Thonet Freischwinger: Warum das Original von Mart Stam zeitlos bleibt
Interior
Interior

Thonet Freischwinger: Renaissance des Eisengarns in der modernen Wohnung

Ein Jahrhundert ist es her, dass Mart Stam das Sitzmöbel von seinen Hinterbeinen befreite und damit eine Revolution in Gang setzte, die bis heute nachschwingt. Was als kühnes Experiment mit Stahlrohr begann, wurde durch Thonet zur globalen Design-Ikone. Zum 100. Jubiläum der ersten Skizzen zeigt sich der Klassiker nun in einer neuen, weichen Facette: Die Soft-Variante holt die textile Farbigkeit der frühen Moderne zurück in die Gegenwart und beweist, dass wahre Klarheit keine Härte braucht.
Text Yvonne Dewerne
Datum09.03.2026

Es gibt Entwürfe, die eine Epoche nicht nur begleiten, sondern sie erst definieren. Als der niederländische Architekt Mart Stam 1926 die ersten Skizzen für einen hinterbeinlosen Stuhl anfertigte, war das weit mehr als eine formale Spielerei. Es war die radikale Absage an eine jahrtausendealte Statik. Der Freischwinger, den Thonet wenig später zur Serienreife führte, wurde zum ultimativen Symbol für das Neue Bauen und eine moderne Lebensauffassung. Pünktlich zum 100. Jubiläum rückt Thonet nun eine Facette in den Fokus, die im kollektiven Gedächtnis oft hinter dem kühlen Chrom verschwand: die textile Wärme der Anfänge.

Mart Stam und die Erfindung des Kragstuhls

Die Geburtsstunde des S 33 war eher spröde als elegant. Stam experimentierte 1926 zunächst mit gewöhnlichen Gasleitungsrohren, die er mit Flanschen verband. Dieser erste Kragstuhl war im Gegensatz zu den heutigen Modellen noch starr. Doch die Idee, das dünnste Rohr mit dem kleinsten Radius zu verwenden, um eine kubische Form im Raum schweben zu lassen, war bahnbrechend. Der Durchbruch gelang 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Dort trafen die unterschiedlichen Visionen der Moderne aufeinander: Während Mart Stam auf die funktionale Strenge setzte, brachte Mies van der Rohe mit seinem Entwurf die großzügige, elegante Kurve ein. Thonet erkannte das Potenzial und industrialisierte die Idee. In einem wegweisenden Urteil von 1932 wurde Mart Stam schließlich das künstlerische Urheberrecht für den kubisch geformten Freischwinger zugesprochen. Damit festigte Thonet seine Position als rechtmäßiger Bewahrer dieser Design-Ikone.

Schwebende Architektur: Schon 1926 industrialisierte Thonet Mart Stams Vision vom hinterbeinlosen Sitzen

Warum der Freischwinger S 33 und S 34 die Architektur veränderte

Die Bedeutung des S 33 und S 34 liegt in ihrer Transparenz. In den 1920er-Jahren forderte die Architektur Licht, Luft und Öffnung. Ein schwerer Eichenstuhl hätte in den gläsernen Bauten eines Gropius oder Mies wie ein Fremdkörper gewirkt. Der Freischwinger hingegen nimmt den Raum nicht ein, er lässt ihn durch sich hindurchfließen. Die Konstruktion nutzt die physikalische Elastizität des Materials. Das Gefühl, beim Hinsetzen sanft aufgefangen zu werden, war eine völlig neue Erfahrung von Komfort. Es war das Ende der starren Haltung. Dass diese Möbel heute, ein Jahrhundert später, immer noch modern wirken, liegt an ihrer konsequenten Reduktion: Warum vier Beine nutzen, wenn zwei ausreichen, um die Welt des Sitzens aus den Angeln zu heben?

Die textile Evolution: Thonet Soft und das Erbe des Eisengarns

In der Wahrnehmung vieler Design-Fans ist die Moderne monochrom. Doch das Archiv von Thonet erzählt eine andere Geschichte. Die frühen Stahlrohrmöbel waren oft farbig bespannt. Hier kommt eine der wichtigsten Frauen des Bauhauses ins Spiel: Margaretha Reichardt. Sie entwickelte das Eisengarn, ein mehrfach gezwirntes Baumwollgarn, das durch eine spezielle Ausrüstung extrem reißfest und belastbar wurde. Zum 100. Jubiläum des Bauhaus-Gebäudes in Dessau und der ersten Stam-Skizzen bringt Thonet diese Farbigkeit zurück. Die neue Soft-Variante der Modelle S 33 und S 34 ist eine direkte Hommage an diese textile Tradition. Statt kühlem Leder kommen hochwertige Stoffe zum Einsatz, die durch eine innovative Sandwich-Konstruktion stabilisiert werden. Ein Trägermaterial verhindert, dass die Bespannung unter Belastung ausbeult – ein technisches Detail, an dem die Entwickler*innen in Frankenberg rund ein Jahr getüftelt haben.

Die Moderne zeigt Farbe: In sanften Pastelltönen wirkt das Stahlrohr-Ensemble von Thonet einladend und verliert seine museale Strenge

Handwerk und Nachhaltigkeit in Frankenberg

Dass ein Stuhl über 100 Jahre hinweg relevant bleibt, ist das beste Argument für nachhaltiges Design. Bei Thonet in Frankenberg werden die Freischwinger bis heute in einem Mix aus High-Tech und Handarbeit gefertigt. Da sich jeder Stoff beim Zuschnitt und unter Zugspannung anders verhält, ist die Montage der Soft-Bespannungen eine Aufgabe für erfahrene Mitarbeiter*innen. Die Langlebigkeit dieser Entwürfe ist tief in der DNA des Unternehmens verankert. Die S 33 und S 34 sind keine Wegwerfprodukte; sie werden oft über Generationen vererbt und bei Bedarf im Werk revitalisiert. Mit der neuen, textilen Emotionalität beweist Thonet, dass die Geschichte des Freischwingers noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Design