
Wohnen im Kloster: Wie Milla Novo sich ein gemütliches Zuhause schuf
Das erwartet Sie hier:
Es gibt Häuser, die beeindrucken. Und es gibt welche, die berühren. Das Zuhause der Künstlerin Milla Novo und ihres Mannes Nigel Nowotarski gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wer die schweren Türen des ehemaligen Klosters St. Lucia im niederländischen Bennebroek aufstößt, betritt keinen gewöhnlichen Wohnraum, sondern eine Welt aus Geschichte, Handwerkskunst und persönlicher Transformation. Hier verschmelzen jahrhundertealte Wandmalereien mit zeitgenössischer Textilkunst, spirituelle Ruhe mit kreativem Schaffensdrang und die Vergangenheit eines sakralen Gebäudes mit dem modernen Leben einer internationalen Künstlerfamilie.
Engel im Putz: Eine überraschende Entdeckung beim Umbau

Schon die Anfahrt vermittelt eine Ahnung dessen, was hinter den historischen Mauern wartet. Die alte Klosteranlage liegt eingebettet in üppiges Grün, fernab der Hektik von Amsterdam, das in rund einer halben Stunde mit dem Auto zu erreichen ist. Hohe Bäume säumen die Wege, Vögel zwitschern und der Blick schweift über einen weitläufigen Gemeinschaftsgarten, der ausschließlich den BewohnerInnen des Anwesens zur Verfügung steht. „Jeden Morgen fühlt es sich an, als würden wir in einem Ferienhaus aufwachen“, sagt Milla Novo. Es ist ein Satz, der zunächst wie eine romantische Übertreibung klingt. Doch nur wenige Minuten in diesem Haus genügen, um zu verstehen, was sie meint.
Die ungewöhnliche Architektur war einer der Gründe, weshalb viele InteressentInnen vor dem Kauf des historischen Gemäuers zurückschreckten. Für Milla hingegen war sie genau das Richtige: „Für mich war es von Anfang an mein Traumhaus“, sagt sie. „Die Aufteilung ist unkonventionell, aber für uns ist sie perfekt.“ Tatsächlich präsentierte sich das Innere überraschend unspektakulär, als Milla und Nigel das Haus kauften. Weiße Wände überall, die Räume wirkten funktional, beinahe nüchtern. Doch schon bald zeigte sich, dass die Mauern mehr Geschichten in sich trugen, als zunächst sichtbar war. Während der Renovierungsarbeiten entfernten die neuen EigentümerInnen an einer Stelle vorsichtig den Putz. Darunter erschien das Gesicht eines Engels. Wenig später entdeckten sie weitere Figuren. Nach und nach kamen großflächige Wandmalereien zum Vorschein — religiöse Darstellungen, die jahrzehntelang verborgen gewesen waren.

„Ich bin nicht religiös“, erzählt Milla, „aber in diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass es so sein sollte. Als würde die Geschichte des Hauses durch die neuen Wände hindurch wieder sichtbar werden.“ Statt die Malereien zu überdecken, beschlossen Milla und Nigel, sie zum Herzstück ihres Zuhauses zu machen. Heute bilden die restaurierten Fresken den Hintergrund eines Wohnbereichs, der sich dort befindet, wo einst der Altar stand. Unterhalb dieses Bereichs wurde ein versteckter Raum eingerichtet, der als Spielzimmer dient — eine charmante Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart und eine Neuinterpretation sakraler Architektur für das moderne Familienleben. So bleibt die ursprüngliche Geschichte des Gebäudes stets präsent, ohne jemals museal zu wirken. Vielmehr entsteht ein faszinierendes Nebeneinander verschiedener Epochen.



Von Chile nach Europa: Die Wurzeln von Milla Novo
Wer Milla Novos Arbeiten kennt, sieht auf den ersten Blick die Verbindung zwischen ihrer Kunst und ihrem Zuhause. Beides lebt von Kontrasten: Tradition und Moderne, Handwerk und Innovation, Spiritualität und zeitgenössisches Design. Milla Novo zählt heute zu den spannendsten TextilkünstlerInnen Europas. Bekannt wurde sie durch ihre großformatigen, handgeknüpften Wandteppiche, die weltweit in Privathäusern, Hotels und öffentlichen Räumen zu finden sind. Ihre Werke bestehen aus aufwendig geknüpften Textilien, deren Strukturen an Landschaften, architektonische Formen oder abstrakte Reliefs erinnern. Charakteristisch sind die eigens entwickelten metallischen Seile in Gold-, Bronze- und Schwarztönen, die das Licht auf außergewöhnliche Weise reflektieren.
Im ehemaligen Kloster finden diese Arbeiten ihre perfekte Bühne: Goldene Fasern schimmern vor historischen Wandmalereien, großformatige Textilinstallationen durchbrechen die Strenge der Architektur und moderne Möbel stehen selbstbewusst neben jahrhundertealten Details. Nichts wirkt inszeniert, alles scheint organisch gewachsen. „Ich liebe Räume mit Seele“, erklärt Milla. „Perfektion interessiert mich nicht, mich interessieren Geschichten.“
Die Wurzeln dieser Haltung reichen weit zurück. Milla Novo wurde als Tochter chilenischer Eltern geboren und wuchs mit den handwerklichen Traditionen der Mapuche auf, der größten indigenen Bevölkerungsgruppe Chiles. Ihre Mutter lebt bis heute in Chile und spielt eine aktive Rolle innerhalb der Mapuche-Gemeinschaft. Schon früh brachte sie ihren Töchtern traditionelle Techniken des Webens und Knotens bei. „Handwerk gehörte einfach zu unserem Alltag“, erzählt Milla. „Wir haben Armbänder geknüpft, gewebt und Dinge auf lokalen Märkten verkauft. Das war für mich selbstverständlich.“ Diese frühen Erfahrungen prägen ihre Arbeit bis heute. Viele ihrer Werke enthalten abstrahierte Symbole und Muster, die auf die visuelle Sprache der Mapuche zurückgehen. Dabei geht es ihr nicht um Folklore oder Nostalgie. Vielmehr versteht sie ihre Kunst als zeitgenössische Interpretation eines kulturellen Erbes. Sie sagt: „Ich möchte Tradition nicht reproduzieren, ich möchte sie weiterentwickeln.“

Vom Burn-out zur künstlerischen Entfaltung
Bemerkenswert ist, dass Milla Novo ihre Karriere als Künstlerin vergleichsweise spät begann. Mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete sie als Flugbegleiterin, ein Beruf, der sie schon als Kind faszinierte. Doch die ständigen Zeitzonenwechsel und die körperliche Belastung führten zum Burn-out und zwangen sie schließlich dazu, ihren Lebensstil zu überdenken. In dieser Phase kehrte Milla zu den Techniken ihrer Kindheit zurück. Was zunächst als persönlicher Heilungsprozess begann, entwickelte sich unerwartet zu einer künstlerischen Laufbahn. „Knoten wurde zu einer Form der Meditation“, erinnert sie sich. „Jeder einzelne Knoten half mir, wieder zur Ruhe zu kommen.“
2017 richtete sie ihr erstes Atelier ein. Kurz darauf veröffentlichte sie eines ihrer Werke in den sozialen Medien. Die Resonanz war überwältigend. Innerhalb weniger Monate erhielt sie erste Aufträge. Internationale Designplattformen wurden auf ihre Arbeiten aufmerksam. Es folgten Kooperationen mit renommierten ArchitektInnen und InnenarchitektInnen sowie Präsentationen auf verschiedenen Designveranstaltungen. Heute werden ihre Arbeiten weltweit gesammelt.
Traditionelle Handwerkstechniken inspirieren DesignerInnen und KünstlerInnen immer wieder aufs Neue. Diese Beispiele zeigen, wie zeitgemäß Handwerk heute sein kann:
Kunst und Wohnen im ehemaligen Kloster
Ein zentraler Gedanke zieht sich durch Milla Novos Werk: Kunst soll nicht nur betrachtet werden, sondern einen Raum aktiv verändern. Deshalb denkt sie ihre Arbeiten stets architektonisch. Ihre großformatigen Textilien verbessern die Akustik eines Raumes, erzeugen Wärme und beeinflussen die Wahrnehmung von Proportionen. Besonders in minimalistischen Interieurs schaffen sie eine emotionale Ebene, die dort manchmal fehlt. Diese Wirkung ist im ehemaligen Kloster besonders deutlich spürbar. Die hohen Decken verstärken die Präsenz der Textilarbeiten. Gleichzeitig mildern die weichen Materialien die monumentale Architektur. Licht wandert über die metallischen Oberflächen und verändert die Räume im Laufe des Tages immer wieder neu. Man hat nicht das Gefühl, ein Haus zu betreten. Man erlebt eine räumliche Installation.



Milla Novos Kollektion „Bomba“: KI trifft auf Handwerk
Obwohl Milla tief in traditionellen Techniken verwurzelt ist, blickt sie offen in die Zukunft. Für ihre jüngste Teppichkollektion „Bomba“ experimentierte sie intensiv mit künstlicher Intelligenz. Mithilfe digitaler Bildgeneratoren entwickelte sie Entwürfe, die anschließend durch moderne robotergestützte Tufting-Technologien realisiert wurden. Die daraus entstandenen Teppiche wirken überraschend organisch: farbenfroh, skulptural und von einer beinahe psychedelischen Energie. Für Milla stellt die Verbindung von Handwerk und Technologie keinen Widerspruch dar. „Tradition und Innovation können nebeneinander existieren“, sagt sie. „Beides eröffnet neue Möglichkeiten.“
Trotz aller internationalen Projekte bleibt das Herzstück ihres Alltags ein kleiner Bereich im ehemaligen Kirchenraum. Jeden Morgen beginnt Milla dort mit Meditation oder Yoga — direkt vor den freigelegten Engelsmalereien. Das Licht fällt durch die hohen Fenster auf die historischen Figuren. Die Geräusche der Außenwelt scheinen weit entfernt. Für einen Moment verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart vollständig miteinander. „Das ist der magischste Ort im Haus“, findet Milla.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieses Zuhauses. Es erzählt keine perfekte Designgeschichte. Es ist kein makelloser Showroom. Stattdessen ist es ein lebendiger Ort voller Erinnerungen, Zufälle und Entdeckungen. Ein ehemaliges Kloster, das seine Geschichte wiedergefunden hat. Ein Zuhause, in dem Engel aus den Wänden treten, während goldene Fäden neue Geschichten knüpfen. Und ein Ort, der eindrucksvoll zeigt, dass die schönsten Räume nicht allein gestaltet werden — sie entstehen dort, wo Architektur, Kunst und das Leben miteinander in Dialog treten. •