Grüne Zukunft – Auf nach Schweden

...... ins heilige Land aller Gartenverrückten.
Wo einst Carl von Linné die Botanik revolutionierte, sät, hakt und jätet heute eine neue Generation grüner Rebellen. Elin Unnes stellt uns Menschen vor, die mit dem Spaten in der Hand für Freiheit, Gleichheit und die Würde der Pflanzen arbeiten

Anders Stålhand ist ein Markenname in der schwedischen Gartenwelt. Viele kennen ihn als Fernsehshow-Moderator und Autor. Vor allem aber ist er Gärtner. Ist das immer gewesen. Eines seiner ersten Projekte war es, einen Waldsee im Garten seiner Eltern zu installieren. Er grub ein Loch in den Rasen, kleidete es mit Teichfolie aus und füllte tonnenweise Torf ein. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen, als sich der See mit Regenwasser füllte und ein Teppich aus alter Saat zu keimen anfing, die in dem Substrat überdauert hatte. Massen von Moosen und Farnen wuchsen, aber auch Sensationen wie Wollgras oder fleischfressender Sonnentau, dessen glitzernde Triebe wie hungrige kleine Mäuler vom Boden aufragen.

Mit gerade mal 25 Jahren wurde ANDERS STÅLHAND zum Chefgärtner des Botanischen Gartens in Göteborg berufen – eine der prestigeträchtigsten hortikulturellen Institutionen in Schweden. Trotzdem gab er vor nicht allzu langer Zeit den Superjob wieder auf, um Lehrer zu sein, mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen und über die Zukunft nachzudenken. Ein Lieblingsthema von Anders sind zum Beispiel KI-Blumentöpfe. „So ein Topf misst die Erdfeuchtigkeit und sagt dir, wann du gießen sollst“, erklärt er. Man sagt zwar, die Arbeitswelt von Gärtnern werde die letzte sein, die den Robotern in die Hände falle. Doch schon jetzt erobern Husqvarnas Mähroboter den Rasen. Und während diese Geschichte noch von traditionellen schwedischen Gärten handelt, richten Kollegen im berühmten Rosendals Trädgård in Stockholm ihre Aufmerksamkeit auf beides: Sie bewahren ein großes Erbe und denken intensiv über die Zukunft nach.

Wer frühmorgens, bevor der Tau verdampft ist, in Rosendal ankommt, findet einen Garten, der glitzert und schimmert wie ein Juwelen-Halsband, das jemand in dem grünen Gras der ehemaligen königlichen Jagdgründe fallen ließ. 1817 von Jean-Baptiste Bernadotte gegründet, von Königin Josephine in die noch heutige gültige Form gebracht, wurde der ehemalige königliche Tiergarten durch lange Zeiten vernachlässigt. Bis in den 1980er-Jahren der königliche Hof und die Stadt Stockholm entschieden, dass etwas Drastisches zu geschehen hat. LARS KRANTZ und PÅL BORGEN wurden angeheuert, zwei junge anthroposophische Gärtner. Sie verwandelten Rosendal in das, was es heute ist: eine öffentliche Oase und „ein Fifty-fifty-Mix aus Vergnügen und Nachhaltigkeit“, wie die gegenwärtige CEO TIN-TIN JERSILD sagt.

Als wir uns treffen, erzählt sie mir zuerst die Geschichte des großen Holzfeuerofens in Rosendals Bäckerei. Jeden Tag ist er in Betrieb, produziert Zimtschnecken fürs Café und Pizzas für endlose Sommernächte. Der Ofen wurde 1998 durch ein Crowdfunding finanziert: Leute konnten einzelne Ziegelsteine kaufen und sicherten damit die Materialkosten für die Konstruktion. Und während Tin-Tin von dem Erfolg schwärmt, lenkt mich von hinten ein Clip-Clop ab. Als ich mich umdrehe, sehe ich eine Schar von Gänsen, die langsam über die Wiese voranruckelnd Grashalm für Grashalm abknipsen.

Zu Rosendal gehört ein Gemüsegarten, kaum größer als 2000 Quadratmeter. Die unprätentiöse Parzelle ist ein wissenschaftliches Experiment. Forscher sagen: Würde man alles fruchtbare Land der Welt gerecht verteilen, bekäme jedermann 2000 Quadratmeter. Doch kann ein Mensch von dieser Fläche leben? Die Gärtner von Rosendal sagen Ja, und es sollte so sein, wenn wir nicht schreckliche Ungerechtigkeiten auf ewig fortsetzen wollen. Die Parzelle platzt vor Gemüse, und während ich zwischen Reihen von Lauch dick wie mein Arm hindurchlaufe, schaue ich verblüfft herunter. Meine Füße sind mit weißem Flaum bedeckt: Das ist kein Schnee, sondern Wolle, dieser Mulch ist das Nebenprodukt einer neben der Gemüseparzelle gehaltenen Schafherde.

Was die Gärtner von Rosendal mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit durchführen, praktizieren mit fröhlichem Überfluss Menschen in den städtischen Schrebergartenanlagen Schwedens. „Die Vorstädte gärtnern“ ist eine Initiative, in der sich einige der profiliertesten Gemüsegärtner rund um Stockholm zusammengeschlossen haben. Zu ihnen gehört TAO KARLSSON, die ihre Gemüse auf einer Parzelle in Sköndal anbaut. Die Anlage ist wie alle schwedischen Schrebergartenvereine öffentlich und lädt Besucher ein, sich in den labyrinthischen Gängen dieser DIY-Parks zu verlieren. Tao erzählt, dass sie schon immer Gärtnerin gewesen sei. Sogar als Kind in Thailand, wo ihre Mutter sie rausschickte, das Gemüse zu wässern, noch bevor sie sich auf den Weg zur Schule machte. „Dieses Zeug dringt in dich ein“, sagt Tao.

Und doch war sie verblüfft, als sie das erste Mal auf eine Kleingartenanlage in Stockholm stieß: Sie stand vor einem kleinen Märchendorf voller winziger roter Hütten mit weißen Ecken. Tao bewarb sich sofort um eine eigene Parzelle. Das war vor 15 Jahren, heute ist ihr Stück Land dicht mit einem Gewirr aus Essbarem zugepackt. Ich frage Tao, ob sie ihren Garten mag. Sie schnaubt, grinst und sagt nur: „Wie bitte!“ Klar. „Mögen“ kommt nicht im Geringsten an das heran, was sie für ihren Garten fühlt.

Die Orten-Odlar-Initiative ist – zu Teilen – das Kind von LENA ISRAELSSON – Autorin, Küchengarten-Spezialistin und eines meiner Idole. Sie hat ihr Land in Tanto Koloniträdgård auf Södermalm. Es ist einschüchternd großartig, gefüllt mit Brunnenkresse, pelziger Quitte und historischen Bohnen, die ihr ein alter Gärtner anvertraute.

Ein paar Wochen, nachdem ich Lena und Tao getroffen habe, veranstaltet Orten Odlar seinen alljährlichen Herbstmarkt in Tensta, einem Vorort im Nordwesten von Stockholm. Eine Band spielt, es gibt eine Fülle von Imbissständen, und für nicht mehr als ein Lied oder ein Tänzchen werden regional angebaute Gemüse verkauft. Ein Koch mit einer klassischen Inka-Ohrenklappenmütze auf dem Kopf gibt mir eine gehäufte Schale mit leckerem Bohneneintopf und eine knusprig glänzende Empanada. Ich gehe, dankbar, vollkommen übersättigt und den Kopf voller Gedanken, wo überall Diversität zu finden ist.

In den Kulturen und Zivilisationen genauso wie in der Natur, auch im kalten Schweden. Anders Stålhands eigener Garten liegt an einer Ecke des für seine tanzenden Kraniche berühmten Hornborga-Sees. Während ich, heißen Kaffee schlürfend, in seiner schönen Küche sitze, studiere ich eine Vanille-Orchidee, die in einem Hängekorb von der Decke baumelt. In einer Zimmerecke wächst eine Avocado, daneben wuchern Bananenpflanzen. Offenbar packen sich Menschen in einem Land, in dem gute sechs Monate Schnee liegt, gern ihre Stuben mit Grünpflanzen voll. Ebenfalls typisch schwedisch sei eine Weite, die in die Landschaft übergehe, meint Anders. „Was eine Folge der Landreform von 1827 ist.“ Deren Ziel war es, viel zu dicht besiedelte Städte auszudünnen. Herrenhäuser wurden niedergerissen, versetzt und in respektvoller Distanz voneinander wiederaufgebaut. „So brauchte man keine Hecken, denn wo sich niemand aufhält, sind Grenzen sinnlos“, sagt Anders.

Und welcher ist Anders’ Lieblingsgarten? „Vargaslätten! Der ist original schwedisch. Man meint, man sei im wilden Wald.“ Dabei heißt der Name übersetzt „ flaches Land der Wölfe“. Zu Anfang war der Garten so leer, dass man im Zwielicht die Wölfe als Silhouetten über die Hügel schnüren sah. GERBEN TJEERDSMA, der neue Chefgärtner von Vargaslätten, beschreibt den Waldpark gern als Beispiel des magischen Realismus. Er ist ein Fan dieses literarischen Genres. „Trolsk“ ist ein weiteres Wort, das Gerben nutzt – eine Verbindung von Troll und magisch wie in den Gemälden von John Bauer, wo Fichtenwälder mit duftenden Lilien und schimmernden Rhododendren gefüllt sind.

Gegründet wurde Vargaslätten 1917 von dem Architekten Sigfrid Ericson. Im Beruf Perfektionist, war er privat überaus leidenschaftlich. Er kaute Kiefernharz wie Kaugummi, liebte Ibsen, Tolstoi und Blumen und begann mit der Arbeit an seinem gärtnerischen Gesamtkunstwerk nach einer Grand Tour durch Europa. Es sieht um Jahrhunderte älter aus, als es ist. Doch um das zu erleben, müssen Besucher sehr sanft auftreten. Denn Wege sind mit Moos statt Kieseln bedeckt, was jeden Schritt dämpft. So werden Besucher selbst zu Geschöpfen des Waldes; sie können sich geräuschlos dem Troll nähern, der hinter der nächsten Kurve lauert – getarnt als ein von Moos bedeckter Stein in einem weiten Übermantel aus grünen Fichtenzweigen.

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 04/20

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