Future Briefings
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Autarke Wohnviertel: Osnabrück schreibt mit Lok-Viertel Zukunftsgeschichte

In Osnabrück entsteht eine autarke, klimaneutrale Zukunftsstadt, in der an künstlicher Intelligenz geforscht wird und innovative, nachhaltige Konzepte in der Praxis erprobt werden.
Text Peter Würth
15.12.2022

Bahnhöfe liegen naturgemäß meist mitten in der Stadt, Lokschuppen und Güterbahnhöfe nebenan. Mit dem Wandel der Bahn wurden in guten bis besten City-Lagen große Grundstücke frei, die die Eisenbahner nicht mehr brauchten. Ähnliches wie vor zwanzig Jahren in den Häfen von London, Kopenhagen oder Hamburg passiert inzwischen auch auf den Bahngrundstücken zwischen stillgelegten Gleisen und Signalanlagen: Entwicklungsprojekte und Spekulation nehmen Besitz vom Areal. Zwischen den Büschen werden Claims abgesteckt. Die Stadtplanung hechelt meistens hinterher und versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Genau vor diesem Szenario stand auch Osnabrück, als das Gebiet um den Güterbahnhof und den Ringlokschuppen frei wurde. 20 Jahre lang lag das 22-Hektar-Gelände brach. Eine große Wunde in der Stadtentwicklung. Glücksritter und sogar eine Religionsgemeinschaft rangelten um das Filetstück, das der Stadt sehr am Herzen lag, ist es doch nur wenige Gehminuten von der Innenstadt entfernt. 

Den Unterschied zu anderen Städten machte hier ein "Weißer Ritter", der in Gestalt der Aloys & Brigitte Coppenrath Stiftung (richtig, den Namen kennen Sie von den Torten aus dem Kühlregal) nach langen Verhandlungen als Vorhabenträger und Mentor das Areal übernahm. Mit gutem Ruf, Fantasie, Beharrlichkeit und besten Kontakten entwickelte die Stiftung unter dem Vorsitzenden Professor Felix Osterheider für das Lok-Viertel den Plan eines Maßstäbe setzenden, innovativen und weitgehend autarken, urbanen Quartiers.

Leuchtturm der Wissenschaft

Grüner Mittelpunkt: Der Green Loop, 43 000 Quadratmeter Grünfläche mitten im Viertel, sorgt für Lebensqualität, spendet Schatten, nimmt Regenwasser auf.

Nukleus des 1,8-Milliarden-Euro-Projekts ist das Coppenrath Innovation Centre (CIC) im ehemaligen Ringlokschuppen, 1913 erbaute und denkmalgeschützte Industriearchitektur. Als Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (KI) soll das CIC, das im Frühjahr 2023 von den ersten Forschenden bezogen werden wird, Impulsgeber und ein Leuchtturm der KI-Wissenschaft sein. Rund um das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) als Ankermieter gruppiert sich ein Modellquartier und Hub für Innovation und Gründergeist. 

Exzellente Wissenschaftsteams, Studierende, Unternehmen, Start-ups sollen sich hier treffen und austauschen. Damit aber kein elitärer wissenschaftlicher Elfenbeinturm entsteht, damit Forschende wirklich höchst real in die Stadt kommen, dort leben und arbeiten und nicht nur vom fernen Homeoffice aus zugeschaltet sind, soll das an das Gelände des CIC angrenzende Lok-Viertel zur autarken Musterstadt der Zukunft werden, die auch in 20 Jahren noch zeitgemäß und lebenswert ist.

Vor allem das Prinzip Nachhaltigkeit steht im Fokus. "Wir haben die einmalige Chance, die Innenstadt um ein zeitgemäßes und zukunftsgewandtes Stadtviertel zu ergänzen, Arbeiten und Wohnen am Ort zu verbinden, junge Forscher, neue und gestandene Unternehmer anzusiedeln, Kinder zu betreuen, älteren Menschen Geborgenheit zu geben und die Grundsätze einer nachhaltigen wie klimaneutralen Stadt beispielhaft um-zusetzen", erklärt Felix Osterheider den Anspruch der Stiftung. 

"Wir wollen ein autarkes Viertel, das Bauherren, Energieversorgern, Mobilitätsanbietern und vor allem den Menschen Möglichkeiten bietet, etwas auszuprobieren, was man vielleicht andernorts skalieren kann. Dabei möchten wir keine Wolkenkuckucksheime schaffen, sondern etwas, was unserer Zeit voraus ist, das man aber weiter ausrollen kann, wenn es funktioniert." Einem VTOL-Flugtaxi-Unternehmen haben die bodenständigen Niedersachsen denn auch erst mal eine Absage erteilt.

Eine "Schwammstadt" gegen die Flut

Ein runder Plan: Die städtebauliche Konzeptstudie für das Lok-Viertel zeigt deutlich den prägenden Ringlokschuppen sowie den Green Loop.

Als eine Art Enklave kann das Lok-Viertel versorgungstechnisch nach den Prinzipien einer Kreislaufwirtschaft geplant werden. Regenerative Strom-, Wasser-, Wärme- und Kältehaltung, Vorfabrikation und Hybridbauweisen garantieren einen nachhaltigen Bau und Betrieb des neuen Osnabrücker Stadtteils. Die Energieversorgung übernimmt EnBW Contracting, dessen ExpertInnen an einem Konzept arbeiten, das neben der Abwärme eines Vodafone-Rechenzentrums und Geothermie auch eine Kooperation mit dem Volkswagenwerk nebenan, etwa bei der Nutzung von Wasserstoff, untersucht. „Natürlich ist auch Fotovoltaik Thema“, sagt Stiftungschef Osterheider, „allerdings konkurriert das damit, dass wir die Dächer als wasseraufnehmende Flächen brauchen, denn das Lok-Viertel ist als ,Schwammstadt‘ konzipiert.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal ist uns gut in Erinnerung. "Das Stadtplanungs- und Architektenbüro Venus (vormals Blauraum), das mit Karresen Brands (Niederlande) und den Landschaftsarchitekten Greenbox den Wettbewerb gewonnen hat, sieht einen Mix aus öffentlichem und privatem Raum vor. 60 Prozent der Fläche sind 2100 Wohnungen für 3500 Menschen vorbehalten. Ein Drittel davon ist subventionierter Wohnraum, um vielen Menschen ein gutes Leben in der Stadt zu bieten und milieuübergreifendes Wohnen zu erreichen. 

Diese leben dann in einer "offenen und transparenten Stadt, die alle Generationen und Milieus einlädt", so die Pla-nenden. In der sie Arbeitsplatz, Freizeiteinrichtungen, Arztpraxen, Grundschule, Kita oder Läden in maximal 15 Minuten zu Fuß erreichen können. Die Bebauung nimmt Rücksicht auf die identitätsstiftende Historie des Geländes: Der alte Güterbahnhof, der Aussichtsturm, der Wachturm und ein Bunker, die die Fläche prägen, sollen zwischengenutzt, um-gebaut oder zumindest ihre Materialen recycelt werden. Teile der Rampen und Lagerhallen finden als Markthalle oder Food-Court Verwendung und das Skelett der südlichen Lagerhalle könnte zum Gewächshaus werden.

"Wir wollen Mut machen, Bauformen, Baumaterialien, Straßenführung und Ähnliches auszuprobieren."
Felix Osterheider

Autos müssen draußen warten

Ein Green Loop, 43 000 Quadratmeter Stadtgrün längs durchs Viertel, nimmt die Klimaveränderung voraus. Felix Osterheider: "Wir nutzen Pflanzen, die Schatten spenden, aber nicht zu tief wurzeln, um Leitungsbau wie Retention zu ermöglichen." Ein Food-Court mit Außengastronomie und Markt hilft, auch OsnabrückerInnen, die nicht hier wohnen, zu locken. Autos wird es im Lok-Viertel keine geben. 

Private Fahrzeuge bleiben "vor der Türe", in zwei Mobilitätshubs, die als Parkhäuser mit E-Ladestationen, Car-Sharing-Plätzen oder als Fahrradparkhäuser funktionieren. Auf dem Gelände übernehmen eines Tages teilautonom fahrende E-Fahr-zeuge die letzte halbe Logistikmeile oder dienen als Shuttlebusse, die durch das Viertel kreisen. In acht bis zehn Jahren wird das Lok-Viertel fertig und bezogen. Etwa 2030 wird Osnabrück mit einem großen Sprung in der Zukunft landen.