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Kollektiv Misschiefs: "Design ist Politik!"

Misschiefs tritt laut, selbstbewusst und vielstimmig auf. Das von Designerin Paola Bjäringer in Stockholm gegründete feministische Kollektiv möchte Frauen sichtbarer machen – im Design und in der Kunst. Misschiefs wurde im vergangenen Jahr von Monica Förster, AW Designerin des Jahres 2023, für den AW Future Award 2023 ausgewählt.
Text Uta Abendroth
Datum06.03.2024
Paola Bjäringer, die Misschiefs 2020 gründete, vor einer Skulptur der französisch-schwedischen Designerin Emma Marga Blanche

Klischees, Schubladendenken, überholte Traditionen – gegen all dies stemmt sich Paola Bjäringer mit großem persönlichen Engagement und kreativen Ideen. Denn selbst in einem Land wie Schweden, in dem Frauen große wirtschaftliche und politische Freiheit erlangt haben, sieht sie Defizite: "Schweden ist bekannt für Dinge wie Geschlechtergleichheit und Integration, aber das erkennt man nicht in seinem Design", sagt die 42-Jährige. "Man sieht sehr selten starke feministische Objekte, und tatsächlich möchte ich das Gegenteil von dem zeigen, was man gemeinhin als schwedisches Design bezeichnet."

Zum Netzwerk von Misschiefs gehören Frauen und non-binäre Menschen wie Shirley Hearthey Ubilla, Francine Agbodjalou, Minna Palmqvist, Gazelle Kianoush, Giulia Cairone, Nioosha Shams, Anita Falk, Hanna Stansvik, Gülbeden Kulbay, Paola Bjäringer, Hanna Kisch, ButchXFemme, Ann-Sofie Back, Isa Andersson, Ellen Hedin, Sofia Priftis, Bianca Traum, Oksana Khyzhniak, Atoosa Farahmand und Grebnellaw (von links nach rechts).

Paola Bjäringer wurde in Schweden geboren und wuchs in Paris auf. Nach einem Master in Gender Studies in London eröffnete sie 2009 die Galerie Slott in der französischen Hauptstadt und spezialisierte sich auf zeitgenössisches Sammlerdesign: "Meine Arbeitsmethodik wurde stark von der französischen Designerin Matali Crasset inspiriert, die in meinen ersten Jahren als Galeristin und Kuratorin eine Art Mentorin war. Ihre zentrale Denkweise im Design ist 'Großzügigkeit', das wollte ich fortführen." 

2017 zog Bjäringer nach Stockholm und gründete 2020 Misschiefs als Reaktion auf die ihrer Meinung nach fehlende Repräsentation von zeitgenössischer Gebrauchskunst in Schweden. "Die Tatsache, dass es in der schwedischen Hauptstadt bis heute keine Designgalerie oder ein Designzentrum bzw. -museum gibt, ist ziemlich schockierend und steht in starkem Kontrast zu dem internationalen Ruf des Landes als Avantgarde-Designgesellschaft", sagt die Kreative. Sie selbst bezeichnet sich als "Ein-Frau-Moderatorin", die daran arbeitet, dass Design und Kunst so viele Teile der Gesellschaft wie möglich durchdringen und erreichen.

Misschiefs bringen Design-Vielfalt nach Schweden

Misschiefs soll mehr Vielfalt in die Szene bringen, eine "punkigere Seite des schwedischen Designs" zeigen. Der Name basiert auf dem englischen Wort "mischief", was so viel wie Unsinn bedeutet. Um den weit gefassten geschlechtsspezifischen Ansatz zu verdeutlichen, hat Paola Bjäringer zwei zusätzliche „s“ hinzugefügt. 

Zum Auftakt wählte sie zehn Designerinnen und Künstlerinnen aus, die alle an der Schnittstelle von Design und Kunst arbeiten. Die Jüngste war 25, die Älteste 84 Jahre alt. Nicht alle wurden in Schweden geboren oder hatten renommierte Hochschulen besucht, einige waren unbekannt, andere hatten sich bereits einen Namen gemacht. Die Produktpalette reichte von getufteten Teppichen über 3D-gedruckte Hocker, Esstische aus Glas, Kronleuchter aus Plastik, ein Bügelbrett namens "Cinderella", einen Schrank mit Druck auf Holz und einen silbernen Totenkopf bis hin zu einem bestickten Gebetsteppich, Seidenkrawatten und mundgeblasenen Lampen, die von Insekten inspiriert sind.

Die erste Misschiefs-Kollektion wurde in einer Auflage von jeweils nur drei Exemplaren hergestellt. Der gesamte Erlös ging an die Frauenhilfsorganisation "The Case for Her". Die meisten Objekte und Möbel sind bereits ausverkauft. Und das obwohl – oder gerade weil? – das Design über das Ornamentale hinausgeht und sich eher auf soziale Aspekte oder sogar Politik bezieht. Paola Bjäringer sagt: "Designerinnen, die mit ihrer Arbeit aktiv dazu beitragen, unsere Welt zu verbessern, sind die treibende Kraft hinter den meisten meiner Projekte. Ich betrachte zeitgenössisches Design durch eine soziologische Linse."

"Bei Misschiefs geht esdarum, die Grenzen zwischen Kunst, Design, Handwerk und Performance zu ver wischen."
Paoloa Bjäringer

Kurz nach der Premiere stoppte die Corona-Pandemie die Pläne, die Ausstellung in verschiedenen europäischen Städten zu zeigen. Erst im Sommer 2022 konnte Misschiefs während der Milano Design Week nach Mailand reisen und sich in der Kunstgalerie Fabbrica Bini präsentieren. "Mit über 20 Designerinnen und Künstlerinnen, Liveshows und Livekunstateliers haben wir eine Fläche von 900 Quadratmetern bespielt." 

In der Zeit dazwischen hat Paola Bjäringer improvisiert: "Ich nahm Kontakt mit einer Frau von einer Immobiliengesellschaft auf, die uns Zugang zu einer 550 Quadratmeter großen alten Wäscherei in der Linnégatan verschaffte. Dann habe ich diejenigen angerufen, die Teil der ersten Ausstellung waren, und gefragt, ob sie einen Platz brauchen, um kostenlos zu arbeiten und ihre Kunst zu zeigen. Das Coole an diesem Ort war, dass er sich an einer der teuersten Adressen Schwedens befindet, was es den Künstlerinnen ermöglichte, in einem neuen Umfeld sichtbar zu werden. Auf der Straße Linnégatan hatten wir nicht nur Ateliers, sondern in den zwei Jahren, in denen wir dort waren, haben wir über 50 Ausstellungen gemacht."

Fördern durch Netzwerken

Mittlerweile ist Misschiefs umgezogen – und zwar in ein 1000 Quadratmeter großes Bürogebäude im Stockholmer Stadtteil Hagastaden. Mit Unterstützung eines Immobilienunternehmens stehen dort aktuell mietfreie Atelierräume für 25 ausgewählte professionelle Künstlerinnen zur Verfügung. Misschiefs versteht sich jedoch nicht nur als Produktionszentrum, sondern präsentiert sich der Öffentlichkeit so, dass diese aus erster Hand erfahren kann, wie Design und Kunst im Alltag entstehen: "Vor Kurzem haben wir unsere Räumlichkeiten auf Straßenebene erweitert, wo wir Ausstellungen und Live-Überraschungen zeigen", erläutert die Initiatorin. "Misschiefs wird von mir und durch lokale und nationale Kunstför­derungen finanziert. Inzwischen ist Miss­chiefs ein Netzwerk von über 200 Künstlerinnen, Designerinnen und Fachleuten auf diesem Gebiet."

"Wir müssen uns in den Bereichen Kunst und Design insgesamt mehr verbünden und zusammenarbeiten, um die Rolle der Kulturschaffenden zu stärken."
Paola Bjäringer

Derzeit expandiert Misschiefs am Standort im Zentrum Stockholms in eine Vielzahl experimenteller Räume, die den gesamten Prozess der Kunst- und Designherstellung abdecken: das Studio, die Werkstatt, der Ausstellungsraum, der Liveshow-Bereich. Doch damit nicht genug. "Ich habe einmal davon geträumt, dass Misschiefs wie die Fernsehserie 'Fame‘ ist', erzählt Paola Bjäringer. "Ein riesiges Haus, das mit hochkarätiger Kunst aller Art gefüllt ist." Ziel ist es, dass es in jeder größeren Stadt ein Misschiefs-Gebäude gibt. Denn was fehlt, so Bjäringer, seien echte physische Plattformen für Künstlerinnen und Designerinnen, um zu arbeiten, zusammenzuarbeiten, sich gegenseitig zu unterstützen, ihre Arbeiten zu zeigen und der Öffentlichkeit den gesamten Prozess der Herstellung ihrer Objekte zu zeigen. Tatsächlich gibt es infolge der Pandemie in allen großen Städten mehr ungenutzte Räume auf der Straße und in Bürogebäuden als je zuvor. Diese Geisterbereiche sollen mit abwechslungsreichen multikulturellen Inhalten gefüllt werden, die das Leben der Menschen bereichern und verändern.

Revolution durch Design

Dass Monica Förster, AW Designerin des Jahres 2023 und selbst Teilnehmerin der ersten Ausstellung des Kollektivs in Stockholm, Misschiefs für den AW Future Award ausgewählt hat, bedeutet Paola Bjäringer viel. Es sei großartig, dass die Designerin jüngere, aufstrebende Frauen mit ähnlichen Visionen fördere, die die Welt durch ihre Avantgarde-Linse revolutionieren möchten. "Das ist es", betont Paola Bjäringer, "worum es im Design und in der Kunst geht: sich für eine bessere Welt einzusetzen. Und wirklich, was die Welt im Moment am meisten braucht, sind starke Frauenstimmen, die laut und deutlich gehört werden."