Viva la Villa!

Repräsentative Refugien inmitten gemäldetauglicher Landschaft kennt man seit der Römerzeit. Nun vermählen Zeitgenossen den Bautypus mit modernem Ultra-Minimalismus. Ein Besuch in vier Wohnkunstwerken

VILLA LAGOHAUS

Lesa, Lago Maggiore

AM SEEUFER

Es ist eines dieser Sehnsuchtsgrundstücke, auf dem sich ein älteres Ehepaar seinen Zweitwohnsitz errichten ließ: eine Landzunge an der Westseite des Lago Maggiore mit Ausrichtung nach Süden und Blick in die Achse des Sees. Entworfen wurde die 2018 fertiggestellte Villa mit circa 325 Quadratmetern Wohnfläche vom Londoner Büro Design Haus Liberty, das auch im Shop-Design Marken setzt.

„Der Ort war von zentraler Bedeutung“, sagen die Architekten. Zusätzlich galt es, das Gebäude optimal an den Tagesablauf der Bauherren anzupassen: schwimmen, gärtnern, meditieren, kochen. Das aus diesen Vorgaben entstandene Haus präsentiert sich als moderne Interpretation der Villa Rotonda. Auf einem terrassierten Hügel sitzt es als organisch geformtes, vollflächig verglastes Volumen und streckt vier Finger in die grandiose Landschaft, die mit See, Bergen und großen Pinienbäumen Bella-vista-Zutaten liefert. Anstatt Palladios Kuppel gibt es einen kreisrunden Innenhof, in dem das Echo des römischen Atriumhauses nachhallt. In der Mitte befindet sich ein 70 Jahre alter Bonsaibaum. Der Hof ist aber nicht nur hübsch anzusehen. Er sammelt auch das Regenwasser und dient als passives Belüftungssystem. Konsequent fortgeführt wird der grüne Gedanke auch in der Solaranlage und einer Wärmepumpe, die 60 Prozent der Energie produzieren. Dass das Gemüse im Garten der Bauherren Bioqualität hat, versteht sich da von selbst.

Im Innern präsentiert sich die zweigeschossige Villa als offenes Raumkontinuum, in das eingestellte Kerne (Bad, Technik- und Schrankräume) integriert sind. Eine offene Treppe schmiegt sich an den Innenhof und verbindet die beiden Stockwerke. Im Erdgeschoss befinden sich Wohnzimmer, Büro, Gästezimmer und Wohnküche, in der ersten Etage liegen die Schlafzimmer. Um die Räume großzügiger wirken zu lassen, ist der Übergang zwischen Garten und Haus fließend. Die Terrassierung wird in den auskragenden weißen Dachscheiben der Villa aufgegriffen, der Innenhof verbindet die Räume optisch miteinander „Wir wollten einen zentralen Garten schaffen, der das Haus größer erscheinen lässt, der aber – weil er ja Außenraum ist – nicht zur Grundfläche zählt“, erklären die Architekten. Das ist ihnen gelungen.

VILLA BLACK FOREST

Schwarzwald

IN HANGLAGE

Wer bei Schwarzwald an das für die Region typische Schwarzwaldhaus denkt, wird enttäuscht. Kein weit auskragendes, mit Holzschindeln gedecktes Krüppelwalmdach. Stattdessen eine weiße, vollflächig verglaste Villa mit satten 679 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche. Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten. Wie die traditionellen Bauernhäuser sitzt die 2018 errichtete Villa Black Forest ebenfalls im Hang und bietet einen unverbauten Blick nach Süden ins Tal. Und ein bisschen Geschichte ist natürlich auch dabei: Die Bauherren errichteten ihren Familiensitz auf den Grundmauern der elterlichen und großelterlichen Wohnhäuser.

Entworfen wurde die Villa vom Stuttgarter Büro Lee+Mir Architekten. Die steile Topografie des Grundstücks überbrückten Patrik Yves Lee und Marc Mir, indem sie Terrassen anordneten – ein Element, das sich auch am Gebäude wiederfindet. Dort werden Decken und Dach zu tektonischen Platten, die als Dachüberstände und Balkone Schutz vor der Sonne bieten und das Gebäude gleichzeitig mit dem Außenraum verbinden. Die großen Glasflächen sorgen für optimales Licht und gewähren Ausblicke de luxe.

Im Innern verteilen sich die Räume auf drei Geschosse. Der Wohn- und Essbereich befindet sich im Obergeschoss, die Schlafzimmer liegen darunter. Im Untergeschoss sind die Wellness- und Fitnessbereiche untergebracht, die einen direkten Zugang zum Garten haben.

Auch hier wird mit dem fließenden Übergang zwischen innen und außen gespielt. Nach Osten hin bietet eine geräumige Terrasse Morgensonne. Sie schließt sich an den Essbereich an und ist über eine große Freitreppe mit dem Garten verbunden. Die Rückseite der Villa ist vom Hang abgerückt, wodurch ein langer schmaler und geschützter Hof im ersten Obergeschoss entstanden ist. Der versorgt Eingangsbereich, Treppe und Esszimmer zusätzlich mit Licht. Nur eines fehlt dann doch: die Lage am Wasser, was ja eines der typischen Merkmale der antiken Villa war. Die gab es beim traditionellen Schwarzwaldhaus allerdings auch nicht.

VILLA SEAHOUSE

Cala Llamp, Mallorca

MIT MEERBLICK

Nur 25 Autominuten von Palma de Mallorca entfernt liegt sie: die Luxusvilla, die der italienische Möbelhersteller Minotti zusammen mit dem deutschen Architekten Achim Marwitz und den mallorquinischen Innenarchitekten von Terraza Balear entwickelt und 2019 fertiggestellt hat. In Cala Llamp, im Südwesten der Baleareninsel, thront das etwa 465 Quadratmeter große Haus auf einem Plateau. Der Blick aufs Mittelmeer? Schlicht atemberaubend!

Die Verzahnung von drinnen und draußen ist auch hier zentrales Entwurfsmotiv. Die überdachte Terrasse bildet eine Übergangszone, ein Infinity-Pool holt das türkisblaue Meer buchstäblich ins Haus hinein und macht die ohnehin schon spektakuläre Inszenierung des Panoramas perfekt. So viel mediterrane Offenheit lässt fast vergessen, dass die Villa in den Fels eingeschnitten ist und auf der Rückseite eigentlich kein Tageslicht erhält. Eigentlich wohlgemerkt, denn der Marwitz griff auf ein architektonisches Element zurück, das typisch ist für den Mittelmeerraum: den Patio. Dieser kleine begrünte Innenhof versorgt die vier Stockwerke auf der Rückseite mit Tageslicht, angefangen beim ersten Obergeschoss bis hinunter ins zweite Untergeschoss.

Von der Straßenseite unterhalb des Hangs aus betritt man einen repräsentativen, zweigeschossigen Eingangsbereich. Mit dem Aufzug oder über eine dreiläufige Treppe geht es hinauf ins erste Untergeschoss. Hier befinden sich der Fitnessraum und die Gästezimmer, die ebenerdig zum terrassierten Garten angeordnet sind. Der Wohn- und Essbereich im Erdgeschoss sowie die Schlafzimmer im ersten Obergeschoss öffnen sich nach Südwesten zum Meer hin. Die mit einer Pergola überdachte Terrasse ist eine Art Transitzone zwischen den kühlen Innen- und den heißen Außenräumen. Der indische Architekt Charles Correa fand für solche Bereiche mal folgende Worte: „Die Grenzen zwischen den verschiedenen Zonen sind nicht formal markiert und scharf gezogen, sondern sanft und amorph. Subtile Modulationen des Lichts und Veränderungen der umgebenden Luft vermitteln die einzelnen Übergänge an unsere Sinne.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.

VILLA SCHATZLMAYR

Hofkirchen, Niederbayern

AUF FREIER FLÄCHE

Als „große Bühne für Landschaft, Licht und Wasser“ bezeichnet Architektin Anna Philipp die von ihr entworfene 760-Quadratmeter-Villa im niederbayerischen Hofkirchen. Das Bild ist durchaus passend. Zum einen, weil das 2018 fertig gestellte Haus einen beeindruckenden Blick auf Donau und die umgebende Landschaft bietet. Zum anderen, weil ihm etwas Artifizielles anhaftet. Als abstraktes, weißes Etwas auf die grüne Wiese gestellt, versucht es gar nicht erst, sich einzufügen. Stattdessen grenzt sich seine Architektur betont selbstbewusst von der Natur ab.

Die Bauherren, ein Ehepaar mittleren Alters, wünschten sich ein Zuhause, in dem sich Arbeiten und Wohnen verbinden lassen. Die Lösung bestand in zwei eingeschossigen und einem zweigeschossigen Volumen. In Letzterem befindet sich das Atelier der Hausherrin, die Modedesignerin ist. Zusätzlich gibt es Büroräume in dem Stockwerk darüber. Das ganze Ensemble wird von einem horizontalen, eingeschossigen Pavillon umschlossen, der zur Hangseite auf Stützen steht und über der Landschaft zu schweben scheint.

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 03/20

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Auf der im Nordosten gelegenen Eingangsseite gibt sich die Villa geschlossen. Zur Hangseite nach Südwesten hin öffnet sie sich – dank bodentiefer Fenster zur Terrasse. Eine Pergola als Sonnenschutz bindet die drei Elemente zusammen. Dazwischen platzierte Anna Philipp eingeschnittene Höfe, die Innenraum und Außenraum verzahnen und zudem geschützte Bereiche für Schlafzimmer und Bad bilden.

Bleibt zum Schluss der lange, schmale Infinity-Pool, der die Dualität des Hauses auf den Punkt bringt. Er fließt orthogonal zur Villa in einen der Innenhöfe und holt Wiese, Bäume, Fluss und Himmel in das Haus hinein. Umgekehrt wird, wer hier schwimmen geht, zu einem Teil der Landschaft – und zum Protagonisten in einem Schauspiel, das sich Architektur nennt.

AW Architektur & Wohnen, Ausgabe 03/20

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