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Berliner Kreative aus Design, Interieur und Architektur

Breite Gehwege, Brandwände und Brachflächen: Berlin gilt als das Epizentrum urbaner Metamorphosen und ewiger Verwandlung. Kaum eine andere Stadt bietet eine vergleichbare Freiheit mit so vielen verschiedenen Spielräumen. Doch die Metropole ist inzwischen erwachsener geworden. Was die Gestaltungsszene bewegt, zeigen Berliner Kreative aus Design, Interieur und Architektur – von Neukölln über Charlottenburg bis nach Tegel.
Text Jeanette Kunsmann
Datum13.12.2022
Chinesische Kunst: John Pawson und Realarchitektur haben 2016 den Telekommunikationsbunker am Halleschen Ufer für die Feuerle Collection umgebaut

Der Flughafen Tegel bleibt nicht nur für viele Berliner ein sentimentaler Ort. Hier haben Reisen komfortabel begonnen und ein gutes Ende gefunden: mit dem kürzesten Weg vom Taxi durch Sicherheitskontrolle und Gate direkt ins Flugzeug. Werner Aisslinger und Tina Bunyaprasit schwelgen lieber nicht in Nostalgie – sie machen. Gerade transformiert das Studio Aisslinger in Kooperation mit Graft das denkmalgeschützte Luftfrachtterminal in einen neuen Ort für Nachhaltigkeit und urbane Technologien. „TXL.GUT“ heißt das Projekt, passend zum Namen des Auftraggebers GUT green innovations. Dahinter steht eine bunte, interdisziplinäre Gruppe, die Bestand mit zukunftsfähigen und nachhaltigen Nutzungen wiederbeleben will. Der Unternehmer Marc Bernath, die Grafikdesignerin Eilika von Anhalt, die Rechtsanwältin Andrea Meinhold, der Diplom-Physiker Alexander Voigt und Boden-Experte Sebastiaan Huisman wollen mit TXL.GUT einen temporären Vorzeige-Campus schaffen. Transformationen auf Zeit sind typisch Berlin.

Visionen für morgen: Das neue Futurium an der Spree unweit des Hauptbahnhofs ist für Werner Aisslinger ein spannender Ort, der sich intelligent mit Zukunft auseinandersetzt

Berliner Metamorphosen

Das ehemalige Rollfeld liegt in friedlicher Stille, das gleichmäßige Rauschen der Autobahn klingt weniger urban als meditativ. Zur Art Week 2022 im September wurden Frachthallen und Büroflächen als Ausstellungsorte zwischengenutzt, eine barrierefreie Rampe führt direkt ins Innere, wo seitdem ein kleiner Berliner Späti grüßt. Das Areal des Luftfrachtterminals ist eindeutig noch einer dieser Freiräume, für die Berlin schon immer so berühmt war. Und die neu gedacht und bespielt werden wollen.

In Berlin hat das Studio Aisslinger mit dem Michelberger Hotel in Friedrichshain oder dem 25hours Hotel Bikini am Zoo Spuren hinterlassen und viele in der Branche inspiriert. Gerade gestaltet das Studio den Shop der Berliner Philharmonie neu und transformiert die Rathenau-Hallen in Oberschöneweide in einen Campus mit Wohnungen für Studierende. Aisslingers Atelier ist schon durch diverse Kieze gezogen: Am Anfang residierte das Studio in Neukölln in der Schinkestraße, dann in Charlottenburg in der Leibnizstraße und später am Oranienplatz in Kreuzberg. Jetzt arbeiten das Designteam hinter dem Hauptbahnhof in der Heidestraße, mitten in einem der lebendigsten und auch von kontroversen Debatten geprägten Stadtentwicklungsgebiete.

Silent Green: Das Krematorium in der Gerichtsstraße in Wedding wird seit 2015 in einen freien Ort für Kultur und Kunst transformiert.

Markthallen und Mäusebunker

Vielleicht sind es gerade deshalb die Gebäude mit einst großen Visionen wie das ICC im Berliner Westend von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, der Umlauftank 2 von Ludwig Leo im Tiergarten oder gebaute Utopien wie der vom Abriss gerettete „Mäusebunker“ von Gerd Hänska auf dem Gelände der Freien Universität in Steglitz-Lichterfelde, die Bunyaprasit und Aisslinger in Berlin so begeistern. Außerdem lieben sie Orte wie die Markthalle Neun in der Eisenbahnstraße in Kreuzberg oder die Arminius-Markthalle in Moabit. „Die ist noch mehr Oma Krause und weniger Hipster wie die Markthalle Neun“, findet Werner Aisslinger.

Blaue Bäckerei: Der Raum als Skulptur – ein Farbspiel aus Lapislazuli-Blau und Licht hat das Architekturduo Gonzalez Haase AAS 2021 mit seinem unübersehbaren Interieur für die Brotmanufaktur AERA an den Rosenthaler Platz gebracht. Als Inspiration dienten Gemälde von Jan Vermeer

„Was wir generell an Berlin wertschätzen“, sagt Tina Bunyaprasit, „ist, dass es hier keine klaren Regeln gibt, aber immer noch viele Freiheiten.“ Die Designerin wohnt seit 2008 in der Hauptstadt. Werner Aisslinger ist seit 1987 in Berlin und erlebte die Stadt noch vor dem Mauerfall. Für beide bleibt Berlin immer unfertig und improvisiert. „Es ist irgendwie ein sympathischer Unprofessionalismus“, sagt Aisslinger grinsend. Aber vielleicht, und das ist die Hoffnung, könnte der ja genau dazu führen, dass Berlin zukunftsfähig bleibt.

Restaurantempfehlungen für Berlin von Werner Aisslinger und Tina Bunyaprasit

Hallmann und Klee

Sternküche in Neukölln: Sarah Hallmann und ihr Team kochen am Böhmischen Platz pur und ehrlich. Genauso ist auch die Einrichtung von Architekt Thomas Kupke.

hallmann-klee.de

 

Friedel Richter

Wer Senf-Eier, Blutwurst oder Roulade liebt, wird in der Torstraße 199 glücklich: Im Friedel Richter trifft Tradition auf junge Bio-Küche.

friedelrichter.de

 

Sale e Tabacchi

1996 wurden die Räume einer alten Druckerei am Checkpoint Charly von Max Dudler in ein italienisches Restaurant verwandelt, das alle lieben. Weil hier seit Jahren das gleiche Personal arbeitet, scheint die Zeit stehen geblieben.Ein Longrunner.

sale-e-tabacchi.de

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