Patricia Urquiola - Designer des Jahres 2012

Die Interior-Queen

Es gibt praktisch nichts, was es nicht von ihr gibt: Vom Sofa bis zum Wasserhahn, vom Hocker bis zur Leuchte, vom Bad bis zum Bett hat sie in ihrer unverwechselbaren femininen Handschrift ein wohnliches Gesamtwerk geschaffen. Wir haben die Spanierin in ihrer Wahlheimat Mailand besucht und ihre Entwürfe in ungewohnter Umgebung inszeniert. Patricia Urquiola ist A&W-Designer des Jahres 2012.

Ein Interview mit Patricia Urquiola zu führen ist entweder ein Selbstläufer oder nahezu unmöglich. Wer nur wenige Fra- gen an sie vorbereitet hat, braucht sich keine Sorgen zu machen. Wer viele hat, schon eher. Denn ein Gespräch mit der umtriebigen gebürtigen Spanierin verläuft ungefähr so:

Interviewer: Patricia, Sie haben gerade sehr erfolgreich eine aufwendige Ausstellung in der Triennale inszeniert, arbeiten gleichzeitig mit Hochdruck an ...

PU: ...komm, wir gehen erst mal schnell rüber auf die andere Straßenseite, dort habe ich meine kleine Werkstatt, wo wir unsere Prototypen bauen, hier, das ist Vittorio, Vittorio Passaro, wir nennen ihn alle Onkel Vittorio, ciao Vittorio. Hier, schau mal (fasst den Interviewer am Arm, um ihn jederzeit schnell dort- hin dirigieren zu können, wo sie interessante Details entdeckt hat), hier haben wir Modelle für eine Vasen-Kollektion für Rosenthal, ach ja, und das hier ist ein Prototyp für einen Sessel für Kartell, und das da, das wird ein Hängeschaukelstuhl für Louis Vuitton, ich weiß gar nicht, ob man das schon schreiben sollte, alles handgemachte Modelle, ich liebe das, okay, wir gehen rüber ins Studio, ciao Onkel Vittorio, ciao. Da fällt mir ein, wir können aber auch erst mal einen Caffè nehmen, um die Ecke ist eine meiner Lieblings-Bars, die muss ich eben zeigen, ganz tolles Interieur mit gewellter goldener Decke und Tresen, vielleicht können wir da ja auch Fotos machen ...

An dieser Stelle sei eine kurze Unterbrechung ihres Redeflusses gestattet – jedenfalls nachträglich in Textform. Weitere Fragen, so viel ist mal klar, werden es schwer haben, gehört zu werden.

"Ich wollte nie Designer werden. Ich dachte, Designer machen nur Stühle."
Patricia Urquiola

Auf dem Weg zurück zum Studio, der tatsächlich nur einen Häuserblock kurz war, hat sie weitere mögliche Foto-Locations entdeckt, auf eine architektonisch sonderbare Garage aufmerksam gemacht („Vor der könnte man natürlich auch ein schönes Porträt machen, oder?“) und in Stichworten das Viertel charakterisiert, in dem sich ihr Studio befindet. Unweit der Porta Romana, am südöstlichen Rand der inneren Stadt, in einer gewachsenen Gegend. „Hier leben ganz normale Mailänder“, versichert sie, „hier gibt es auch ganz normale Bars für einen Caffè zwischendurch.“ In letzter Zeit wurde die Ecke aber auch von jungen, szenigen Mailändern als gute, zentrumsnahe Wohngegend entdeckt, Kreative haben sich hier angesiedelt (wie der Designer Fabio Novembre ein paar Straßen weiter) und nette Restaurants.

Urquiolas Studio selbst befindet sich in einem ehemaligen Lagerhaus in der Via Seneca, einer ruhigen Seitenstraße. In dem überraschend hellen Souterrain hat die Chefin in dem einzigen verschließbaren Raum ihren Schreibtisch („Ohne Computer! Für mich bedeutet arbeiten Diskussion, Interaktion.“) und den Schreibtisch ihres Mannes und Managers Alberto Zontone (mit Computer) untergebracht. Dazwischen: Wohn- und Designzeitschriften, Prototypen, Model- le, Erfolgsmodelle, zwei Eames-Chairs.

Noch ein paar Stufen hinunter, immer noch sehr hell, sitzen die Mitarbeiter. Wie viele? (Kurze Fragen können doch hin und wieder eingestreut wer- den.) „Ich weiß gar nicht genau“, sagt Patricia Urquiola in einem Tonfall, als sei sie über sich selbst erschüttert, sie reckt den Hals, um ihrem Zeigefinger beim Durchzählen zu folgen. Aber wie soll das gehen, manche sind gerade nicht da, andere rennen herum, das wird nichts mit dem Zählen. Alberto versucht, eine wichtige Terminangelegenheit anzusprechen, aber sie will nicht beim Zählen und beim Interview gestört werden. Noch mal recken, noch mal zählen. „So neun bis zehn Architekten und fünf bis sechs Designer“, schätzt sie schließlich. Überraschend übersichtlich, bedenkt man den beinahe unüberschaubaren Output dieses Studios.

Zum „Salone del Mobile“, der großen Mailänder Möbel- messe, kann man seit einigen Jahren den Eindruck gewinnen, es handele sich dabei um Patricia-Urquiola-Festspiele, alles andere sei nur schmückendes Rahmenprogramm. Sie gestaltet Stände für Hersteller wie Moroso, natürlich nicht, ohne mindestens fünf, sechs Möbelentwürfe zu deren aktuellem Sortiment bei- zusteuern, hat die wichtigste Neuheit für B&B Italia gerade fertiggestellt, zeigt bei Kartell Plastikstühle, Teppiche bei Paola Lenti, Leuchten am Stand von Flos, ein Outdoor-Möbelprogramm auch bei B&B Italia – Urquiola, wohin man schaut.

Dabei existiert das Studio seit gerade mal zehn Jahren. Erst 2001 wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit, von An- fang an brauchte sie sich um Aufträge keine Sorgen zu machen. Sie war ja auch keine Unbekannte. Sechs Jahre lang hatte sie im Designstudio de Padova gearbeitet. Sie bewunderte den großen Vico Magistretti, der als Berater für das Designlabel arbeitete: „Ich sah ihn jeden Tag durch Mailand radeln von seinem Büro zum Studio von De Padova, eine be- eindruckende Erscheinung mit großem Bart und roten Socken, der sah gar nicht aus wie ein Architekt, ich dachte, mit dem willst du, musst du unbedingt zusammenarbeiten. Also heuerte ich bei De Padova an und war ihm so ganz nah.“ Später wechselt sie zu Piero Lissoni, übernimmt Führungsaufgaben in sei- nem Atelier. Er redet ihr auch gut zu, als die Entscheidung für ein eigenes Büro ansteht. „Ich hatte meine Bedenken. Ich war allein, hatte eine Tochter ...“

Dass Patricia Urquiola eine der erfolgreichsten Designerinnen der Gegenwart werden würde, ist zu Beginn ihrer Karriere nicht ab-

zusehen. Mit 18 geht sie von ihrer Heimatstadt Oviedo im nordspanischen Asturien nach Madrid, um Architektur zu studieren. Sie verbringt fast mehr Zeit im Kino als in der Universität, die Fakultät in Madrid ist damals ganz und gar der Postmoderne verschrieben. Deren Helden: Charles Jencks, Michael Graves, Philip Johnson. „Nicht meine Welt“, er- innert sich Patricia und verzieht ihren Mundwinkel verächtlich, um aber in der nächsten Sekunde mit leuchtenden Au- gen von ihrem architektonischen Erweckungserlebnis zu berichten: „Ein Semester lang war der portugiesische Architekt Alvaro Siza Gastdozent in Madrid. Sein Ansatz, auf regionale Gegebenheiten einzugehen, nicht eitle Skulpturen zu entwerfen, der öffnete meinen Geist, mein Herz, meinen Horizont.“

Die zweite entscheidende Begegnung hat sie in Mailand am Politecnico, wo sie gegen ihren eigentlich erklärten Willen Industriedesign studiert. „Ich wollte nie Designer werden. Ich dachte: Designer machen nur Stühle“, sagt sie, und ihr Tonfall klingt zur Verdeutlichung noch verächtlicher als ihr ins Bodenlose heruntergezogenener Mundwinkel. Ihre Meinung ändert ein Mann, den sie schon als Gastdozent in Madrid kennengelernt hatte und der eine ganze Generation von Designern maßgeblich beeinflusst hat: Achille Castiglioni, 1997 erster A&W-Designer des Jahres. „Der hat mir vorgemacht, ganz persönlich und intuitiv an Projekte heranzugehen, der hatte Spaß beim Entwerfen, und das sieht man auch an seinen Objekten. Sie sind Werkzeuge fürs Wohnen, fürs Leben.“ Sie weicht ihrem Vorbild auch nach dem Studium nicht von der Seite – sie wird Castiglionis Assistentin.

Den Einfluss ihrer Lehrer Siza und Castiglioni erkennt man immer noch in ihren Entwürfen. Nicht stilistisch, sie hat längst ihre eigene Handschrift gefunden, gestaltet zwar unterschiedliche Möbel, aber doch als „typisch Urquiola“ aus- zumachende: Selten bis nie gibt es rechte Winkel, dafür Dreieckskombinationen, Strickmuster, florale Elemente, Dekore, in die Dreidimensionalität über- tragen, viele farbenfrohe Elemente, aber – wenn es zum Projekt passt – auch sehr erdige, warme Töne. Ihre Vielseitigkeit ist eines der Geheimnisse ihres Erfolges. Sie nimmt die Wünsche, die Interessen, die „Umgebung“ ihrer Auftraggeber ernst, versucht sich in deren Lage zu versetzen und auf das Unternehmen und seine Zielgruppe zugeschnittene Produkte zu kreieren (wie Alvaro Siza in seiner Architektur). Und sie geht persönlich und intuitiv an die Aufgabenstellung heran. Frei nach Castiglioni. „Ich lasse mich von allem Möglichen inspirieren, von alltäglichen Dingen, Emotionen, Filmen. Ich weiß nie, was herauskommt. Das ist wie beim Reisen: Das Unvorhersehbare ist die eigentliche Qualität beim Reisen. Das Überraschende. Trotzdem versuche ich das Unvorhersehbare zu kontrollieren, nicht zu improvisieren.“

So gestaltet sie nicht nur Möbel, sondern auch Hotels, Ausstellungen und Häuser, zuletzt hat sie das Haus von Patrizia Moroso, dem kreativen Kopf der gleichnamigen Firma gebaut und eingerichtet.

"Möbel sind die Werkzeuge fürs Wohnen, fürs Leben. Sie müssen Spaß machen."
Patricia Urquiola

Um alles noch besser unter Kontrolle zu haben, wollen Patricia Urquiola und Alberto Zontone Studio und Wohnung unter einem

Dach vereinen. Im Sommer 2012 soll es so weit sein, „fingers crossed“, sagt sie und blickt flehentlich gen Himmel, klar drückt man ihr die Daumen. In ihrem neuen Studio-Heim hofft sie, ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und ihrer Arbeit gerechter zu werden: „Wir können dann unsere Zeit besser managen.“ Heißt: Er managt die Zeit, die sie mit ihren unzähligen Projekten ausfüllt.

Zwei Stunden nach dem Einstiegsfrageversuch droht sie ihre Stimme zu verlieren, ein Kratzen im Hals bremst ihren Redefluss. Die intensiven Arbeiten an der Ausstellung und die zahlreichen parallelen Projekte, die noch angesprochen werden sollten, fordern ihren Tribut. Erst nach mehreren glaubhaften Versicherungen, dass es keine Fragen mehr gibt, entlässt sie den Reporter. War doch ganz leicht, das Interview.

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