihr kennt euch seit eurer Kindheit, seid beide ArchitektInnen geworden. Wann habt ihr festgestellt, dass ihr gut zusammenarbeiten könnt?

MCC: Eines Tages rief Francesco mich an und bat um meinen fachlichen Rat. Ich bin ja etwas älter als er – man sieht es nicht, aber es stimmt! (lacht) Damals hatte ich ein junges Architekturbüro mit einem anderen Partner. Francesco und ich merkten schnell, dass wir ähnliche Ansätze haben, und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich mit meinem damaligen Büropartner nicht so gut zusammenpasste. Ziemlich bald haben Francesco und ich beschlossen, gemeinsam weiterzumachen und Labics gegründet...

Das ist jetzt fast 25 Jahre her. Welche Rolle nimmt Labics heute innerhalb der italienischen Architekturlandschaft ein?

MCC: Es ist schwierig, die eigene Arbeit einzuordnen, aber wir können wiedergeben, was die jungen italienischen Architekt*innen über uns sagen, die wir gestern Abend im Rahmen einer Veranstaltung getroffen haben. Sie zählen uns zur Spitze der italienischen Architekturszene. Ob an erster, zweiter, dritter Stelle, das ist nicht wichtig. Aber wir spielen eine nennenswerte Rolle.

FI: Marco Biraghi, ein bekannter italienischer Architekturhistoriker am Politecnico di Milano, nennt uns eines der interessantesten italienischen Architekturbüros unserer Generation, da wir Forschung und Praxis miteinander vereinen. Es gibt viele Büros, die überwiegend in der Praxis tätig sind, aber denen mitunter der theoretische Unterbau fehlt. Auf der anderen Seite gibt es auch viele Architekt*innen, die sich eher auf die theoretische Forschung konzentrieren und dadurch die Gelegenheit verpassen, ihre Erkenntnisse in konkreten Projekten umzusetzen. Wir vereinen beides miteinander.

Wie würdet ihr die „architektonische Denkweise“ des jeweils anderen beschreiben? Ähnelt sie der eigenen?

FI: Ja, sie ist ziemlich ähnlich, finde ich! Ich würde Maria Claudia zuallererst als smart bezeichnen. Im Entwurf ist sie sehr präzise, rigoros und sorgfältig. Sie verfolgt Ideen konstant vom Anfang bis zum Ende. Gleichzeitig ist sie sehr kreativ und versucht, immer etwas Neues zu erfinden. Dieser forschende Ansatz ist sehr wichtig für Architekt*innen.

MCC: Das ist wirklich interessant, wie Francesco mich beschreibt ... Ich würde exakt das Gleiche über ihn sagen. Also, wirklich haargenau! (lacht) Insofern: Ja, ich glaube, dass wir das gleiche Mindset haben! Vielleicht ist das der Grund, warum wir so gut zusammenpassen. Francesco ist präzise, rigoros, kreativ, offen und neugierig.

Soeben habt ihr die Erneuerung des Zentralpavillons in den Giardini der Biennale abgeschlossen. Eure Arbeit schließt an historische Eingriffe durch große Architekten wie Gio Ponti und Carlo Scarpa an – ihr nennt das Projekt „Critical Reinvention“. Was konntet, was musstet ihr denn noch neu erfinden?

MCC: Was wirklich neu ist, ist das Verhältnis zwischen innen und außen. Das war uns sehr wichtig. Wo es möglich war – nicht bei den Ausstellungsräumen –, haben wir uns entschieden, die bestehende Fassade zu öffnen und den Raum um eine Struktur zu erweitern, die wie eine Loggia oder ein Portikus funktioniert und eine Beziehung zum Garten herstellt.

Genau diese Öffnung nach außen und die Einbindung öffentlicher Räume sind die zentralen Gestaltungsmerkmale eurer Architektur ...

FI: Ja, wir finden das reizvoll, weil es kein Patentrezept gibt, wie man einen öffentlichen Raum gut gestaltet. Jede Situation ist anders, jeder Kontext ist anders. Und auch die Art und Weise, wie die Gemeinschaft auf eine Maßnahme reagiert, kann unterschiedlich sein. Daher ist es sehr wichtig, den sozialen Kontext zu verstehen. Es kommt nicht darauf an, wie die Elemente im öffentlichen Raum geformt sind, welche Bänke und Stühle gewählt wurden. Es ist die Architektur rundherum, die einen öffentlichen Platz am meisten prägt.

MCC: Uns interessiert, wie die umgebende Architektur auf den öffentlichen Raum reagiert, wie sie mit ihm interagiert. Wie man in Venedig sehen kann, versuchen wir immer, einen Übergang zu schaffen, der vermitteln kann. Die Innenräume erweitert, sodass Architektur und öffentlicher Raum gewissermaßen miteinander verschmelzen. Architektur muss offen und großzügig sein!

Im Erdgeschoss teilen sich Maria Claudia und Francesco, deren Väter schon gemeinsam die Schulbank drückten, ein lichtdurchflutetes Chefbüro

Architektur als Struktur – das nennt ihr euren Modus Operandi. Könnt ihr das erklären?

FI: Ja, das ist sehr wichtig. Struktur ist grundlegend. Wir glauben, dass gute Architektur dann entsteht, wenn in einer offenen Struktur alle Elemente zusammenlaufen – die Raumabfolge, die technischen Notwendigkeiten, die Organisation von Bewegungsabläufen, die Organisation des Lichts. Ein gutes Projekt ist eines, das all diese Aspekte in einem Ganzen zusammenfassen kann, ohne einen davon zu privilegieren.

MCC: Eine Struktur ist ein Beziehungsgeflecht. Architektur zunächst als Struktur zu begreifen, bedeutet also, dass man Architektur als System zu begreifen beginnt. Das ist eine echte Verschiebung der Bedeutung von Architektur.

Wie reich und vielfältig kann Architektur denn sein, wenn sie allein auf der Grundlage rationaler Überlegungen entsteht?

MCC: Oh, wir sehen keinen Widerspruch zwischen kreativer Vielfalt und Rationalität. Nein, überhaupt nicht! Es gibt Hunderte von Künstler*innen, die äußerst rational und zugleich kreativ sind – Carl Andre, Paul Klee oder Donald Judd ... Die Kreativität wird eingesetzt, um Struktur zu finden.

FI: Oder nehmen wir das Beispiel der Musik: Johann Sebastian Bach, einer der kreativsten Musiker aller Zeiten. Er hat mit Struktur und Variationen komponiert. Ausgehend von einem Modul, das anfangs sehr einfach, elementar ist, arbeitete er sich mit einer simplen, rationalen Struktur vor – ergänzte das Ganze um Tiefe, um Transformationen, um Komplexität. Eine architektonische Struktur zu entwerfen, ist mehr oder weniger das Gleiche. Man beginnt mit einem sehr einfachen, rationalen Grundgerüst und führt dann Variationen ein, die Intensität und Abwechslung erzeugen – und das Ergebnis ist ein fulminantes, komplexes Kunstwerk.

KünstlerInnen oder MusikerInnen – was wäret ihr geworden, wenn ihr keine ArchitektInnen geworden wäret?

FI: Früher war mein Traumberuf Filmregisseur. Ich liebe bewegte Bilder, die Idee, mit der Kamera virtuelle Räume zu erschaffen, Szenen festzuhalten und durch ihre Bewegung Geschichten zu erzählen. Aber dann bin ich doch Architekt geworden ... Ich weiß nicht, vielleicht mache ich ja im nächsten Leben doch noch etwas anderes, yeah! (lacht)

MCC: Ich war eigentlich kurz davor, Fotojournalistin zu werden. Irgendwie gefiel mir die Idee, die ganze Welt zu bereisen. Dann habe ich mich doch für die Architektur entschieden – und bin auch sehr viel unterwegs! Ja, ich lebe es aus. Auf meinen Reisen bin ich immer irgendwie auch ein bisschen Fotojournalistin.

Im Jahr 2002 gründeten Maria Claudia und Francesco Labics als Ideen-Labor für Architektur und Raum

Als ArchitektInnen habt ihr viele unterschiedliche Bauaufgaben projektiert, vom Kindergarten bis zum Museum. Was fehlt noch auf eurer persönlichen Bucketlist?

FI: Wir haben mal einen Wettbewerbsbeitrag für eine Kirche eingereicht, der nicht umgesetzt wurde. Seitdem ist es mein Traum, eine Kirche zu bauen. Dabei kann man sich hauptsächlich auf die Atmosphäre konzentrieren – Licht, Raum, Stimmung. Es gibt nur wenige funktionale Einschränkungen.

MCC: Einen Turm haben wir bis jetzt auch noch nicht umgesetzt. Eine Topologie, bei der man wirklich mit komplexen Strukturen experimentieren kann. Und dann ... (lächelt)

FI: ... eine private Villa! (beide lachen) Ja! Das gehört doch einfach in den, na ja, sagen wir, in den Kanon eines modernen Architekturbüros – Le Corbusier, Mies van der Rohe, Alvar Aalto, jeder hat doch ein Privathaus entworfen!

Zum Schluss – eine große Frage: Was ist euch das Liebste an der Architektur?

MCC: Räume für Menschen schaffen zu können, die ihre Lebensweise verändern und Lebensqualität verbessern. Das Wichtigste an der Architektur ist der Dienst an der Gemeinschaft. Aber genau das macht sie auch so schwierig! Im Unterschied zu anderen Kunstformen ist die Architektur immer öffentlich. Sie ist überall um uns herum. Wenn man etwas erschafft, das nicht schön ist, das nicht funktioniert, dann steht es da, dann ist es in der Welt. Das ist eine große Verantwortung! Aber es ist wichtig, dass jemand sie annimmt.

FI: Ich würde diese Frage genauso beantworten ... (lächelt) •

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