Miami Vibes

Wer bei dieser Stadt nur an Beach denkt, verpasst das meiste. In Miami boomt die Kunst-, Design- und Architektur-Szene. Auf Stimmungs-Fang in einer Metropole mit vielen Gesichtern

Der Strand ist weiß und weit, der Atlantik rauscht in fotogenem Ozeanblau heran. In Miami Beach kann man es ziemlich gut aushalten. Auch wenn entlang der Küste im Minutentakt Flugzeuge knattern, die Werbebanner hinter sich herziehen, teils mit etwas absonderlichen Vorschlägen, wie einem geselligen Abend mit Schnellfeuerwaffen am Schießstand. Ist eben Amerika. Streng genommen ist es allerdings nicht mal Miami. Bei Miami Beach auf der lang gestreckten Insel zwischen der Biscayne Bay und dem Atlantischen Ozean handelt es sich um eine eigene Stadt. Aber man sollte auch nicht zu päpstlich sein. Eigentlich ist Miami gar nicht wirklich Amerika. Eher die größte kubanische Gemeinde nach Havanna. Jedenfalls sprechen hier deutlich mehr Menschen Spanisch als Englisch. Im Verhältnis zwei zu eins etwa. Einige sind aber auch in beiden Sprachen zu Hause. Man verständigt sich.

Die Hispanos stammen nicht nur aus Kuba, sondern auch aus Nicaragua, Honduras, Kolumbien, Mexiko, viele sind geflüchtet, nicht alle leben legal hier. Nicht wenige schlagen sich mit schlecht bezahlten Jobs durch. Die Preise fürs Bier in Miami Beach können sie sich keinesfalls leisten. Zum Glück wird das mit jedem Kilometer Entfernung von der Küste Dollar um Dollar billiger. Deshalb löschen die meisten in strandfernen Bars ihren Durst.

Manche Kubaner können sich dagegen jede Art von Drink leisten – auch in Miami Beach. Die Kunstszene ist durchdrungen von Arbeiten, Künstlern und Sammlern, deren Herkunft der nahe gelegene kommunistische Inselstaat ist. Und das Geschäft mit den exotischen Werken läuft ausgezeichnet in Miami. Ist quasi ein Heimspiel.

Alexandre Arrechea ist einer der Stars der Szene. Zumindest ganz dicht davor, einer zu werden. Kreativ, eloquent, bestens vernetzt. Und ein Showtalent. „Show gehört zum Geschäft“, sagt er. Sachlich, nicht enthusiastisch. „Ich gehöre eigentlich mehr ins 20. Jahrhundert. Nicht ins 21.“ Früher war das Studio des Künstlers seine Privatsphäre. Heute, im überhitzten Kunstmarkt, wollen die Sammler den Künstler im Studio besuchen. „Ist mehr eine Privatgalerie“, seufzt Arrechea unter seinem auffälligen Afro-Look, lässt sich aber den Spaß nicht verderben. Ihm gefällt die Idee fürs Fotoshooting – dass er sich quasi selbst prügeln soll.

Zwischendurch zeigt er eine Auswahl seiner Werke. Metamorphosen von bekannten Bauwerken zum Beispiel: das Empire State Building in Form des Pentagon. Das Chrysler Building, das sich mit der Spitze selbst in den Schwanz beißt. Seine Fantasie beschäftigt sich damit, was passiert, „wenn Architektur menschlich wird“. Wenn sie transformiert wird von den Bewohnern. Wenn der Markt den Wert der Immobilie verändert, das Bauwerk aber physisch dasselbe bleibt. Arrechea ist, seiner heutigen Frau folgend, von Kuba nach Madrid gegangen und in Miami gelandet, „weil es auch praktisch ist: Ihre Familie lebt hier.“ Er lässt sich kaum festlegen: Sein Werk umfasst Skulpturen, Installationen, Gemälde, Mini-Architektur, Video-Kunst. Vieles kreist um das Thema Überwachung. Die Heimat lässt grüßen.

Die gleiche Heimat hat Ella Fontanals-Cisneros, eine der, wenn nicht gar die bedeutendste Sammlerin vor allem lateinamerikanischer Kunst. Heute schwebt sie zwischen Madrid (Markt und Messe), Miami (Markt und ihre Foundation) und St. Moritz (Auszeiten) hin und her. Zufällig in Florida, empfängt sie die Besucher in ihrer Villa im Stadtteil Coral Gables. Hier, etwas südlich von Downtown, wurde Miami zuerst besiedelt, kurz bevor es 1896 mit 300 Einwohnern offiziell zur Stadt ernannt wurde. Der Sunrise Drive lässt leise ahnen, warum dieser Platz gewählt wurde. Direkt am Ozean gelegen, hoch genug, um nicht bei jedem Hurrikan überflutet zu werden und jeden Morgen begrüßt von einem entzückenden Sonnenaufgang – der Straßenname sagt es.

Die Villa und ihre spektakuläre Lage weiter zu beschreiben ist kaum möglich, weil die Kunst die gesamte Aufmerksamkeit erfordert. Das Haus ist beeindruckender bestückt als viele renommierte Museen. Im Eingang wird man von einem riesigen, runden lilafarben lackierten Stahlspiegel empfangen – ein Objekt des indischen Superstars Anish Kapoor. In der Küche hängt ganz beiläufig ein Donald Judd, im Familienzimmer steht eine Skulptur von Ólafur Elíasson, in der Bar ein LED-Schriftwerk von Jenny Holzer. Das Namedropping könnte lässig weitergehen: Damien Hirst, Tom Sachs, William Kentridge – die internationale Art-Aristokratie ist vertreten. Unterfüttert werden die Werke von Arbeiten herausragender lateinamerikanischer Künstler, die durch die Hängung hier zu besonderen Ehren gelangen. „Die Villa ist natürlich Showroom für meine Sammlung, aber ich lebe hier auch ganz normal.“ Die Haushälterin bringt das Frühstück. Ein Gast sitzt mit am Tisch. Miss Fontanals-Cisneros macht Geschäfte.

Geschäfte sind ein gutes Stichwort, wenn man auf Craig Robins zu sprechen kommt. Der 55-Jährige ist Geschäftsmann. Immobilien sind sein Metier. Aber mit Vision. Erste Meriten verdiente er sich, weil er früh in den Art-déco-District in Miami Beach investierte, als dieser in den 80er-Jahren ziemlich heruntergekommen und vom Abriss bedroht war. Er kaufte, restaurierte und verkaufte dort besondere Bauwerke – „entwickelte“ ist wohl der Fachbegriff dafür. Jedenfalls ist das Viertel, auch ein bisschen dank Robins Engagement, heute Weltkulturerbe.

Noch größer ist Craigs Verdienst auf dem Festland. Hier hat er ein ganzes Quartier, ebenfalls ziemlich verwahrlost, kurzerhand aufgekauft. Er hatte einen Plan: Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin Ambra Medda, einer Design-Beraterin, lotste er 2002 die Art Basel nach Miami und dockte drei Jahre später die Tochtermesse Design Miami an. Beides fand in den ersten Jahren in jenem Viertel statt, womit bei international erfolgreichen und beliebten Labels ein erhebliches Interesse geweckt wurde, sich in diesem Umfeld anzusiedeln. Der „Design District“ erblühte.

Heute ist die Gegend zwischen der 36th und 43rd Street im Süden und Norden und der 1st Avenue und dem Biscayne Boulevard im Osten und Westen quasi eine Open-Air-Installation für Design, Kunst und Architektur – zum Anfassen. Über 130 Galerien, Studios und Kunsträume. Zahlreiche Bars, die Restaurants von Michael Schwartz und Michelle Bernstein, den angesagtesten Chefs der Stadt, sowie ein Café, das Popstar Pharrell Williams betreibt. Vor allem aber ein Shopping-Paradies der besonderen Art: Alle Labels, die sich hier ansiedeln durften (es stehen permanent 20 bis 30 Hochkaräter auf der Warteliste), mussten und haben sich denn auch aufsehenerregende Shop-Konzepte teils von internationalen Stararchitekten realisieren lassen. Da kann man leicht das Einkaufen vergessen. Auf einem belebten Platz, dessen Zentrum ein gläserner Kugelpavillon des visionären Konstrukteur-Genies Buckminster Fuller besetzt, bietet sich eine Schaukelgruppe mit Gitterstrukturen in Sesselform zum Päuschen an. Wava Carpenter nimmt das Angebot gern an. Sie war Kuratorin für die Messe Design Miami, enge Mitarbeiterin von Ambra Medda, also auch von Craig Robins. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass die Schaukeln dort stehen, weil sie Konstantin Grcic als Designer des Jahres nach Miami geholt hatte und der die Installation hinterließ – als eine Art Dankeschön.

Wava schätzt den Design District als kulturelles Ereignis, „obwohl ich hier nicht sehr oft zum Shoppen bin. Nicht meine Liga“, schmunzelt sie. Dafür ist sie oft im Institute of Contemporary Art (ICA) – gegenüber einem der spektakulärsten Parkhäuser Miamis, dessen Fassadengestaltung zwischen Pop-Art und Größenwahn changiert. Ein Eyecatcher allemal. Doch auch die Metallstruktur auf der Front des ICA kann sich sehen lassen. Wava schreibt gerade für den Katalog einer großen Ausstellung über den bekannten italienischen Designer Ettore Sottsass. Vintage-Design ist ihr Spezialgebiet. Hauptberuflich arbeitet sie als Kuratorin und Kreativ-Chefin der Online- Plattform Pamono, die international die besten Stücke aufspürt und anbietet.

Die Frau ist ein Kind Floridas, kennt hier fast jede Ecke. Sie liebt die Stadt mit all ihren Ungereimtheiten. Natürlich, sagt sie, müsse man sich unbedingt im Nachbarviertel Wynwood einfach mal treiben lassen und die kraftvolle Street-Art genießen, die dort kaum ein Haus unberührt lasse. Dazwischen findet man coole Hipster-Cafés, Burger-Bratereien und die angesehene Rubel Collection, Museum für die Sammlung einer der reichsten Familien der Stadt.

Wava Carpenter gibt noch zwei Empfehlungen: Einen ehemaligen Vogelpark auf Key Biscayne, der Insel südlich von Miami Beach, wo sich Nachfolger der freigelassenen Piepmätze immer noch wohlzufühlen scheinen. Und auf dem Festland, kurz vor der Überfahrt zum Vogelpark, eines der ältesten Gebäude der Stadt, die Villa Vizcaya. Erbaut wurde sie von einem Chicagoer Geschäftsmann als Urlaubsdomizil – im historisierenden Stil mit venezianischer Komponente. Wer hierher kommt, vergisst schlagartig, dass er in Miami ist.

Aber es dauert nur eine gute Viertelstunde (außerhalb der Rushhour), um über die nächstgelegene Brücke dorthin zu gelangen, wo Miami nicht mehr es selbst sein könnte: In den Art-déco-District von Miami Beach. Bunt, fröhlich, stylish, mondän. In bester Partylaune direkt am Meer, erfunden in den 30er-Jahren für den gehobenen Müßiggang. Im damals gerade modernen Art déco errichtet, ist es heute für Touristen aus aller Welt der Sehnsuchtsort für ein paar Wochen. Eine Kulisse, vor der es sich eine Zeitlang ziemlich gut aushalten lässt.