Keramik für Sammler: Fat Lava

„Fat Lava“: Die westdeutsche Industriekeramik der Wirtschaftswunderzeit, führte bei uns lange ein Schattendasein. Jetzt wird sie im Netz von internationalen Sammlern entdeckt und gehandelt.

Ein dunkler Abend im März. Langeweile. Zeit für einen Ausflug ins Netz. E-Bay aufrufen: Fat Lava eingeben. Warten. Die Suchmaschine listet 1823 Ergebnisse auf. Wenige Gebote. Moderate Sofortkaufpreise. 20, 30, hin und wieder 70 Euro. Das ist es meist.

Die Keramik-Gefäße auf den E-Bay-Fotos sehen zum Gruseln aus. Schwarze Inkrustierungen überziehen etliche von ihnen. Die Glasur ist aufgequollen, als sei ein Feuersturm über den Ort gezogen, an dem sie entstanden. Ascheregen, Ölpest: Was hat ihnen oder ihren Erfindern zugesetzt? Unter den Pocken und Buckeln glänzen die Farben der Op-Art: Signalrot, Rettungsjackenorange, Kobaltblau und Fleischfresserpflanzengrün.

Die bizarren Stücke entstanden meist ohne Stempel und Marke in den 60er- und 70er-Jahren und ausschließlich in Westdeutschland. Ein Seriencode ist alles, was man manchmal findet. Ihr Name: Fat Lava Keramik ist keine kunsthistorische Stilbeschreibung, sondern die Wortschöpfung von Netz-Surfern – ein E-Bay-Suchbegriff. Er bezeichnet nicht nur die Gefäße mit der schwarzen Schmelzglasur, die aufgetragen und mit einem Bunsenbrenner erhitzt wird, bis sie Blasen schlägt, sondern den ganzen Bereich westdeutscher Industrie-Keramik aus der ungewöhnlich produktiven Zeit.

Trotzdem: wertloses Zeug. Der E-Bay-Flohmarkt ist voll von Strandgut aus den Haushalten. Nur wenige Menschen in Deutschland ahnen, welchen Reiz Fat Lava seit einigen Jahren bei Sammlern in England, Amerika und den USA ausübt. „99 Prozent der Gebote kommen von dort“, sagt Kevin Bülow, ein junger E-Bay-Händler aus Hildesheim.

Fat Lava - das Phänomen

Der Prozess verlief rasant und ist am besten an seinem Beispiel erzählt: Kevin Bülow arbeitet nach einer kaufmännischen Ausbildung zwei Jahre als E-Bay-Agent. Er beobachtet, was sich wirklich gut verkauft und macht sich 2006 selbstständig. Er gründet einen Shop, eine Internetgalerie (www.fatlava.de), konzentriert sich auf skandinavische Möbel und auf westdeutsche Industrie-Keramik: Ruscha, Otto, Scheurich, das sind die bekannteren Namen. Als er anfängt, gibt es circa 50 Einträge für die Vasen im Netz. Er kauft für ein, zwei Euro auf Flohmärkten, in Haushaltsauflösungen, den Internetauktionen und stellt die Sachen für 20 bis 30 Euro, manchmal mehr, wieder ins Netz. Die Adressen, die er auf seine Pakete schreibt, sind ausschließlich ausländische, stammen aus England, New York, oft gehören sie zu Galerien in Brooklyn, manchmal ist ein australischer Ort dabei.

Aus der Erscheinung wird ein Trend. In der Fachzeitschrift „20th Century Ceramics“ erscheint ein Sachartikel. Das King’s Lynn Arts Centre Norfolk macht eine Ausstellung. Ein Handbuch erscheint. Nicolas Trembley, Kunstkritiker und Kurator der großen Schweizer Syz-Sammlung stellt in kürzester Zeit eine Kollektion von 150 Vasen zusammen, „keine teurer als 25 Dollar“, die er in Genf, Köln und Paris, dort in der renommierten Galerie Kreo zeigt. Für ihn ist es ein Test dafür, wie sich eine Sammlung aufbauen lässt. „Es sind hässliche deutsche Vasen. Doch wenn man sie richtig aufstellt, werden sie zu schönen Skulpturen. Das ist demokratisch.“

Und noch etwas steckt dahinter: ein Phänomen, hervorgerufen durch den gigantischen im Internet ausgebreiteten Markt der Dinge – das Sammeln im Domino-Takt. Man nimmt einen Gegenstand, es könnten Albrecht Dürers „Betende Hände“ als Wandteller (Kupfer, Email, Zinn, Keramik) sein, Garderobenhaken von Walter Bosse (Messing, kultig, 50er-Jahre) – oder Fat Lava und startet. Untergruppen werden gebildet: rote Vasen, grüne Vasen, Montignac-Dekore (nach den Höhlenmalereien von Lascaux), nur solche mit Loch, die Chimney-Pieces – oder Silberdistel-Keramik „mit der fettesten Fat Lava, die man sich vorstellen kann“. Man sucht, sortiert, übt die Regeln der Mengenlehre. Untergruppen, Übergruppen, überschneidende Gruppen. Der spielende Mensch ist auch der wissenschaftliche.

Also: E-Bay aufrufen, Suchbegriff eingeben, bieten.

Langsam. Mit Bedacht. Was drei Euro kostete, liegt mitunter bei 30 Euro. Der hohe Reiz, aus wertlosen Fundstücken etwas Neues zu machen, hat Spürnasen angelockt. Sie durchforsten die Einstellungen, sortieren vor, stellen wieder ein. Der Markt breitet sich aus. Doch das Feld dieser Keramik ist groß und bietet ungeahnte Möglichkeiten. Der besondere Charme: Man hängt sich nicht an seine Schätze, sondern bewegt sich mit. Sammeln, freuen, wieder einstellen. Kevin Bülow tippt für die Zukunft auf Relief-Keramik – und auf Studiostücke.