Kulturhauptstadt Europas 2022: Ein Besuch in Esch-sur-Alzette

Esch-sur-Alzette, die ehemalige Stahlarbeiterregion Luxemburgs, zeigt als „Europas Kulturhauptstadt 2022“ ihre Verwandlung. Der neue Rohstoff Wissen paart sich mit Kunstvielfalt und kühner Architektur

Wenn es Nacht wird in Belval, dann sieht es beinahe so aus, als würde in den beiden Hochöfen noch das Feuer brennen. Dann schlängeln sich die Scheinwerfer die Rohre hoch, lodern über das Metall – es fehlt nicht viel und man meint, das helle Surren hören zu können, mit dem in den Öfen einst das Eisen schmolz. So zumindest stellt man es sich gerne vor. Die Wahrheit aber ist noch besser: Der echte Schmelztiegel liegt heute zu Füßen der stillgelegten Öfen. Denn um die zwei Wahrzeichen, die in der Dunkelheit so kunstvoll illuminiert werden, entsteht gerade das modernste Viertel Luxemburgs. 

Schmelztiegel im Wandel der Zeit

Belval ist eines der größten Konversionsprojekte des Kontinents, 2027 soll es fertig sein, 7000 Menschen werden dann auf dem Areal der alten Hütte leben. Klar, noch fehle es an Wohnungen, die Anbindung zum Stadtkern sei nicht gut, und auch ein wenig mehr Grün könne das Viertel vertragen, findet Jose Carsí.

Und trotzdem kommt der Architekt, Designer und Art Director schon gerne her und schießt Fotos der Bauten, die zu etwas Neuen zusammenwachsen: „Man spürt jetzt, dass Belval langsam zu leben anfängt.” Zu den spektakulären Bauten zählt die Universität von Luxemburg, die ihren Campus von der Hauptstadt hierher verlegt hat. Dessen Hörsaalgebäude mit seiner Rasterfassade erinnert Jose Carsí an einen New Yorker Wolkenkratzer.

Die neue Unibibliothek setzte der renommierte luxemburgische Architekt François Valentiny in die alte Möllerei, die jetzt eine Fassade aus High-Tech- Kunststoff mit einer polygonalen Struktur um- schließt – und in die noch immer das Förderband  des Hochofens ragt. „Eine zeitgenössische Hülle um ein Industrieerbe, das respektvoll integriert wird“, meint Carsí. Als der heute 34-Jährige noch in Paris als Architekt arbeitete, landeten viele industrielle Projekte auf seinem Schreibtisch, etwa die neue Integrationshalle der Weltraumrakete Ariane 6 in Les Mureaux. So erklärt sich auch seine Faszination für die beiden Hochöfen ist, von denen Nummer A nunmehr eine Aussichtsplattform in vierzig Metern Höhe hat. „Die Dimensionen dieser Bauwerke sind unglaublich. Und sie sind sehr inspirierend.”
 

Kultureller Aufbruch nach langer Krise

Auf der einen Seite der Hochöfen hat die Royal Bank of Scotland in einem knallroten Bau ihre Zelte aufgeschlagen, auf der anderen steht ein ebenfalls rotes Türmchen, aus dem das Team von „Esch2022“ die Events der europäischen Kulturhauptstadt koordiniert (zum Gebiet gehören auch zehn benachbarte luxemburgische und acht französische Gemeinden).

An Belval lässt sich die Geschichte Luxemburgs ablesen: Die Industrie, die das Land aufbaute, die Banken, die es reich machten, die Institute und die Kultur, die es in die Zukunft führen sollen. Für die alte Arbeiterstadt Esch-sur-Alzette, zu der Belval gehört, soll es vor allem eins werden: eine Comeback-Story. Nach Schließung der letzten Hütte im Jahr 1997 war die Stadt in eine längere Depression gefallen. Sie ist auf der Suche nach einer neuen Identität, und das Jahr als europäische Kulturhauptstadt 2022 soll dafür ein Katalysator werden. Vielerorts gibt es schon jetzt kleine Visionen, wie diese Stadt einmal aus- sehen könnte. „Mir wëlle bleiwe wat mir sinn” lautet das inoffizielle Motto Luxemburgs. Für Esch- sur-Alzette müsste es eher lauten: Wir schauen mal, wer wir sein werden.

Jose Carsí jedenfalls ist in vielerlei Hinsicht ein typischer Escher. Er stammt aus Valencia und wurde wie mehr als die Hälfte der Bewohner nicht in Luxemburg geboren. Vor fünf Jahren verschlug es ihn von Paris nach Esch, weil der leidenschaftliche Radfahrer in einer kleineren Stadt leben wollte und im Süden Luxemburgs die meisten Hügel fand. „Jünger, dynamischer und weniger vornehm als die Hauptstadt”, spricht der gebürtige Spanier, der für einen Verlag in Luxemburg-Stadt arbeitet, stolz über seine Wahlheimat. Hier leben nur 36 000 Menschen. Und an der Alzette liegt die Stadt nur noch dem Namen nach: Esch ließ seinen Fluß abdecken, er plätschert unsichtbar unter der Fußgängerzone.

"Es ist eine zeitgenössische Hülle um ein Industrieerbe, das respektvoll integriert wird."
Jose Carsí, Architekt

Die City kann sie sich nicht entscheiden, ob sie pittoresk sein will oder nicht. Banner mit den Mottos der Kulturhauptstadt hängen bereits über der Rue de l’Alzette: Remix Culture, Europe, Nature, Yourself. Darunter wechseln sich Jugendstilbauten mit Betonklötzen, die gleichförmigen Filialen bekannter Handelsketten mit originellen Läden ab.  Die Stadt bemühe sich um Belebung, erzählt Jose Carsí, der in der Nähe des Rathauses am Anfang der Rue de l’Alzette wohnt. Beispielhaft nennt er den Pop-up-Store, der lokalen Händlern erste Ausstellungsflächen bietet, oder das Drupi’s, eine beliebte Vinoteca für den After-Work-Drink. Einer seiner Lieblingsorte hier: das libanesische Restaurant „Chiche!”, das Geflüchtete beschäftigt, ihnen  so eine Perspektive gibt – und vor allem leckere Gerichte auftischt.

Am Ende der Fußgängerzone liegt der Place du Brill mit dem Musée de la Resistance. Das wird gerade renoviert und erweitert. Für 2023 ist die Wiedereröffnung mit der komplett überarbeiteten Dauerausstellung zur Geschichte der Widerstandsbewegung geplant, aber schon 2022 wird es für zwei Ausstellungen der Kulturhauptstadt genutzt. Nur einen Häuserblock entfernt ist mit der im Oktober 2021 eröffneten Konschthal ein neues kulturelles Schwergewicht entstanden: Die Kunsthalle ist in ein ehemaliges Möbelhaus mit postmoderner Fassade eingezogen und zeigt nun auf vier Stock - werken zwischen Betonplatten und Stahlträgern zeitgenössische Kunst.

Lokale Szene und internationale Projekte

Für „Esch2022“ sind rund 130 Projekte und mehr als 2000 Events geplant, darunter große Ausstellungen in Kooperation mit der Ars Electronica aus Linz oder dem Zentrum für Kunst und Medien aus Karlsruhe. Aber auch mit lokalen Institutionen wie dem Ökodorf BENU Village oder der Kulturfabrik wird es Projekte geben. Die „Kufa“ ist der Anker von Eschs alternativer Szene. Zu Hause ist sie im Schlachthof, der in den Achtzigerjahren von Künstlern besetzt und in ein Kulturzentrum verwandelt wurde. Für dessen jährliches Festival  „Urban Art Esch” entwarf Jose Carsí zusammen mit zwei anderen Künstlern ein vier Meter großes Megaphon, das die Stimme von Esch symbolisieren sollte, und setzte es unübersehbar in die Fußgängerzone. 

Das Werk „Eschspeakers’ Corner” wurde zwar wieder abgebaut, aber die Kufa ist das ganze Jahr über eine hervorragende Adresse. Es gibt zwei Konzertsäle, ein Kino, Ateliers für Künstlerresidenzen, eine stylische Brasserie namens K116 sowie – na klar – eine Bar. Raue Urbanität und grüne Hügel Im Sommer packt der Architekt auch gerne einfach einen Picknickkorb, so wie er es in Paris gelernt hat, und klettert den Gaalgebierg hinauf. Der ist die grüne Lunge der Stadt: An seinen Hängen liegen das Luxushotel „The Seven”, ein Tiergarten mit einem Baumhauscafé, dessen Türmchen sich perfekt als Harry-Potter-Kulisse eignen würden, und der hübsche Déierepark. 

Raue Urbanität und grüne Hügel

Der Berg ist mit dem Bahnhof durch eine futuristische Fußgängerbrücke verbunden, aber beschämend findet es Carsí, dass die Stadt die gläserne Bahnhofshalle, an der Jean Prouvé, der geniale Konstrukteur, beteiligt gewesen sein soll, vor ein paar Jahren abreißen ließ. Dabei ist diese Stadt, deren Zukunft an vielen Orten in Form origineller Initiativen aus dem Zement sprießt, ansonsten gut darin, ihr Erbe zu ehren. Im Naturschutzgebiet Ellergronn am Stadtrand gibt es ein kleines Museum, das mit Originalwerkzeugen von der Arbeit der Männer erzählt, die früher hier in der Cockerillmine schufteten. Für Jose Carsí ist Ellergronn auch perfekt, um das zu machen, weswegen er ursprünglich nach Luxemburg kam: Rad fahren. Und so zieht der sportliche Architekt von Ellergronn aus seine Runden um Esch-Sur-Alzette, jene Stadt, die selbst dabei ist, kräftig durchzustarten.

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