Das "Quartier Coppedè" in Rom

Abseits der Trampelpfade bildungshungriger Touristen versteckt Rom ein architektonisches Kleinod, das man in der Stadt der Antike und des Barock nicht vermuten würde: das „Quartiere Coppedè“ – fabelhafter Stilmix und orgiastisches Gesamtkunstwerk des Baumeisters, nach dem das Viertel benannt wurde.

Morgens um halb sieben sortiert der Verkäufer im Zeitungskiosk an der Ecke Via Tagliamento/Via Arno das Neueste aus aller Welt. Oben natürlich das Thema Nummer eins – in Blassrosa: Das ist die Farbe der Gazzetta, die nur über Sport berichtet. Ein ganz normaler Kiosk im Stadtteil Trieste, einem gediegenen Wohnviertel im römischen Niemandsland zwischen alter Stadtmauer und dem waldreichen Park der Villa Ada. Nichts Auffälliges auf den ersten Blick. Dabei ist die Welt, von der die Zeitungen berichten, nur ein paar Schritte hinter dem Kiosk zu Ende. Wenige Schritte sind es aus der sich knatternd und hupend in den Tag groovenden Hauptstadt hinein in die Phantasiewelt des Gino Coppedè. Ein Stein gewordener Traum, den der Architekt zwischen 1915 und 1926 auf 31 000 Quadratmetern verwirklichte.

Ein mächtiger Torbogen markiert den Eingang in das zauberhafte Reich. Bevor der Neugierige nur einen Fuß hineingesetzt hat, zeigt der Architekt ein Potpourri dessen, was hinter dem Eingang auf einen zukommt. Coppedè hat als Entree in sein Viertel ein Gebäude-Ensemble erschaffen, das sich in jedem Detail selbst übertreffen will. Rechts und links plustern sich zwei reich dekorierte Palazzi auf, die der Architekt mit imposanten Türmen auf die Spitze getrieben hat. Rechts ein Turm mit quadratischer Grundfläche. Er herrscht majestätisch über den Platz. Auf halber Höhe geben kräftige Jünglinge dem Turm Halt. Drum herum wimmelt es von Löwenköpfen, Medusen, Widderreliefs. Auf der anderen Straßenseite ein achteckiger Turmaufbau, der filigraner ausfällt. Wie ein weibliches Pendant zum Gegenüber, verziert mit Putten, Feen und Engeln. Ein Schwarm Bienen krabbelt zwischen grob geschlagenen Steinquadern die Fassade empor. Versteinerte natürlich, die Insekten treten auf der Stelle. Am Fuße des achteckigen Turms tröpfeln gemächlich drei dünne Wasserstrählchen in ein halbrundes Bassin. Nur sporadisch kann sich das zarte Plätschern behaupten gegen den aufbrausenden Sound der angrenzenden Via Tagliamento.

Torbogen

Die beiden betürmten Palazzi sind verbunden mit einem voluminösen, überschwänglich verzierten Torbogen, mit zwei Stockwerken für Wohnungen darüber. Hinter dem Tor versteckt sich das Viertel, das bekannt ist als das „Quartiere Coppedè“. Aber eigentlich ist es weitgehend unbekannt. Kulturbeflissene Studienräte jedenfalls verirren sich mit ihren Schülern nicht hierher. Und auch Touristen äußerst selten. Höchstens drei-, viermal am Tag sieht man hier kleine Grüppchen, die sich durch das Studium von Stadtplänen und Reiseführern, vor allem aber durch neugierige Blicke als nicht ins Viertel gehörig entlarven. Erstaunlich genug, dass sich überhaupt Reiseführer mit dem Quartiere Coppedè beschäftigen. Trotz euphorischer Kritiken zur Bauzeit ist das Viertel vielen Römern suspekt. Das mit Elementen des italienischen Jugendstils und antikisierenden Zitaten überladene Stilkonglomerat des Quartiere Coppedè gilt als architektonischer Sündenfall, den man besser stillschweigend umgehen sollte.

Der Baustil passt nicht ins gängige Rom-Bild. Die Ewige Stadt steht für Antike, für Barock, sie ist klassisch, edel, erhaben. Basta. Aber es wäre schade, wenn Kapriziosen wie die Fontana delle Rane, der Froschbrunnen auf der Piazza Mincio, unbeachtet blieben. Ein Fiat Uno umkurvt den Brunnen, hält kurz, vier Schüler klettern raus und schleppen sich lustlos die letzten Meter zur zwei Blocks entfernten Liceo Scientifico Statale, dem naturwissenschaftlichen Gymnasium. Mittags werden einige von ihnen hierher zurückkommen, und auf der marmornen Umrandung um Sitzplätze drängeln. Das müssen die beliebtesten Plätze im Viertel sein, so blank gesessen ist der Rand des Beckens. Acht propere Damen spucken in das große runde Bassin, dicke graue Frösche füllen die vier ovalen, reich verzierten künstlichen Teiche vor sich mit Wasser. Von dort laufen kleine Rinnsale in eine Vielzahl weiterer Becken. Wie dicker Zuckerguss haben sich im Laufe der Jahre die Kalkablagerungen des ewigen Wasserlaufs über die speienden Damen und Frösche gelegt.

Gino Coppedè

Deren Schöpfer Gino Coppedè wird 1866 geboren in Florenz, lernt in der Werkstatt seines Vaters Möbeldesign, später studiert er Architektur. Mit 31 wird er von dem wohlhabenden Schotten Evan MacKenzie beauftragt, seine Villa auf den Hügeln bei Genua zu restaurieren und möblieren. Gino Coppedè nutzt die exponierte Lage der Villa, und gestaltet sie während der folgenden zehn Jahre mit allerlei Seitenflügeln, Loggias, Türmen, Türmchen, Zinnen, Mauern, Grotten und Zugbrücken und einem umlaufenden Festungswall zu einem gleichzeitig lächerlich miniaturisiertem und grotesk gigantischen Schlösschen um – ein Disneyland, schon vor hundert Jahren. Coppedè selbst zieht mit Familie nach Genua. Dort entstehen Kontakte zu einer ligurischen Bau- und Finanzgesellschaft, die ihn 1915 engagiert, das 31 000 Quadratmeter große Areal im Nordwesten Roms nach eigenen Vorstellungen zu bebauen. Eine Carte blanche für den Architekten. 18 luxuriöse Palazzi und 27 Villen sind geplant, etwa die Hälfte wird bis 1926 realisiert. Residenzen für Botschafter und die feine römische Gesellschaft (und den Architekten samt Familie). 1927, ein Jahr nach Vollendung seines Hauptwerks, stirbt Gino Coppedè im Alter von 61 Jahren.

Bar „Coppedè“

Die kleine, durch zahlreiche gelbe, blaue und weiße Neonröhren nicht unbedingt gemütliche Bar „Coppedè“ auf der Via Tagliamento ist der Treffpunkt im Viertel. Zu Spitzenzeiten morgens und mittags drängeln sich Durstige und Hungrige in Dreierreihen vor dem Tresen, um sich für die erste und später zweite Hälfte des Tages zu stärken oder zu ermuntern. Im strengen Sinne gehört die Bar nicht zum gleichnamigen Quartiere. Darin wäre für sie auch kein Platz. Nicht etwa, weil sie wegen ihrer grellen Neonbeleuchtung dort vielleicht als unpassend empfunden würde: Coppedè hat gar keine Möglichkeit vorgesehen, hier eine Bar zu betreiben. Keine Bar, kein Tabacchi, keine Trattoria. Die Villen verstecken sich hinter hohen Hecken, Zäunen und Vorgärten, die Palazzi sind bis zu den Fenstern im Hochparterre und ersten Stock mit mächtigen Steinquadern verkleidet. Keine Chance für Schaufenster oder gastronomische Einrichtungen. Hier kann man nur wohnen.

Oder in einem der Büros arbeiten. Aber für Unterhaltung hat der Architekt gesorgt. Das Motto seines Werks: Viel hilft viel! Er ist natürlich beeinflusst durch den gerade modernen Jugendstil, der in Italien „Liberty“ heißt, aber seine Phantasie geht weit über dessen übliche dekorativ geschwungenen Linien und floralen Elemente hinaus. Überschäumender Eklektizismus würde sein Schaffen vielleicht am treffensten charakterisieren. Sein Rezept: Man errichte ein paar reichlich dimensionierte Palazzi, spare nicht an dekorativen Bauelementen wie Türmchen, offenen Treppenaufgängen, Galerien und Balkonen, würze es mit kurvigen Girlanden und einer Prise gotischer und islamischer Einflüsse, gebe einen Spritzer Art déco dazu und schmecke das Ganze ab mit ein paar pausbäckigen Putten. So in etwa muss das Villino delle Fate entstanden sein, wörtlich übersetzt „Feenhäuschen“, was zuviel des Understatements ist: Es handelt sich dabei eher um ein zusammengewachsenes Bauwerkensemble als einen eigenständigen Palazzo. Die Feenvilla nordöstlich des Brunnens ist das auffälligste Gebäude des Quartiere. Vollendet 1924 steht stolz in Versalien auf der Fassade.

Feenvilla

Die Feenvilla ist so etwas wie der Höhepunkt seines Schaffens. Sie vereint, was den Stilo Coppedè ausmacht. Es ist die bizarre Architektursprache, die dem Ungestüm und dem kraftvollen Klang seines toskanischen Dialekts des ungewöhnlichen und äußerst eigenständigen Architekten entspricht: Die Villino delle Fate ist ein phantastisches, ein übertriebenes, ein symbolisierendes, ein hysterisches, ein heiteres Bauwerk. Gegenüber der Feenvilla vor dem Palazzo del Ragno, dem Spinnenpalast, der seinen Namen einem riesigen Achtbeiner auf güldenem Netz über dem Eingang verdankt, haben Laub und Straßendreck meist nur wenige Minuten Liegezeit. Kratzende Geräusche künden herannahende Besen an, mit denen Bedienstete im Quartiere für geradezu unrömische Sauberkeit sorgen.

Hinter der Feenvilla, an deren Rückwand eine hübsche Sonnenuhr ihren Schatten kreisen lässt, führt von der Via Brenta ein kleiner Privatweg ab. Schräg gegenüber der Feenvilla hat es sich die Polnische Botschaft in einem idyllischen Palazzo bequem gemacht. Am Kopfende der kleinen Sackgasse versteckt sich auf einem Balkon in der ersten Etage die grazile Statue einer jungen Dame. Sie scheint sich ein wenig zu zieren, jedenfalls dreht sie dem Betrachter den Rücken zu. Vielleicht aber auch nur, um sich an ihrem Antlitz zu erfreuen, das sich in der Fensterscheibe der Balkontür spiegelt. Die innige Selbstbetrachtung gab der Statue dello specchio, der Spiegelstatue auch ihren Namen. Rund um den Froschbrunnen kehrt langsam Ruhe ein. Die Büroangestellten fahren nach Hause, und die meisten der nach wie vor gut situierten Bewohner des Viertel sitzen schon entspannt bei Pasta und Vino. Immer häufiger verschafft sich das Plätschern des Brunnens in den länger werden Pausen zwischen vorbeiknatternden Motorini und quietschenden Bremsen Gehör. In der Abenddämmerung entwickelt die Feenvilla den Reiz eines verwunschenen Märchenschlosses. Es würde nicht wundern, wenn plötzlich Elfen und Zwerge aus der Tür träten und im Garten unter Palmen und Birken tanzten. Die Nacht senkt sich langsam über das Quartiere. Jetzt gehört es ganz allein den unzähligen Fabelwesen. Wer weiß, was Gestalten und Getier im Schutz der Dunkelheit hier veranstalten. Morgen in der Zeitung steht es jedenfalls nicht.