Neapolitanische Metamorphosen

Baumeister Giuliano Andrea dell’Uva bewohnt die oberste Etage eines alten Hauses in der Stadt am Golfo di Napoli. Es ist ein architektonisches Observatorium, das Tradition wie Moderne im Blick behält.

"ICH BEOBACHTE DIE WELLEN VON MEINER DENKFABRIK AUS"
GIULIANO ANDREA DELL’UVA

An guten Tagen ist Neapel wie ein Sprungbrett ins Mittelmeer. Capri, Ischia, dazu ein Wölkchen über dem Vesuv und auf den Wellen ein schnittiges Segelboot Richtung Amalfiküste. Doch nichts ist hier, wie es ab und an scheint. Hinter der lichten Leichtigkeit der Stadt verbirgt sich stets die beängstigende Tiefe von Geheimnis und Tod. Sprungbretter führen eben manchmal nicht nur in blaues Poolwasser; oft findet sich da grauer Beton mit Schimmel, Müll und Graffiti in dunklen Ecken. Neapel ist seit jeher auch ein Ort des Leidens und der Friedhöfe gewesen, auf denen sich gespenstische Metamorphosen vollziehen – wie in einem Buch von Anna Maria Ortese, die immer wieder die tieferen Schichten der Stadt freigelegt und so gezeigt hat, dass sich jede scheinbare Tatsache hier schnell in ihr Gegenteil verkehren kann. Neapel sei nämlich alles andere als ein Sonnenreich, sondern ein „Land der Vorspiegelungen und Täuschungen“.

Auch der Architekt Giuliano Andrea dell’Uva, der das oberste Stockwerk eines alten neapolitanischen Hauses wie auf einem Sprungbrett ins Mittelmeer bewohnt, stieß im Rahmen seiner Umbauarbeiten auf die Beschreibungen Orteses: „Als ich zufällig ihr Buch ‚Il mare non bagna Napoli‘ las, dachte ich – und ich bin mir jetzt sicher –, dass das dort beschriebene Observatorium der Stadt genau aus diesem Gebäude stammt. Dicke Wände, Räume mit hohen Decken und alte Gemälde, die in Schichten und Putzschichten verborgen waren, warteten darauf, dass ich sie sah.“ Orteses Werk beinhaltet eine Mischung aus brillanten Erzählungen und Reportagen über die Teile der Stadt, die in Armut vor sich hindümpeln und nichts vom Glanz des Meeres abbekommen. Das Buch ist Offenbarung und Schicksal zugleich. Vor allem der letzte Abschnitt, in dem die Schriftstellerin die selbstzufriedenen Intellektuellen der neapolitanischen Oberschicht kritisiert, sollte ihr zum Verhängnis werden. Der schockierende Scharfsinn dieser Seiten wird ihr sogar von ehemaligen Freunden lebenslang derart nachgetragen, dass ihr letztlich nichts anderes übrig bleibt, als alle Brücken nach Neapel hinter sich abzubrechen. Ein Trauma, von dem sie sich nie wieder erholt. Erst flüchtet sie nach Mailand, dann flüchtet sie nach Rom (wegen der verunglückten Liebe zu einem deutlich jüngeren Mann in Mailand) – und stürzt dabei in die desolateste Phase ihres Lebens.

So schlimm endet diese Geschichte hier nicht. Sie verfängt sich höchstens ein wenig in den Widrigkeiten moderner Arbeitsrealitäten. Denn der Architekt Giuliano Andrea dell’Uva gehört zu den Menschen, die sich niemals loseisen können. Tatsächlich hören seine Handys in seinem Haus nie auf zu läuten: „Ich muss ehrlich sein: Ich habe ein ziemlich arbeitsreiches Leben, und es ist schwer, es mit meinem Privatleben in Einklang zu bringen. Eine Architektur wie aus Puzzleteilen – das ist meine Welt“. Den Baumeister zwischen Neapel, Mailand, Capri und Lecce zu erwischen ist eine unmögliche Aufgabe. Aber wenn man ihn in der ruhigen Atmosphäre seines neapolitanischen Hauses trifft, im obersten Stockwerk eines Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert, dann erlebt man einen anderen Mann.

"DIES IST DAS FRÖHLICHE GELASSENE NEAPEL, DAS ICH LIEBE"
GIULIANO ANDREA DELL’UVA

Es ist ein Mann, der sehr viel von sich erzählt: „Dies ist Neapel, das Neapel, das ich für mich wollte, Arbeiterklasse und Eleganz zusammen, das fröhliche, gelassene Neapel, das ich liebe. Wie alle, die ein Zuhause suchen, habe ich viele Orte besucht. Und leider oder glücklicherweise habe ich als Architekt immer versucht herauszufinden, wie mein Leben an jedem dieser Orte aussehen würde.“ Fantasieprüfungen pur. Er dachte an sich – und daran, wie er in den verschiedenen Stadtteilen leben würde. Er mochte das spontane Miteinander aristokratischer Architektur und der Märkte der Menschen in der Gegend von Sanità. Im historischen Zentrum hätte er gern dessen geschichtete Monumentalität atmen lassen. Er landete in seiner Kindheit, im Viertel, in dem er aufgewachsen ist, in Chiaia. Er imaginierte sein Haus auf einem dekadenten Gebäude aus dem späten 17. Jahrhundert. Und letztlich entschied er sich dann für das Sprungbrett ins Meer.

Das typische Leben Neapels ist hier allgegenwärtig, jenes, das morgens mit einem Lächeln, am Nachmittag mit neomelodischer Musik, mit Prozessionen von Heiligen und salzigen Gerüchen aus dem Meer geschaffen wird. Immer wieder das Meer, das ist Teil der Topografie dieser Stadt. „Ich beobachte die Wellen von meiner Denkfabrik aus, während meine Ideen Gestalt annehmen“, sagt dell’Uva. „Ich wollte nicht, dass das Haus von mir erzählt, sondern dass es Teil meiner Entwicklung ist.“ Seine Architektur verleiht dem Gebäude ein neues Licht, verbindet spontan dessen Räume. Der Ort soll wieder so sein, wie er irgendwann am Anfang war – das macht sich Giuliano Andrea dell’Uva zur Aufgabe. Er kümmert sich um das Layout, schneidet die Räume auf seine Bedürfnisse sowie die seiner Frau Andrea hin zu. Sein Streben ist es, dass die antiken Möbel und Designerstücke der Familie in Harmonie zusammenleben, dass sich alter und zeitgenössischer Einfluss miteinander verbinden.

Und dass die von Gio Ponti für Neapel entworfenen Möbel eine Art internationale Hotelgeschichte der Stadt erzählen: „Die Häuser, die ich mag, sind die, in denen ich aufgewachsen bin. Jedes Alter oder jede Periode hat etwas Schönes hervorgebracht, alles kann friedlich nebeneinander existieren. Ich denke an die Familienhäuser, die von meinem Urgroßvater, dem Architekten, entworfen wurden. So bin ich.“

Es wurde bereits gesagt: dell’Uva reist viel. Er überschreitet dabei auf gemäßigtere Weise als Ortese die geografischen und kulturellen Grenzen seiner Stadt – um neue visuelle Anreize zu finden, die seine Projekte beeinflussen. Eine Architektur, die durch auf mehreren Ebenen angeordnete Räume belebt wird. Die breite Deckenhöhen ausnutzt und sich durch Terrassen und Gärten zum Dach hin öffnet. Mit einer klaren Intention: etwas Privatsphäre gewährleisten, das Haus vor den Fenstern der umgebenden Gebäude schützen – und sich doch einen unglaublichen Blick sichern. Auf diese faszinierende Stadt und das Meer.