
Schluss in drei Akten: Die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 verabschiedet sich mit einer Konferenz
Wenige Wochen noch trägt die Metropolregion Frankfurt RheinMain den Titel World Design Capital 2026 (WDC). Ein Jahr der Erkenntnisse, aber auch der Ratlosigkeit neigt sich damit dem Ende – sollte die Auszeichnung doch nicht zuletzt den Wirtschaftsfaktor Design sichtbarmachen. Wer sich ein Feuerwerk der ansässigen Kreativdisziplinen erhoffte, wurde enttäuscht. Denn unter dem Leitthema „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ trat Frankfurt RheinMain an, mitten ins Herz einer Gesellschaft zu leuchten und Fragen zu stellen: Wie müssen Beteiligungsräume aussehen, in denen sich niemand ausgeschlossen fühlt? Können partizipative Prozesse die demokratische Idee stärken? Was braucht es, damit öffentliche Räume einen echten Mehrwert bieten?
Impulse für die Region
Ja, auch das sind Themen des Designs. Schade eigentlich, dass die überregionale Strahlkraft aufgrund eines kaum durchdringlichen Programms – insbesondere innerhalb der Designszene – gering blieb. Dass das zurückliegende Jahr dennoch Impulse geschaffen hat, die zur Nachahmung anregen, davon ist Felix Kosok überzeugt. Wir sprachen den Leiter Design-Diskurs im Team der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026, der sich mit den Design Policy Days auf den abschließenden Programmhöhepunkt des Jahres freut.

Lassen Sie uns über das Konzept der Design Policy Days sprechen. In der Ankündigung dazu heißt es, das Format lade dazu ein, Design als politische und gesellschaftliche Gestaltungskraft zu denken. Was kann diese Kraft bewirken?
Ich denke, dass kreative Methoden im Feld der Politik besonders wirkmächtig sein können. In Deutschland und insbesondere mit Blick auf unsere Region spürt man, dass sich Verwaltung und Politik auf bestimmte Verfahren und Methoden eingespielt haben. Oft werden Problemstellungen so definiert, dass man schon im Vorhinein weiß, wie die Lösung aussehen würde. Raum für Innovation bietet das wenig.
Und um solche Räume zu schaffen, kommt die Gestaltung ins Spiel?
Ein gutes Beispiel sind die Erkenntnisse der Gestaltungszentrale Politik aus Hamburg, die wir zu Gast haben werden. Über mehrere Monate hinweg hat das Team Parlamentarierinnen und Parlamentarier verschiedener Parteien bei der Arbeit begleitet und anhand von Workshops partizipative Formate und Kreativmethoden erarbeitet und dadurch aufgezeigt, dass Politik anders funktionieren kann. Spannend daran ist: Indem man divergentes Denken in Prozesse einbringt, werden automatisch mehr Möglichkeiten statt vorgefertigter Lösungen in Betracht gezogen. Gleichzeitig finden die Ideen, die durch kreative und partizipative Prozesse entstehen, eine größere Zustimmungsbereitschaft.
Es wird drei Konferenztage mit wechselnden Konferenzorten und jeweils übergeordneten Themen geben. Worum geht es an den einzelnen Tagen?
Am ersten Tag in Wiesbaden geht es um Public Service Design, also um das Thema Verwaltung, die Schnittstelle zwischen Bürgerinnen und Bürgern und der Regierung – da wo Demokratie im Alltag erfahrbar wird und oft leider keinen positiven Eindruck hinterlässt. Zudem werden Risiken und Chancen von Digitalisierung und KI in der Verwaltung diskutiert.
Am Donnerstag geht es nach Offenbach an die Design- und Kunsthochschule, mit entsprechend zugeschnittenem Tagesprogramm. Es wird etwa darum gehen, Design als Dienstleistung zu hinterfragen und in diesem Zusammenhang die Bedeutung von politischer Positionierung im Design zu beleuchten. Am Abend wird es zusammen mit dem Board of International Research in Design ein internationales Symposium mit dem italienischen Gestalter und Schriftsteller Silvio Lorusso über oft desillusionierende Arbeitsbedingung in der Kreativwirtschaft geben.
"Wir wollten kein internationales Jetset-Spektakel schaffen, sondern ein Programm für die Gemeinschaft auf die Beine stellen, das die Region näher zusammenbringt."
Der Freitag steht im Zeichen von Design und Politik. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Designtag und dem Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt entstehen drei parallele Tracks. Zum einen werden in Roundtable-Formaten Themen wie Staatsreformen, Zivilgesellschaft und digitale Souveränität diskutiert. Daneben wird es Projektpräsentationen von beispielhaften internationalen Projekten und Diskussionen darüber geben. Im dritten Part wird die Veranstaltung um Workshops und eine Ausstellung internationaler Best-Practice-Beispiele ergänzt. Am Samstag folgt dann der große Abschluss des WDC-Jahres in der Frankfurter Paulskirche.
Zu den Panels sind nicht nur DesignexpertInnen eingeladen, sondern auch VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Warum ist Ihnen diese Bandbreite wichtig?
Uns ist es wichtig, sowohl Themen aus unserem Programm als auch nicht explizite WDC-Positionen dabeizuhaben. Darum bringen die Beteiligten sehr verschiedene Perspektiven ein: das bereits angesprochene Forschungszentrum Normative Ordnungen zum Beispiel eine wissenschaftliche, während die HfG Offenbach mit Tom Bieling den Fokus auf Design und Aktivismus legt. Das Taiwan Design Research Institute wird mit einer Delegation anreisen und ein Projekt vorstellen, bei dem sie das Wahlprozedere für die Metropole Teipeh überarbeitet haben. Das passt hervorragend zu unserem Thema „Design for Democracy“. Wir haben den Politikwissenschaftler Michael Saward dabei, der die Bedeutung von genau solchen vermeintlich nebensächlichen Demokratie-Settings einordnen wird. Für den Aspekt der digitalen Souveränität haben wir Maiken Laackmann von der HSD Düsseldorf da, die eine Augmented-Reality-Anwendung entwickelt hat, mit der sich eine alternative digitale Infrastruktur erkunden lässt. Und wenn es um die Idee von Bürgerinnen- und Bürgerräten geht, so erprobt die Initiative Cultures of Assembly der Universität Luxemburg derzeit, welche konkreten Tools es hierfür braucht. Vorstellen wird uns das Markus Miessen, der das Projekt unter dem Titel „The Esch Clinics“ leitet.
Aus Sicht der BürgerInnen wäre es ja oft schon hilfreich, ein Formular auch ohne zusätzliche Ausfüllhilfe zu verstehen. Wird auch das Teil Ihrer Betrachtungen sein?
Das ist eigentlich gar keine so utopische Hoffnung. Zu unserer Konferenz am Mittwoch wird auch Martin Jordan von DigitalService, dem Digitalisierungspartner des Bundes, vertreten sein. Als Agentur kümmern sie sich um eben diese Formulare, um eine effizientere BürgerInnen-Kommunikation. Und sie sagen selbst: „Wir können da so viel aufhübschen, wie wir wollen. Letztendlich muss die Gestaltungskompetenz bereits in den Gesetzgebungsprozess integriert sein.“ Denn wenn das Gesetz so geschrieben ist, dass das Formular so und nicht anders aussehen kann, lässt es sich weder hübscher noch verständlicher gestalten.


Für den Samstag ist zum einen die Staffelstabübergabe an die kommende World Design Capital Busan 2028 geplant, aber Sie stellen auch ein Positionspapier mit Empfehlungen für den sogenannten Design Action Plan Frankfurt RheinMain vor. Was hat es damit auf sich?
Im Grunde ist das Format der World Design Capital ja der Wahnsinn: Man versucht über ein Jahr hinweg, Dinge zum Besseren zu bewegen – sozial, ökonomisch, ökologisch. Alle zwei Jahre wird dafür ein Team aufgesetzt, das zunächst ein Jahr lang ein Festival erarbeitet und gleichzeitig in die Schnittstelle mit Politik und Verwaltung geht, um dann ein Jahr lang das Festival umzusetzen. Wie man die gewonnenen Erkenntnisse langfristig in der Region verankert, dafür gibt es bisher keine Patentlösung. Denn was in Frankfurt RheinMain funktioniert, muss nicht genauso in Kapstadt oder Seoul funktionieren. Das Positionspapier ist daher eine Zusammenfassung unserer Empfehlungen für einen „Design Action Plan“ – Instrumente, von denen wir glauben, dass sich mit ihrer Hilfe Impulse hier in der Region verstetigen können.
Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass die Erkenntnisse, Stichwort bürgernahe Verwaltung und zukunftsfähige Städte, langfristig in die Tat umgesetzt werden?
Mit Blick auf Hessen lässt sich sagen, dass das Land bereits Vorreiter ist, wenn es um Entbürokratisierung geht. Es ist das bislang einzige Bundesland mit einem Entbürokratisierungsminister. Zudem gibt es in Hessen eine Verordnung, mit der in bestimmten Modellregionen Dinge einmal anders umgesetzt werden können, als es gesetzlich vorgesehen ist. Durch solches „Sandboxing“ soll getestet werden, ob es andere als die hergebrachten Methoden gibt. Das Land ist also schon ziemlich engagiert, was kreative Bürokratie, bürgernahe Regierung und Verwaltung angeht.
Was allerdings kein Ergebnis der WDC ist.
Nein, das ist tatsächlich kein Ergebnis der WDC. Was eine Errungenschaft unserer Arbeit sein könnte, ist, dass Verwaltungen damit anfangen, so etwas wie das eben Genannte besser zu kommunizieren. Mit Blick auf Behörden ist nämlich auch Tatsache, dass es nach wie vor wenig siloübergreifende Betrachtungen gibt. Das mussten wir auch als Team erfahren und lernen, mit welchen Ämtern man eigentlich sprechen muss, wenn man etwas in die Wege leiten will.



Kommen wir noch einmal auf den Beginn Ihrer Vorbereitungen auf den Titel World Design Capital zurück, als es darum ging, dieses Thema so festzusetzen. Was sagen Sie denjenigen, die sich mehr greifbares, möglicherweise auch demokratisches Design erhofft hatten anstelle des formulierten Fokus auf die gestaltete Demokratie?
Ich verstehe den Punkt. Dennoch haben wir uns bewusst nicht auf klassisches Objektdesign fokussiert, weil wir gesagt haben, dass wir kein internationales Jetset-Spektakel schaffen, sondern ein Programm für die Gemeinschaft auf die Beine stellen wollen, das die Region näher zusammenbringt. Nun ist Demokratie kein Produkt, das man sich erkaufen kann, sondern Demokratie ist genau das, was wir versucht haben, in diesem Jahr abzubilden – ein Prozess, in dem Alltag und Zusammenleben gestaltet werden.
Wurde damit nicht dennoch eine Chance verpasst, den angewandten Kreativdisziplinen, dem Möbel- und Industriedesign eine Plattform zu bieten, die ja auch stark sind in der Region?
Ich denke, dass das WDC Hub mit seinem Ausstellungsprogramm im Museum Angewandte Kunst die angesprochenen Disziplinen durchaus vielschichtig berücksichtigt hat. Es ist ja nicht so, dass wir gesagt haben, wir machen jetzt nur noch Beziehungswissenschaften und klammern gut gemachte Stühle aus, sondern wir haben gesagt, gut gemachte Stühle sind genau das, worauf Beziehungen entstehen können. Gemeinsam mit Besuchenden des Frankfurter Museumsuferfestes haben wir beispielsweise Hocker gebaut und wurden dann wiederum gefragt, was das denn nun mit Demokratie zu tun habe. Also haben wir immer wieder erklärt, dass es etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun hat, indem man versteht, dass man so einen Hocker anhand eines Prototypenmodells eigenhändig zusammenbauen kann.
Eine Einschätzung zum Schluss: Sie sagten eingangs, Kreativmethoden können Perspektiven erweitern. Kann Design die Demokratie vor dem Zerfall bewahren?
So einfach ist es natürlich nicht. Demokratie ist ein Prozess, ist Eigenzeitlichkeit, ist Konflikt und Kompromiss. Wir erleben gerade, wie die Grundlagen für demokratische Gesellschaften durch technologische Entwicklungen wie KI und Social Media zerbröckeln. Design kann dann als Gegengift gegen Ressentiment, Aggression und Hass wirken, wenn wir es als eine Kapazität in der Bevölkerung betrachten. Denn wenn man selbst erfährt, dass man durch eigenes kreatives Handeln etwas bewirken kann, erlangt man eine andere Perspektive auf die Welt, blickt optimistischer in die Zukunft. Noch besser wird es, wenn man etwas gemeinsam gestaltet. Gleichzeitig gilt es, durch gute Gestaltung Momente abzubauen, in denen Frustration entsteht, weil Dinge unverständlich bleiben. Wichtig ist es, bestimmte Entscheidungen transparenter zu kommunizieren. Wenn das gelingt, können wir die Demokratie durch Design retten.
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Alle zwei Jahre durch die unabhängig agierende World Design Organization mit Sitz in Montreal vergeben, soll der Titel World Design Capital die ökonomische Rolle von Design, aber auch regionale Konzepte zur Förderung des sozialen, kulturellen und ökologischen Miteinanders in den Fokus rücken. Frankfurt RheinMain beging das Jahr 2026 unter dem Leitthema „Design for Democracy“, einer Auseinandersetzung mit den Polykrisen unserer Zeit und möglichen Lösungen im Handeln gegen antidemokratische Bestrebungen. 2028 wird die südkoreanische Großstadt Busan den Titel unter dem Leitmotiv „Inclusive City, Engaged Design“ übernehmen.
Dr. Felix Kosok leitet den Bereich Design-Diskurs der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und tritt bei zahlreichen Formaten des Programmjahres moderierend auf. Kosok promovierte 2020 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main zur ästhetisch-politischen Dimension von Design. In seiner Forschung untersucht er, wie Design politische Strukturen beeinflusst, Identitäten prägt und gesellschaftliche Prozesse gestaltet.


