Valencia – die heimliche Favoritin

Design und Spanien – das verbindet man mit Barcelona. Mit Madrid. Mit Bilbao. 2022 aber wird Valencia Welthauptstadt des Designs. Es gibt gute Gründe dafür

Mitten durch Valencia schlängelt sich der Río Turia. Sein Flussbett ist ein wenig breiter als zwei nebeneinanderliegende Fußballfelder. Das soll nicht etwa ein Bild zur Veranschaulichung sein, die Fußballplätze befinden sich tatsächlich dort. Frühe war der Río Turia ein widerspenstiges Gewässer, das immer wieder über die Ufer trat. In den 50er Jahren hatten die Valencianer die Nase voll: Sie leiteten den Übeltäter südlich an der Stadt vorbei ins Meer. Das gewonnene Areal wurde in einen Stadtpark verwandelt – Sportanlagen, botanische Gärten, Kinderspielplätze und weitläufige Rasenflächen wechseln sich in lockerer Folge zwischen den alten Ufermauern ab. Beim Spaziergang durch das Antiguo Cauce del Río Turia passiert man ab und zu die alten Brücken, unter denen man nun lässig hindurchschlendert. Der Blick wandert die Pfeiler hinauf, zum Ufer, zur darüberliegenden Stadt.

Valencia entspannt sich im Río Turia. Allerdings sicher nicht von exorbitanten tourismusfördernden Aktivitäten. Der Valencianer macht nämlich nicht viel Aufhebens um seine Stadt. Dabei könnten die Attraktionen der Stadt Scharen von Besuchern anlocken. Allen voran die gotische Kathedrale, in der – dessen sind sich die Einheimischen sicher – der heilige Kelch des letzten Abendmals zu bewundern ist. Oder die Seidenbörse Lonja de la Seda, einer der imposantesten gotischen Profanbauten Europas. Viele Sehenswürdigkeiten sind jüngeren Datums, wie die 2002 eingeweihte Ciudad de les Arts i les Ciències, die Stadt der Künste und Wissenschaften. Strahlend weiße, wie Fabelwesen geformte Bauten hat der Stararchitekt und Sohn der Stadt Santiago Calatrava auf halbem Weg zum Meer – im weiteren Verlauf des alten Río Turia – errichtet. Sie beherbergen Europas größtes Ozeaneum mit Delfinarium und unterirdischem Aquarium, das Wissenschaftsmuseum Príncipe Felipe sowie das Planetarium L’Hemisfèric. Daneben, als Bindeglied zur Altstadt, Calatravas Meisterwerk für Valencia: das Opernhaus, das an einen antiken Helm erinnert.

2022 wird Valencia die Welthauptstadt des Designs sein. Im Herbst 2019 hat die World Design Organization (WDO), die diesen Titel alle zwei Jahre vergibt, ihre Entscheidung bekannt gegeben. Keine abwegige Wahl, denn die Stadt hat neben historischen Prachtbauten, originellem Flusspark, außergewöhnlichem Stararchitekten noch einen weiteren großen Namen zu bieten, der die Welt der Gestaltung nicht unwesentlich mitbestimmt: Jaime Hayon. Der gebürtige Madrilene hat sich von der lockeren und doch kulturell anspruchsvollen Atmosphäre der Stadt verzaubern lassen und hier seine Kreativzentrale eingerichtet. Das Wort „eingerichtet“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Eine Wohnung dient ihm als Studio – in einem der typischen neoklassizistischen Gebäude der Altstadt, mit weitläufigen Raumfluchten und hohen Decken, in denen das Großbürgertum um die vorletzte Jahrhundertwende seinen Wohlstand zeigte. Hayon zeigt Möbel. Viele Möbel, die er für namhafte Hersteller wie Moroso, Magis, Cassina entworfen hat. Hier stehen sie, meist im Stadium von Prototypen, herum und vermitteln eher den Eindruck eines modernen Wohnambiente als den eines Studios. Hier entstehen neue Entwürfe für neue Möbel, aber auch die Ideen zu den oft skurrilen Porzellanobjekten des Designers (in der Stadt befindet sich mit dem Unternehmen Lladró eine der größten Porzellanmanufakturen der Welt!) sowie Installationen und ganze Hotel-Interieurs. Hayon lässt sich nicht festlegen: „Ob ich als Designer, Künstler oder Interieur-Entwerfer angesehen werde, ist mir egal. Mich inspirieren alle kreativen Disziplinen. Mein einziges Ziel: meine Entwürfe auf ein höheres Niveau zu bringen.“

Festlegen lässt er sich aber durchaus, wenn er nach Tipps in der Stadt gefragt wird: Natürlich der Mercado Central, eine der typischen spanischen Markthallen, die eher die Bezeichnung Gourmettempel verdient hätten. Die in Valencia hat zudem eine prächtige Jugendstil-Fassade zu bieten. Ein Genuss also auch fürs Auge. Hayon verrät sein Lieblingscafé, das „Bluebell“. „Hier checke ich morgens beim Kaffee meine Mails.“ Treffen kann man ihn außerdem in der Bar „Ostras Pedrin“ bei einem Glas Wein. In nahezu allen Bars wird übrigens die Spezialität der Stadt angeboten, das Agua de Valencia, was schon im Namen eine arglistige Lüge trägt – das in Karaffen servierte Gemisch aus Orangensaft, Wodka, Gin und Cava ist beim Genuss der bereitgestellten Menge nämlich recht unberechenbar. Last, not least ein Kulturtipp von Jaime Hayon: die Foto-Galerie „Bombas Gens“ in den restaurierten Hallen der ehemaligen Fabrik gleichen Namens. Sie wird geleitet von Vicente Todolí, der als Direktor des Londoner Museums „Tate Modern“ bekannt wurde.

"VIBRIERENDE KREATIVITÄT IST DAS FUNDAMENT UNSERES DESIGNS"
Sophie von Schönburg

Wer Valencias größten Kreativraum, das Studio „CuldeSac“, betritt, der kann riechen, wie viel Bauchgefühl in jedem guten Design steckt. Der Duft von geschmortem Gemüse und Mittelmeerkräutern erfüllt an diesem frühen Nachmittag das Büroloft. „Wir essen hier jeden Tag zusammen“, erklärt Sophie von Schönburg, Partnerin bei CuldeSac. „Das, was passiert, wenn wir alle an einem Tisch sitzen und uns austauschen, diese geballte, vibrierende Kreativität, das ist spanische Lebensart und das Fundament unseres Designs.“ Und dieses Design hat es weit gebracht: Der faltbare Fahrradhelm „Closca“ ist heute im Museum of Modern Art in New York oder im Design Museum in London zu kaufen, Möbel wie der Kinder-Hochstuhl „Micuna“ oder der ausziehbare Tisch „Transalpina“ stehen in Wohnzimmern auf der ganzen Welt. Ladengeschäfte in Rom, Moskau, Madrid – und natürlich Valencia hat CuldeSac eingerichtet und Events für große internationale Marken konzipiert. Was sich hier in diesem Loft die rund 60 Möbel- und Grafikdesigner, Inneneinrichter, Architekten und Eventmanager beim Mittagessen und an ihren Schreibtischen ausdenken, das bringt ein Stück valencianisches Bauchgefühl auf alle Kontinente.

„Die Leute lieben ihre Stadt innig und machen sie gleichzeitig viel kleiner, als sie ist. Immer heißt es: ‚Madrid und Barcelona sind viel wichtiger, wir sind ja nur drittgrößte Stadt Spaniens – und eigentlich eh bloß Bauern.‘“ Diese Haltung beobachtet der gebürtige Belgier Christophe Penasse, der gemeinsam mit seiner kolumbianischen Lebensgefährtin Ana Hernández das Designlabel Masquespacio betreibt. Beide zogen um die Jahrtausendwende nach Valencia. Sie schloss hier mit Bestnoten ihr Designstudium ab, er ergatterte nach einigen Monaten Spanischunterricht einen Posten in einem internationalen Konzern. Dann kam die Wirtschaftskrise. Er verlor seinen Job, sie fand erst gar keinen. „Wir hatten keine andere Wahl, als uns selbstständig zu machen“, erzählt Ana Hernández. 2020 feiern sie das zehnjährige Bestehen von Masquespacio. Und sie ziehen um, in größere Räume. Sechs Angestellte haben sie mittlerweile; sie haben Läden auf der ganzen Welt designt. In Köln richteten sie das Geschäft eines Großhändlers für spanische Lebensmittel ein, auf Ibiza eine Bar, in Oslo eine kleine Öko-Wein-Brasserie und in Bonn einen Imbiss für Mittelmeer-Food.

Nur Valencia, wo heute rund 20 Boutiquen, Restaurants, sogar ein Hostel und eine Sprachschule von Masquespacio gestaltet sind, blieb lange verhalten. „Hier musste man sich“, so Christophe Penasse, „erst einmal an Anas Design gewöhnen.“ Farbenfroh und verspielt ist das, legt Wert auf Formen und Vielfalt. „Das traditionelle Design von Valencia ist ruhiger und rationaler“, erklärt Penasse. „Es ist ein Industriedesign, hier wurden über Jahrhunderte vor allem Möbel oder Leuchten gefertigt, dazu Porzellan und Plakate für den Verkauf von Orangen.“

"DIE LEUTE LIEBEN IHRE STADT – UND MACHEN SIE KLEIN"
Christophe Penasse

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Alles andere als ruhig und rational geht es jedoch jedes Jahr im März zu. Bei den Fallas werden haushohe Pappmaschee-Puppen durch die Straßen getragen und am Josefsabend, dem 19. März, schließlich in Flammen gesetzt. Musik und Tänze, Böller und Feuerwerksraketen begleiten das Frühlingsfest. Einzigartig ist jedoch die schier unbändige Kreativität. Monatelang arbeiten die Falleros an ihren Werken; neben den traditionellen, recht karnevalesken Figuren gibt es zunehmend avantgardistische Puppen zu sehen. Damit die versierten Handwerker auch in der übrigen Zeit des Jahres Arbeit haben, lagert CuldeSac als größtes Designbüro der Stadt oft Projekte an sie aus. „Wir finden selten so gute Leute, die sich mit so vielen verschiedenen Materialien auskennen wie die Falleros“, sagt Kreativchefin Lucía del Portillo. „Die Fallas sind Valencias größtes Volksfest und zugleich jedes Jahr aufs Neue eine Inspiration.“

In der Zwischenzeit feiert die Stadt im wiederentdeckten Altstadtviertel El Carmen – meist bis in den frühen Morgen. Die kreative Szene hat die ehemals heruntergekommene und deshalb günstige Gegend okkupiert und langsam und nachhaltig wieder aufgepäppelt. Fein restaurierte architektonische Juwelen kann man in den engen Gassen von El Carmen entdecken; zahlreiche Mode- und Design-Shops, coole Bars und bunte Restaurants finden sich hier. Ein Traum für Hipster und Studenten, denn die schätzen, was Valencia zu bieten hat: Weitläufigkeit und zugleich Intimität. Ob man das nun aller Welt kundtun sollte? Zu spät ...

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