Das neue Jaguar Designcenter

Jaguar auf dem Weg nach übermorgen: Die britische Automobilmarke mit glamouröser Vergangenheit feiert die Eröffnung des hochmodernen Designcenters. Eine gute Gelegenheit für einen Rundgang mit Chefdesigner Julian Thomson – und eine Sitzprobe im vollelektrischen I-PACE.

Geheimer geht es nicht. Für Besucher des neuen Jaguar-Designcenters heißt es erst mal: „Handykamera abkleben.“ Wir werden durch das Allerheiligste geführt. Von den 13000 Mitarbeitern am Standort Gaydon haben hier sonst nur ein paar 100 Zutritt. An diesem Ort wird die Zukunft des Automobils erdacht. Eine lichtdurchflutete Halle, hohe Wände, viel Holz und Stahl. Riesige Roboterarme fräsen neue Formen in tonnenschwere Tonmodelle, an Computer-Screens werden 3-D-Entwürfe künftiger Jaguar-Innenräume entworfen. Für die britische Marke ist es ein sehr wichtiger Moment: Die Automobilbranche wird mit monumentalen Umbrüchen konfrontiert, das Brexit-Chaos droht wichtige Märkte und Zulieferwege abzuschneiden. Gleichzeitig stehen alle Zeichen auf Zukunft. Seit wenigen Wochen erst ist Julian Thomson als neuer Chefdesigner im Amt, und schon darf er das neue Designzentrum von Jaguar aus der Taufe heben. „Für uns Designer ist das ein großartiger Tag“, strahlt er. „Man will ja, dass ein Auto aussieht, als wäre es von einem Menschen entworfen – und nicht von 280. Man braucht die Spontaneität, die Kreativität. Aber Automobildesign ist ein sehr komplexer Prozess, an dem einige 100 Menschen beteiligt sind. Für uns war es daher wichtig, ein sehr offenes Arbeitsumfeld zu haben, das eine gute Kooperation zwischen allen Abteilungen ermöglicht.“

Während immer mehr Autohersteller dazu übergehen, in wichtigen Märkten wie Asien oder Nordamerika eigene Designstudios zu eröffnen, fasst Jaguar Land Rover erstmals in seiner Geschichte alle wichtigen Design- und Entwicklungsprozesse unter einem Dach zusammen. Der Vorteil: Die Designer arbeiten nicht mehr im abgeschotteten Elfenbeinturm, sondern nur ein paar Türen von den Ingenieuren entfernt. „Wir haben uns viele Gedanken über die Prozesse, die Interaktionen innerhalb der Teams gemacht“, erklärt Julian Lipscombe vom Architektenbüro Bennetts Associates. „Die Choreografie“ nennt er das. Design als Tanz – wobei das Gebäude zur Bühne wird.

Von hier aus will Jaguar die Weichen in die Zukunft stellen. Destination Zero heißt die Vision. Null Emissionen, null Unfälle, null Stau. Die Briten haben sich für die kommenden Jahre viel vorgenommen. Startschuss für die nächste Phase in der Unternehmensgeschichte war vergangenes Jahr die Vorstellung des vollelektrischen SUV I-PACE. Mit sehr moderner, sehr sportlicher Optik und 470 Kilometer Reichweite ist der Wagen ein mutiges Bekenntnis zur Elektromobilität. Während die deutschen Premiumhersteller auf eher konventionelle Silhouetten setzen, ist der I-PACE mit seinen extrem kurzen Überhängen und der ebenso kurzen Schnauze sofort als E-Fahrzeug zu erkennen. „Es wäre sicher ein Fehler gewesen, eine künstlich lange Motorhaube zu machen, wenn sich darunter gar kein Motor befindet“, erklärt Julian Thomson. „Wir hatten einen sehr engen Austausch mit den Ingenieuren. Wir wollten ein Fahrzeug, dem man auch ansieht, was es ist. Und wir wollten stolz sagen: Hier kommt etwas Neues, eine andere Art Auto. Es fährt anders, es sieht anders aus. Das ist der Spirit von Jaguar.“

Andere Hersteller definieren ihre Designsprache über eine bestimmte Gestaltung des Kühlergrills oder der Mittelkonsole. Thomson geht es nicht darum, ein paar vorgefertigte Designmerkmale über den Entwurf zu legen. Sein Anliegen sind Proportionen, Balance, Klarheit. Und die Magie der Details. Bei der Sitzprobe fällt auf, wie geräumig sich der 400-PS-Wagen trotz der relativ kompakten Außenmaße anfühlt. Für das Interior gibt es neben HD-Displays, Touchscreens und dem traditionellen Windsor-Leder sogar eine Option mit veganem Stoffbezug, der zusammen mit den dänischen Textil-Experten von Kvadrat entwickelt wurde. Unsere Highlights: das optionale riesige Panorama-Glasdach und das in die Drehknöpfe der Klimaautomatik gefräste Muster, das ans alte Jaguar-Logo erinnert. Ein subtiler Hinweis auf die Markenhistorie in dem vielleicht radikalsten Modell Jaguars.

Der selbstbewusste Blick nach vorn? Für eine Traditionsmarke wie Jaguar keineswegs selbstverständlich. „Für uns ist es ganz elementar, an die eigene reiche, auch glamouröse oder provokante Geschichte anzuknüpfen.“ Bleibt die Frage, ob das reicht. „Die Markenhistorie kann der größte Schatz und die größte Hürde sein“, weiß Thomson. Eine Gefahr, die er nur zu gut kennt; schließlich waren die Engländer, als er vor knapp 20 Jahren bei Jaguar anfing, in der Heritage-Falle gefangen. „Die Autos waren damals einfach retro. Man hat damit eine unglaublich loyale Kundenbasis befriedigt, aber keine neuen Kunden erreicht. Jaguar war in den 50ern und 60ern eine der innovativsten Marken. Nicht bekannt für Tradition, sondern dafür, jedes Mal etwas Neues zu machen.“ Den Wandel zu einer progressiven Designmarke hat Julian Thomson schon unter seinem Vorgänger Ian Callum begleitet. „Wir sind heute sehr, sehr modern. Wir mussten diesen Weg gehen.“

Wohin dieser Weg in Zukunft führen könnte, wird sich schon in ein paar Monaten herausstellen, wenn Jaguar sein neues Topmodell, die Luxuslimousine XJ, vorstellt – vollelektrisch und in Großbritannien gebaut. Thomson ist sich sicher, dass sich die Erwartungshaltung der Kunden an Luxusfahrzeuge geändert hat: „Die Leute wollen heute nichts mehr, womit sie sich schlecht fühlen könnten. Etwa wegen eines zu hohen Verbrauchs. Sie wollen Ruhe, Entspannung. Bei Luxus geht es immer mehr ums Wohlbefinden.“ In Zukunft darf’s dann auch wieder ein paar Referenzen an die eigene Geschichte geben. „Mehr kann ich nicht sagen. Zur Hälfte ist es ein Geheimnis. Zum anderen weiß ich es selbst noch nicht.“

Text: Alexander Batke-Lachmann