Ausstellungstipp: David Lynch in der Pace Gallery Berlin
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Ästhetik des Unbehagens: David Lynch löst in der Pace Gallery die Grenze zwischen Kunst und Film auf

Die neue Ausstellung bei Pace Berlin beleuchtet David Lynchs tiefe Verbundenheit mit der deutschen Hauptstadt. Erfahren Sie alles über die Highlights dieser außergewöhnlichen Werkschau.
Text Yvonne Dewerne
Datum28.01.2026

David Lynch sah sich selbst nie als Regisseur, der gelegentlich zum Pinsel griff. Für ihn war es genau umgekehrt: Er war ein bildender Künstler, der das Medium Film nutzte, um seine Gemälde in Bewegung zu versetzen. Ein Jahr nach seinem Tod im Januar 2025 rückt die Pace Gallery Berlin dieses fundamentale, oft unterschätzte Kapitel seines Schaffens ins Zentrum. Ab dem 29. Januar 2026 zeigt die Galerie eine Einzelausstellung, die weit über das filmische Archiv von „Twin Peaks“ oder „Mulholland Drive“ hinausgeht und die lynchsche Imagination in ihrer reinsten, materiellen Form präsentiert.

Die Rückkehr des Meisters: David Lynchs große Kunst-Ausstellung

In den Räumen der umgebauten Tankstelle an der Mercatorstraße begegnet man einem Werk, das zwischen dem Makabren und dem Alltäglichen oszilliert. Es ist eine Schau, die nicht nur Lynchs künstlerische Wurzeln freilegt, sondern auch seine tiefe Verbundenheit mit der Ästhetik Berlins dokumentiert. 

David Lynch, untitled (Berlin 5364: 21), 1999, archival silver gelatin print, 11" × 14" (27.9 cm × 35.6 cm) 19"×23-1/4"×1"(48.3cm×59.1cm×2.5cm), frame

David Lynch Ausstellung: Was erwartet die Besucher*innen?

Die Ausstellung ist als multimediales Erlebnis konzipiert, das Lynchs Vision über verschiedene Medien hinweg beleuchtet. Im Zentrum stehen bislang unveröffentlichte Gemälde und Aquarelle, die in ihrer haptischen Qualität fast physisch greifbar wirken. Lynch legte großen Wert auf die Präsentation: Die massiven Rahmen wurden von ihm selbst entworfen und wirken oft wie schwere, schützende Panzer um die fragilen, teils verstörenden Bildwelten.

Ein besonderes Highlight sind die drei monumentalen Lampenskulpturen aus Stahl, Harz, Plexiglas und Gips. Diese Objekte sind weit mehr als bloße Lichtquellen; sie sind „Lichtmaschinen“, die den Galerieraum in jene unheimliche Illumination tauchen, die man aus seinen Filmen kennt. Ergänzt wird die Schau durch die „Factory Photographs“. Diese Serie entstand 1999 in den leerstehenden Industrieanlagen Berlins. Lynch fing dort die Ästhetik von Schornsteinen, zerbrochenen Fenstern und massiven Maschinen ein – Bilder, die seine lebenslange Faszination für das Morbide und die Textur des Verfalls widerspiegeln.

David Lynch, Tree At Night, 2019, mixed media painting, 48" × 41-3/4" × 1-5/8" (121.9 cm × 106 cm × 4.1 cm), painting, 58-1/2" × 52-1/2" × 5-5/8" (148.6 cm × 133.4 cm × 14.3 cm), frame

David Lynch: Ein Leben für die Kunst

Die Biografie von David Lynch (1946–2025) ist untrennbar mit der bildenden Kunst verbunden. Lange bevor er die Filmwelt revolutionierte, studierte er in den späten 1960er-Jahren Malerei an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia. Dort legte er den Grundstein für sein gesamtes späteres Werk, als er mit „Six Men Getting Sick (Six Times)“ sein erstes „bewegtes Gemälde“ schuf – eine multimediale Installation, die Malerei und Projektion verschmolz und bereits den filmischen Keim für seinen ersten Spielfilm „Eraserhead“ enthielt.

Zeit seines Lebens blieb er dieser Experimentierfreude treu. Lynch war ein Künstler, der sich nicht limitieren ließ; er entwarf Möbel, komponierte Musik und zeichnete Lithografien in Pariser Traditionsateliers. Er sah die Welt durch die Brille des Surrealismus, stark beeinflusst von seinem „Bruder im Geiste“ Franz Kafka. Trotz seines Welterfolgs als Regisseur kehrte er fast täglich in sein Atelier in Los Angeles zurück. Sein Werk ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Unterbewussten und den dunklen Strömungen der modernen Existenz – immer mit dem Ziel, das Unsichtbare sichtbar zu machen.

David Lynch, Red Zig-Zag, 2022, cold-rolled steel, resin, plaster, paint, wood 54-1/4"×24"×14"(137.8cm×61cm×35.6cm) (approximate)

Die Pace Gallery Berlin

Die Wahl des Ausstellungsortes ist ein Statement für sich. Die Pace Gallery, einer der weltweit einflussreichsten Akteure auf dem Kunstmarkt, residiert in Berlin in einer ehemaligen Tankstelle. Diese Architektur bildet den perfekten Rahmen für Lynchs Werke, die oft in funktionalen, aber entfremdeten Umgebungen spielen. Die Galerie nutzt diesen Standort, um eine Brücke zwischen Lynchs Geschichte in Europa und seiner US-amerikanischen Heimat zu schlagen.

David Lynch, untitled (Berlin 5354: 29), 1999, archival silver gelatin print, 11" × 14" (27.9 cm × 35.6 cm), image 19"×23-1/4"×1"(48.3cm×59.1cm×2.5cm), frame

Pace vertritt Lynchs bildnerisches Werk international und präsentiert in Berlin eine Auswahl, die von frühen Kurzfilmen bis zu späten Arbeiten aus dem Jahr 2022 reicht. Die aktuelle Schau fungiert zudem als Prolog: Sie bereitet den Boden für eine monumentale Retrospektive seines Lebenswerks, die im Herbst 2026 in der Pace Gallery in Los Angeles eröffnet wird. In Berlin zeigt Pace nun die intime, materiell fokussierte Seite eines Künstlers, dessen Einfluss auf die zeitgenössische Ästhetik kaum zu überschätzen ist.

Pace Gallery Berlin
Die Tankstelle,
Bülowstraße 18,
10783 Berlin
https://www.pacegallery.com/exhibitions/david-lynch-berlin/

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