Outdoor
Outdoor

Lur von Iñigo Segurola: Ein Garten im Reich der blühenden Sinne

Sein Ei des Kolumbus ist grün und wächst. Im Garten Lur des baskischen Landschaftsarchitekten Iñigo Segurola zieht sich die ovale Form durch ein Labyrinth aus fantasievollen Landschaftsräumen und intensiven Farbspielen.
Text Jutta Christoph
Datum27.01.2023
Aufheller: In einem gemischten Beet mit Purpur-Sonnenhut setzt Weißgestreifter Kalmus Variegatus mit seinen grün-weiß gestreiften Blättern lichte Akzente.

Es glich einer "Bruchlandung", sagt Iñigo Segurola. Der Gartenarchitekt blickt auf acht Jahre zurück, in denen er ungezählte Arbeitsstunden und viel Ehrgeiz investiert hatte, um ein zwei Hektar großes Naturgrundstück nahe der baskischen Stadt San Sebastián in ein fantasievolles Gartenreich zu verwandeln: "Die Mühe war es wert, aber ich war mit meinen Kräften am Ende." Aus der anstrengenden Zeit zog Segurola die Konsequenz: Perfektionismus lohnt sich nicht im Gartenbau. Der leidenschaftliche Gestalter setzt seitdem vor allem auf Hingabe und Beobachtung: "Pflanzkombinationen, die nicht funktionieren, entferne ich heute sofort, statt lange herumzuexperimentieren." Und seit er sein Anwesen öffnete und Interessierte in dreistündigen Führungen durch den Garten Lur begleitet, genießt er dessen "unglaubliche Schönheit" noch mehr.

Grüne Architektur: Das Landschaftsarchitekturbüro fügt sich mit dem begrünten Dach unauffällig in den Garten ein. In eiförmigen Zementcontainern wächst Zwerg-Klebsame Nanum, in Töpfen vor dem Studio blüht rote Montbretie Lucifer.

Lur von Iñigo Segurola: Zwischen wilder Prärie und Zengarten 

Das Grundstück liegt in einem ländlichen Tal von Oiartzun, zwölf Kilometer von San Sebastián entfernt, im nordöstlichsten Zipfel Spaniens. Iñigo Segurola wuchs hier auf. Eigentlich hatte der gelernte Landschaftsgärtner vor, nach Studienjahren in Edinburgh in die USA auszuwandern. Doch in der Ferne wurde ihm vor allem eines bewusst: "Ich wollte lieber meine Erde beackern." Ein Name für sein Gartenarchitekturstudio war schnell gefunden: "Lur", baskisch für Erde. Der Garten von „Lur“ startete zunächst als Experimentierfeld, auf dem Iñigo Segurola unterschiedliche Bepflanzungen ausprobierte. Präzise Farben, Texturen und Formen rückten erst später in den Mittelpunkt. Zunächst entstand ein luftiger, rechteckiger Glasbau mit Studio und Gewächshaus.

Runde Sache: Aus der Vogelperspektive treten die Eiformen, die den Garten dominieren, deutlich hervor. Mehr als 1800 Buchen bilden die Hecken, sie fassen die unterschiedlichen Pflanzbereiche ein – vom Big-Leaf-Garten bis zur Präriewiese.

Die übrige Fläche des Grundstücks begann er durch parallele Linien und quadratische Pflanzbereiche zu strukturieren. Gartendesigner Juan Iriarte, sein ehemaliger Geschäftspartner, schlug vor, den Grundriss durch ovale Formen zu ergänzen. Nach diesem "Konzept des Spiegeleis" übertrug Iñigo Segurola die Ellipsenform in verschiedenen Maßstäben auf Grünflächen, Teiche, Beete, Pflanztöpfe und sogar die Dachbegrünung des Büros.

Signalrot: Rispiger Fuchsschwanz blüht von Juni bis Oktober, die purpurne Blütenfarbe bleibt nach dem Verblühen erhalten. Seine tiefroten Blätter sorgen für den exotischen Charakter des aus Südamerika stammenden Gewächses.

Lur von Iñigo Segurola: Ein organisches Labyrinth

So entstanden 16 höchst unterschiedliche Gartenräume. Diese zu erkunden, gleicht einer Reise durch ein organisches Labyrinth. Startpunkt ist das Studio, wo kleine und große Topfpflanzen die Fassade schmücken und die Sinne mit intensiven Farben von Tiefrot bis Kastanienbraun beleben. In ovalen Pflanzcontainern aus Zement gedeiht der Zwerg-Klebsame Nanum, sein starker Blütenduft steigt angenehm zu Kopf. Hinter einer Reihe japanischer Ahornbäume öffnet sich der Vorplatz auf eine Wiese, die "Pradera". Als Hommage an die atlantischen Prärien wechseln sich Schneisen aus gemähtem Gras mit eiförmigen Flächen aus hohem Gras und Wildblumen ab. Ein rundes Wasserloch fügt sich perfekt ins Muster ein. Iñigo Segurola erklärt, dass hier unterirdische Quellen Wasser nach oben drücken und einen natürlichen Teich entstehen lassen würden. "Für einfühlsame Seelen", ergänzt er, "ist es ein Kanal ins Innere der Erde, der eine Tür zu unseren Emotionen öffnet."

Schattenkinder: Am Rand des Eichenwäldchens flammen Rottöne aus grünen und kastanienbraunen Blättern empor. Rindenmulch bedeckt die Böden der Beete und säumt die Graswege. Auch wenn pro Jahr rund 1800 Liter Regen im Tal fallen, wird der Garten fast. ganzjährig von Hand bewässert

Mammutblätter und Elefantenohren im Garten Lur von Iñigo Segurola

Bei Führungen werde ihm bestätigt, dass der Garten Lur eine transformative Wirkung ausübe, erzählt Iñigo Segurola stolz. Besonders nachhaltig ist die Wirkung, wenn man von der weiten Wiese übertritt in die verschlungenen, paradiesisch anmutenden "Feuchtgebiete", wie das Areal der Schwemmlandterrassen heißt. Ein natürlicher Wasserlauf so für ein fast tropisches Klima und bringt in diesem Mikrokosmos eine reiche Fauna hervor. Über den Köpfen erhebt sich das Blätterdach einer Mexikanischen Sumpfzypresse, in zwei Teichen schwimmen Seerosen und Lotusblumen, über dem Wasser hüpfen Frösche, surren Libellen. Mit üppigen Blüten in Pink, Rosa und Weiß zieht eine große Sammlung von Prachtspieren die Blicke auf sich. Eine Kurve weiter schreitet der Mensch im "Garten der großen Blätter“ zwergengleich durch ein Reich von Riesen, das von Japanischen Faserbananen, Mammutblättern, Blauglockenbäumen und wuchtigen Elefantenohren bewohnt wird. 

Spiegelkulisse: Am Rand des Bachlaufs dominieren exotisch anmutende Uferpflanzen wie der Reispapierbaum und das Riesenblättrige Pfeilblatt mit großen herzförmigen Blättern. Den Hintergrund bilden Taxodium distichum Cascade Falls, eine weinende Form der Laubkonifere. Reservierung Gartenbesuch unter lurgarden.eus

Tritt man aus dem dichten Blätterwerk hervor, öffnet sich mit Wow-Effekt der "Spiegelgarten". Ein märchenhafter Teich, tief und groß genug, um darin zu schwimmen. Wasser spielt in Gärten eine wichtige Rolle, es reflektiert nicht nur die Silhouetten von Blättern, Gräsern und Bäumen, in der japanischen Kultur spiegelt sich im Wasser auch die Seele wider. In "Lur" verdoppeln sich darin die reichen Farben und Strukturen der umliegenden Staudenbeete. Schlitzblättriger Sonnenhut Juligold und Hohe Goldgarbe Helio blühen noch im Spätsommer mit vereinten Kräften und bilden prächtige Farbkuppeln. Das gelbe Thema wird vom Laub der Buntnessel Golden Bedder verstärkt, während kriechendes Pfennigkraut Aurea für einen weichen Übergang zwischen Beet und Rasen sorgt.

Zum Meditieren in den Moosgarten

Knallig soll der "Garten der Extravaganz" wirken. Segurola: "Hier sind alle Pflanzen mit schrillen und untypischen Farben willkommen." Zentrales Element im kreisförmigen Areal ist ein schwarzes Wasserbecken. Ein Wunderbaum imponiert mit violett glänzenden Blättern und rotgelben Blüten, nebendran erstrahlen in Rosa und Pink der Riesenhibiskus Luna Red und Impatiens Neuguinea. Über das Beet verteilt ragen die Prachtspieren Purpurlanze in den Himmel, ihre magentafarbenen Blüten haben sich bereits in leuchtende Blütenrispen verwandelt. Nach so viel Farbenpracht wirkt der Besuch im "Moosgarten" wie eine grüne Meditation. Er befindet sich im schattigsten und feuchtesten Teil des Gartens und ist eine freie Interpretation japanischer Tempelgärten.

"Die spiegelnde Oberfläche des Wassers verstärkt die Illusion von Raum. Ein Teich lässt Gärten größer erscheinen, als sie tatsächlich sind."
Iñigo Segurola
Magisches Dunkel: Violette und schwarze Töne geben dem "Garten der Extravaganz" etwas Geheimnisvolles. Um das ovale, mit Wasser gefüllte Betonbecken leuchten Prachtspieren, Amerikanisches Mädesüß, Hortensien und Fuchsschwanz.

Schwarze glänzende Steine dienen als Tritte zwischen den moosbedeckten Felsen. Verschiedene Arten von Laubmoosen gedeihen auf Filzdecken, die das Wasser speichern und wenig Unkraut hochkommen lassen („äußerst pflegeleicht“). Der angrenzende „Juragarten“ ist von prähistorischen Zeiten inspiriert, als Pflanzen noch nicht den großen evolutionären Schritt der Vermehrung von Blütenpflanzen durch Sporen vollzogen hatten. Zur ausgefallenen Sammlung gehören verschiedene Koniferen, Farn und Schachtelhalm Arten, die aus oval geformten Steinhügeln herauswachsen. Segurola stapelte sie von Hand mit Steinen des Grundstücks.

Hortensien erscheinen im neuen Licht in Lur von Iñigo Segurola

Fragt man den Gartenarchitekten nach seinem Lieblingsort, führt er die Besuchergruppe mit einem Lächeln in den "Hortensiengarten". Verschiedene Sorten in Weiß und Blau bilden ein Blütenmeer, das von Juni bis Oktober leuchtet. Iñigo Segurola spricht über die "Würde der Hortensie", er möchte die Bauerngartenpflanze von ihrem kitschigen Image befreien: "Klug eingesetzt entfalten Hortensien in nordischen Gärten noch immer eine große Wirkung.“ Die schrillen Blautöne seiner Lieblinge gehören zu den lokalen Besonderheiten an der baskischen Küste. "Unsere Erde", sagt Segurola, "ist von Natur aus sauer, daher können die Pflanzen ihr Aluminium leicht aufnehmen."