Giampiero Tagliaferri designt Serie „Laurel" für Minotti
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Form follows Freigeist: Für Minotti definiert Giampiero Tagliaferri den Clubsessel neu

Mit der Sitzmöbelkollektion „Laurel“ fordert Giampiero Tagliaferri die Möbelmanufaktur von Minotti heraus. In dem so lässig anmutenden Sessel treffen Verfahren zur Holzverformung, fortschrittliche Fertigungstechnologien, Polsterhandwerk und Sattlertradition aufeinander.
Text Markus Hieke
Datum25.06.2026

Es scheint ganz so, als versuche Giampiero Tagliaferri seiner Sitzmöbelfamilie „Laurel“ gleich drei Dinge auf einmal einzuhauchen: zum einen eine fast formelhafte italienische Grandezza, zudem das Gespür der Mailänder Modewelt für edle Details und obendrein jene gediegene Coolness, wie man sie weniger aus Italien kennt als vielmehr mit so manchem kalifornischen Mid-Century-Klassiker verbindet. Hier das Dolce Vita in kompromissloser Reinform, dort die einladende Großzügigkeit, die an ein unbeschwertes Glamourleben in den Hollywood Hills denken lässt. Gestaltet hat der Designer die Möbelserie für Minotti. Es handelt sich dabei um die Fortführung einer noch jungen Kollaboration, mit der das italienische Unternehmen nach dem Tod des langjährigen Kreativdirektors Rodolfo Dordoni im Jahr 2023 neue Designperspektiven auslotet und Stimmen wie ihn oder auch den Südtiroler Designer Hannes Peer zu Wort kommen lässt. Anders als bei Peer, der sich längst einen Namen im Metier gemacht hat, wunderte man sich bei Tagliaferri bis vor Kurzem – Giampiero wer?

Mit dem Sessel „Laurel“ für Minotti spielt Giampiero Tagliaferri auf kalifornische Mid-Century-Ikonen an. Betont lässig wirkt, wer sich in der Version aus cognacfarbenem Leder und Bouclé-Stoff niederlässt

Karrierewechsel mit Gewinn

Dabei ist auch er wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Seine Karriere startete der Mittvierziger, der in Bergamo aufwuchs und lange in Mailand lebte, in der Finanzwelt. Im Grunde aber hatte er sich schon immer zum Design und der Architektur hingezogen gefühlt, wie er gern erzählt. Also wechselte er zunächst die Branche. Zuletzt verantwortete er als Kreativdirektor beim Luxusbrillenlabel Oliver Peoples in Los Angeles das Marketing, die Produktentwicklung und auch die Einrichtung von Boutiquen weltweit. Weil seine Leidenschaft dabei vor allem dem Räumlichen galt, sattelte er 2021 erneut um und gründete sein eigenes Studio für Interior Design. Für das Fachliche nahm er sich wiederholt die ganz Großen zum Vorbild: Carlo Scarpa etwa, Gio Ponti oder Gae Aulenti, die mit ihren Theaterszenografien seinen Sinn für narrative Raumerfahrungen prägte. Mittlerweile kann sich Tagliaferri, der regelmäßig zwischen seinem Studio in Los Angeles und einem weiteren Büro in Mailand pendelt, kaum vor Architektur- und Interior-Anfragen retten. Carolina Cucinelli, Tochter des Modemachers Brunello Cucinelli, klopfte bereits bei ihm an, genauso wie die gehypte italienische Restaurantkette Sant Ambroeus. Minotti wurde auf ihn aufmerksam, kurz nachdem er den neuen Store von Oliver Peoples am Mailänder Corso Venezia einweihte.

Clubsessel neu interpretiert

Begeistert vom Look der Boutique, den man als Ode an die eleganten italienischen Wohninterieurs der 1950er-Jahre – inklusive Marmorboden und aufwendiger Tischlerarbeiten – verstehen darf, arrangierte man ein Kennenlernen. Aus dem Treffen erwuchs eine Kollaboration, die Minotti und Giampiero Tagliaferri mittlerweile im dritten Jahr fortführen. Auf dem Salone del Mobile 2025 präsentierten sie sich mit einem Bravourstück des italienischen Möbelhandwerks: der Kollektion „Laurel“. Dazu gehört neben einem Loungechair auch ein Esszimmerstuhl. Vor allem am Sessel lässt sich ablesen, wie sich erstklassiger Sitzkomfort mit einer zeitlosen Interpretation von gediegenen Clubmöbeln verbinden lässt und wie dabei höchstes Manufakturverständnis mit technologisch anspruchsvollen Verfahren zusammenspielt. Tagliaferri ist es hier sichtlich gelungen, die stilistische Identität und die verschiedenen Fertigungskompetenzen der Marke in einem Produkt zu vereinen. Die hochmoderne Holzbearbeitung am Hauptsitz von Minotti in Meda gehört dazu ganz genauso wie die Sattlerei und die Polsterei. 

Getragen wird der Sessel von einem Sockel aus vier gebogenen Metallprofilen, erhältlich in den Finishes Chrom oder Black Coffee. Drehbar ist darauf die Sitzschale aus dreidimensional formgepresstem und anschließend per CNC-Fräse vollendetem Sperrholz montiert. Es gibt sie wahlweise mit einem edlen Echtholzdekor – in den Oberflächenausführungen Nussbaum, Santos Palisander sowie gebürstete Esche – oder umhüllt mit zartem Leder. Minotti lässt hierfür die Wahl zwischen den drei Lederqualitäten Aspen, Big Sur und Carmel. Zarte Steppnähte rahmen die Lederhülle, besitzen allerdings keine konstruktive Funktion, sondern gelten als Reminiszenz an das italienische Lederhandwerk, wie man es insbesondere aus der Herstellung luxuriöser Handtaschen kennt. Unterhalb der sichtbaren Lederoberfläche bringt Minotti noch eine weitere Lage aus regeneriertem Leder, einem sogenannten Salpa-Leder, auf und sorgt damit für eine griffige und zugleich auch weichere taktile Erfahrung.

Individuell ab Stückzahl eins

Die Sitz- und Rückenkissen mit ihren markanten Kedernähten werden lose in die Sitzschale hineingelegt. Dank einer rutschhemmenden Unterseite bleibt das Sitzpolster sicher in der Schale liegen. Für den gewünschten Komfort wird es im Innern aus Schäumen in unterschiedlichen Härtegraden konstruiert. 

Ein Lederriemen, der mithilfe von Metallnieten auf beiden Seiten der Sitzschale fixiert wird, hält die Rückenlehne in Position – bei den Holzausführungen ist es ein Band in der Farbe und Materialität des jeweiligen Polsterbezugs. 

Für den Bezug des Sitzpolsters, der Rückenlehne sowie der üppigen Armauflagen bietet der Hersteller eine Auswahl an Textilien und Farben an. Auf Wunsch kann der Loungechair vollständig in Leder ausgeführt werden. Möglich ist das nur, weil das Unternehmen konsequent auf eine handwerkliche Einzelanfertigung setzt. Auch die Regionalität spielt hierbei eine wichtige Rolle: Alle verarbeiteten Komponenten stammen aus Handwerksbetrieben, die wie Minotti in der Brianza beheimatet sind, einer mit der Möbelproduktion untrennbar verbundenen Region Italiens. 
Zugleich ist es die jahrzehntelange Erfahrung in der Möbelentwicklung, die ein Produkt wie den „Laurel“-Sessel überhaupt erst möglich macht. Erkenntnisse, die Minotti zuvor aus der Entwicklung mehrerer Sitzmöbelprogramme – darunter des „Connery“-Sofasystems – gewonnen hatte, halfen so beispielsweise dabei, den Designprozess in diesem Fall entscheidend zu verkürzen. 

Davon profitiert letztlich nicht nur die Marke, die sich gerade neu erfindet, ohne dabei ihre historisch gewachsene DNA über Bord zu werfen. Auch der Neuling des Fachs, Giampiero Tagliaferri, darf sich somit gewiss sein, dass seine Visionen mit kompromissloser Hingabe Gestalt annehmen.

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